So weit der Gummistiefel fliegt
31.07.2009 | 06:53 Uhr 2009-07-31T06:53:00+0200
Hagen/Rauen. Olympische Weihen werden ihm damit wohl nicht zuteil werden - aber: „Gummistiefelweitwurf hat durchaus einen sportlichen Anspruch”, versichert der Hagener Christoph Geist. An diesem Wochenende will der 22-Jährige das meisterlich unter Beweis stellen.
Nicht bei dem Wettbewerb auf der Kanalinsel Guernsey, wo am Samstag ein eher spaßiges Kräftemessen zwischen Einheimischen und Touristen im Schwimmen, Tauziehen, Gummistiefelweitwurf oder Sandburgenbauen stattfindet. Nein: Zusammen mit seiner nicht minder erfolgreichen Freundin Maria Bürger (25), die immerhin vor zwei Jahren mit 35,10 Metern den deutschen Rekord bei den Frauen aufstellte, nimmt der Deutsche Meister des Jahres 2007 am ernst zu nehmenden Latex-Cup in Rauen bei Fürstenwalde teil. Hier gilt es morgen seine Vorjahres-Messlatte von 46,22 Metern zu verteidigen.
Eine Deutsche Meisterschaft auszurichten, dafür „hat sich in diesem Jahr keiner gefunden”, bedauert Geist. Die WM wurde kürzlich in Finnland ausgetragen, wo das „ein richtiger Volkssport” sei. So stellen die Nordlichter denn auch zumeist den Weltmeister - ihre Reichweiten mit dem Gummistiefel liegen in umwerfenden über 67 Metern.
Die Stiefelwerfer-Szene ist noch recht klein.
In Deutschland gibt es bundesweit sechs Vereine, in denen „Gummi” gegeben wird: GibGummi 03, Berlin; Gib Leder 04 Döbeln; 7 Meilenstiefel; 1.GWV Rauen Latex 04, TWG Schlabbeschubser, Spitzsteingummi.
Außerdem gibt es die Weltcup-Veranstaltungen, bei denen es zehn Mal im Jahr um Punkte geht. „Finnland, Schweden, Estland, Polen, Italien und Deutschland”, zählt der Hagener auf, nehmen teil. Und das Wettkampfmaterial wurde extra für sie gefertigt. Denn wer da etwa glaubt, er könne mit ausgelatschten Stiefeln an den Start gehen, der irrt. Ehrensache, dass die ersten Gummi-Wurfgeschosse im Mutterland dieses Sports, in dem auch Handys um die Wette fliegen, gefertigt wurden: Der finnische Mobiltelefon-Hersteller Nokia ließ es sich nicht nehmen, das Material zu liefern.
»Komm, wir werfen die«
Doch offenbar war es nicht windschnittig genug. Inzwischen wird es von einem italienischen Hersteller gefertigt, der sonst Arbeitsschuhe produziert.
Zum Teil wird das Wettkampfmaterial vor Ort gestellt. Doch Experten wie Geist oder die dreifache Deutsche Meisterin Maria Bürger haben natürlich eigene Stiefel: „Jeder von uns hat zwei Paar”, erzählt Geist. „Die Finnen suchen die zulässigen Wettkampfstiefel aus und verschicken sie.” Frauen erhalten Exemplare der Größe 38 mit 750 Gramm Gewicht, Männer Größe 43 mit einem Kilo Gewicht - egal, ob sie passen oder nicht.
Denn der Schuh will ja geworfen werden und nicht getragen. Mit den ausgefeiltesten Techniken zudem. Könner wie die Hagener greifen beim Schleudern in den Schaft, Spaß-Werfer bevorzugen den Absatz. Die richtige Technik haben sich Christoph und Maria im „richtigen” Sport angeeignet: Er ist Diskuswerfer, sie Hammerwerferin. In der Leichtathletikabteilung des TSV 1860 Hagen trainiert der Student und gelernte Fitnesskaufmann ebenso wie Maria zwölf- bis 15-jährige Kinder und Jugendliche - „aber nicht im Gummistiefelweitwurf”, wie der 22-Jährige versichert.
Selbst ist er durch einen Onkel an den ungewöhnlichen Sport geraten: „Der hat mal zu Ostern solche Stiefel mitgebracht und gesagt, ,komm, wir gehen mal raus und werfen die'.” Das machte dem damals 17-Jährigen so viel Spaß, dass er auch Mitschüler mit seiner Vorliebe ansteckte.
»Bis zum Abitur haben alle mitgemacht«
Bis zum Abitur hätten alle eifrig mitgemacht, „doch heute fehlt einfach die Zeit”. Auch seiner Freundin Maria, die in Dortmund als Sachbearbeiterin ihr Geld verdient und abends „Business Administration” studiert. Wer glaubt, Gummistiefelweitwurf sei nur etwas für junge Leute, irrt: Geist „weiß von einer Berlinerin, die ist in der Altersgruppe W 55 Weltmeisterin geworden”.
Was neben Zeit auch fehlt, ist das Geld: Die Reisen zu den diversen Auslands-Cups sind teuer, ebenso die Fahrten zum eigenen Verein. Der ist nämlich weit weg im Osten Deutschlands in Döbeln, heißt „Spitzsteingummi 05” (abgeleitet vom Döbelner Hausberg Spitzstein) und hat die ersten „Gehversuche” des damals noch dort beheimateten jungen Stiefelwerfers erlebt.

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