So kommt Griechenland wieder auf die Beine - WR-Klartext in Dortmund
15.02.2012 | 11:26 Uhr 2012-02-15T11:26:00+0100Dortmund/Holzwickede. In der WR-Veranstaltungsrunde „Klartext“ diskutierten Experten zur Eurokrise und über Wege, Griechenland zu retten - und kamen nach über drei Stunden im Hülpert-Porschezentrum Dortmund zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Vor 20 Jahren, am 7. Februar 1992 wurde der Vertrag von Maastricht unterschrieben. Vor zehn Jahren wurde der Euro als gemeinsame Währung zunächst für 12 EU-Länder eingeführt. Und heute? Der Geist von Maastricht scheint verflogen, Griechenland ist am Boden. Gibt es Wege aus der Krise? War der Euro aus deutscher Sicht ein Fehler? Zeit, „Klartext“ zu reden, wie WR-Chefredakteur Malte Hinz findet. Die Westfälische Rundschau lud am Dienstagabend ins Hülpert-Porschezentrum am Dortmunder Flughafen Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ein, um darüber zu diskutieren.
D-Mark bleibt Geschichte
„Die Überlegung, Deutschland in den Euro-Währungsraum zu überführen, ist heute richtiger denn je“, ist Nordrhein-Westfalens Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) fest überzeugt. Die D-Mark ist und bleibt also Geschichte. Dass wir den Beitritt zur Währungsunion nun teuer bezahlen müssten, scheint ein Trugschluss zu sein. Richtig ist, dass kein anderes Land innerhalb der EU so stark vom Euro profitiert wie Deutschland. Und zwar insbesondere von den Schwächeren – sogar in mehrerlei Hinsicht.
Da ist der Export. Rund die Hälfte aller aus Deutschland exportierten Güter landet in Europa. Die einheitliche Währung ist dabei von enormem Vorteil. Es gibt keine Wechselkursprobleme, die einen Güterfluss in die Nachbarländer erschweren könnten.
Deutschland profitiert von der Krise
Aktuell gibt es noch einen ganz anderen Vorteil. Deutschland profitiert von der Finanzkrise der umliegenden Länder. Noch nie konnte sich der Bund so günstig Geld beschaffen wie im Moment. Deutschland gilt nach wie vor als sicherer Gläubiger und hat jüngst sogar Geld dafür bekommen, dass es sich welches geliehen hat. Vorgestern lag der Zins für Bundes-Schatzanweisungen für Anleger bei 0,076 Prozent. Wie kommt das? Investoren meiden die Krisenländer, leihen Geld dorthin nur noch gegen hohe Zinssätze, wenn überhaupt.
Global betrachtet liege das daran, dass zu viel freies Kapital nach Anlageformen suche. „Die Rede ist immer von den Märkten, tatsächlich sind die Märkte die Vermögenden dieser Welt“, erläutert Wirtschaftsprofessor Heinz-J. Bontrup. Seine These: „Es ist dreimal mehr Kapital auf der Welt unterwegs als Schulden gegenüberstehen. Solange wir diesen Überschuss nicht durch Abwertung vernichten, kommt die Welt nicht mehr zur Ruhe.“ Bontrup hat dabei weniger den normalen Sparer im Blick als die Großanleger, sowohl institutionell über Fonds wie privat.
Nach Ansicht des Recklinghäuser Professors kann Griechenland nur gerettet werden, indem alle Schulden übernommen werden und zusätzlich noch in die Neuorganisation investiert wird. „Wir müssen den binnenwirtschaftlichen Kreislauf in Gang bringen und einen ökologischen Ausbau der Tourismusbranche fördern. Mehr ist nicht drin“, hält Professor Bontrup eine Industrialisierung des südeuropäischen Staates für vergebliche Liebesmühe. Sein Ansatz setzt allerdings voraus, dass in Griechenland nicht bis zum Exzess gespart wird . Das habe im Grunde mit Ökonomie nichts mehr zu tun. Bontrup bezeichnet das gar als „Voodoo-Ökonomie“.
Sparkurs ist zwingend
Anders Professor Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Er hält einen strengen Sparkurs ebenso wie eine strenge Begleitung der Neustrukturierung Griechenlands für zwingend.
In der Vergangenheit seien viele Millionen Euro aus Brüssel in die heutigen Krisenländer im Süden Europas geflossen. Außer Autobahnen sei davon nicht viel zu sehen. Die Reallöhne müssten – wie jetzt vorgeschlagen – deutlich zurück geführt werden, offen sei, in welchem Zeitraum dies passiere – also wie hoch der Druck sein wird. „Polit-ökonomisch hätte das griechische Parlament dem Sparpaket eigentlich nicht zustimmen dürfen. Am Ende wäre ein Austritt Griechenlands aber noch teurer“, glaubt Hüther. Rückblickend kritisiert der Ökonom auch die Banken scharf. „Die Kreditinstitute haben nicht Acht gegeben“, sagt Hüther mit Blick darauf, wie lange und wie viel Geld zum Beispiel nach Griechenland geflossen ist.
Nach vorne schauend hält der Wirtschaftsexperte es für zwingend, Griechenland an eine sehr kurze Leine zu nehmen. „Die Griechen müssen einen Teil ihrer Souveränität abgeben, das ist unvermeidbar.“ Dass eine Troika alle paar Wochen schaut, ob in Athen die Sparmaßnahmen eingehalten werden, sei nicht zielführend. Hüther skizziert das Prozedere ähnlich wie bei einem in Insolvenz geratenen Unternehmen.
Austritt ist schlechteste Variante
Die Variante „Austritt Griechenland“ erscheint allen Diskutanten die schlechteste . Wie die Rettung passieren soll, darüber wurde trefflich gestritten. Volkswirte wie Bontrup und Hüther haben ganz offenbar eine andere Sicht auf die Welt als ein Unternehmer wie Oliver Hermes, Vorstandsvorsitzender von Wilo SE. „Ich frage mich, wo ist das Geschäftsmodell der Zukunft? Und das müssten sich auch die südeuropäischen Länder fragen“, findet Hermes.
Wilo gehört eine Tochtergesellschaft in Griechenland, die wegen der Krise auch restrukturiert werden musste. „Wäre ich da mit dem Hammer durchgegangen, hätte ich alle Mitarbeiter verloren“, wirbt Hermes für Respekt und Feinfühligkeit im Umgang mit dem griechischen Volk. Für Griechenland hält Hermes mit Wilo an einem moderaten Wachstumskurs fest. Den Druck durch Sparzwang ins Unerträgliche zu erhöhen, hält er für falsch.
Finanz-Minister Borjans zu guter Letzt
„Ich glaube, von heute aus betrachtet ist es inzwischen einhellige Meinung: Griechenland hätte damals noch nicht in die Währungsunion aufgenommen werden dürfen. Aber nicht reinlassen ist etwas anderes als reinlassen und wieder rauswerfen. Das hätte nach meiner Auffassung fatale Folgen“, so Norbert Walter-Borjans.
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12:42
Es ist doch reine Interessenpolitik. Griechenland kann sich zwischen Euro und Deflation (weil die Inlandspreise dann sinken müssen) oder Drachme und Inflation (weil die Importpreise dann steigen) entscheiden.
Für den Rest der Eurozone ist die erste Variante besser, da die Forderungen nicht so offensichtlich sofort abgeschrieben werden müssen. Für Griechenland ist diese Variante schlechter, weil Deflation bekanntlich dazu führt, dass die Aufstockung des Olivenölvorrats aus einheimischer Produktion lieber noch etwas aufgeschoben wird - sprich die Wirtschaft wird abgewürgt. Die Eurozone zahlt im Gegenzug für das inzwischen nicht mehr allzu große Primärdefizit Griechenlands.
Bleibt die Frage, ob Griechenland aus dem Euro austreten will, wenn sich das Vorzeichen des Primärdefizits nach dem nächsten Sparpaket geändert hat. Immerhin kann man den Bürgern dann anbieten, ohne große Friktionen schnell noch 150 Mrd. Euro Bankguthaben in sichere Länder zu transferieren, private Schulden auf Drachme umzustellen und Staatsschulden nur nach Kassenlage zurückzuzahlen. Die griechische Wirtschaft kann sich dann wieder besser entwickeln und der Rest der Eurozone und die EZB muss den Bürgern sofort erklären, dass aus Krediten Defizite geworden sind.
13:47
Na - wer das glaubt wird selig. Schon seit 2 Jahren ist Griechenland total überschuldet und kann bei 355 Milliarden Euro Schulden bei gerade mal 11 Millionen Einwohnern noch nicht einmal mehr die ca 29 Milliarden (!) Euro Zinsen pro Jahr aufbringen. Die bisherigen "Sparbemühungen" haben die griechische Wirtschaft erkennbar abgewürgt und das BIP ist dramatisch gesunken. Bei mehr als 20 % in Steigerung begriffener Arbeitslosigkeit wachsen die Soziallasten und der griechischen Binnenwirtschaft fehlt mangels verfügbarem Geld der Konsum. Da muss man - eigentlich - kein Experte sein um zu ahnen, wo das enden wird - oder?
Seit 2 Jahren hat man es verpasst das internationale Völkerrecht um das Kapitel "Staatsinsolvenz" fort zu schreiben und sich auf die Pleite und die erforderliche Hilfe für das griechische Volk einzustellen. Statt dessen hat man Unsummen in dieses Fass ohne Boden geschüttet - zum Wohl der internationalen Hochfinanz - und hat die Kapitalflucht der reichen Griechen in das Ausland - Schweiz und Deutschland sind da u.a. die Nutzniesser - dadurch gedeckt.
Wer aber glaubt, dass die deutschen Gutmichel bei den bald hier anstehenden Folgen dieser Politik weiter ruhig bleiben werden, der könnte sich - eventuell - schwer getäuscht haben. Bei persönlichen Folgen könnte schnell aus dem Gutmichel ein Wutmichel werden. Einige Schwaben regen sich ja schon auf, weil wenige Milliarden in Stuttgart vergraben werden und dafür einige Bäume gefällt werden sollen.
13:20
Hach ja, der Hüther...Natürlich möchte er sparen. Immerhin ist er einer der Sprachrohre der Wirtschaft, die durch die Schwächung der Staaten eine Umverteilung öffentlicher Güter und Aufgaben zugunsten einiger weniger Privat- und Firmeninteressen möchte.
Eigens um diese Propaganda unters Volk zu mischen, wurde doch sein blödsinniges Institut gegründet.
Scheint aber zu fruchten. So glauben doch allenernstes Bürger, dass man eien Volkswirtschaft wie die "schwäbische Hausfrau" führen und mit betriebswirtschaftlichen Methoden saniern könne.
12:54
Auch auf die eigenen?
12:31
Deutschland profitiert in erster Linie vom Freihandel innerhalb des Binnenmarktes. Das Problem in der öffentlichen Debatte ist, dass der Euro immer mit dem Binnenmarkt gleichgesetzt wird. Polen ist auch kein Euro-Land und trotzdem geht für Deutschland nicht die Welt unter. Abgesehen davon, dass sich die Gewichte immer mehr in die Schwellenländer verlagern.
Vom Euro haben vor allem die jetzigen Krisenländer durch niedrige Zinsen profitiert - ein Vorteil, den sie aber nicht sinnvoll genutzt haben. Deutschland hat dagegen durch den Kapitaltransfer in den Süden jahrelang unter einer niedrigen Investitionsquote gelitten. Und dass Deutschland jetzt von der Krise profitiert, kann ja nicht Sinn der Sache sein.
Ansonsten bleibe ich dabei: Wenn eine dauerhafte und ineffiziente Transferunion verhindert werden soll, dann müssen einige Peripherieländer raus aus dem Euro.