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Schorlifizierung geht weiter

01.02.2012 | 19:11 Uhr

Die Entscheidung der Landesregierung, die Grundschulen bis zur 3. Klasse vom Zensurenzwang auf Zeugnissen zu befreien, steht wohltuend im Gegensatz zu manchen Fehlentwicklungen der letzten Jahre in der Schulpolitik, wie etwa dem rein Wirtschaftsinteressen geschuldeten Turbo-Abi nach bereits zwölf Schuljahren. Oder den zwischenzeitlich von der schwarz-gelben Vorgängerregierung wieder eingeführten Kopfnoten, was nicht mehr als ein tiefer Griff in die pädagogische Mottenkiste war und von Rot-Grün schnell korrigiert worden ist.

Beim Großteil der Eltern muss die Befreiung von Ziffernnoten für die Schüler der 3. Klassen allerdings nicht unbedingt als Fortschritt ankommen: Sie haben vielfach die Noten 1 bis 6 lieber als eine Beschreibung der Leistungen ihres Nachwuchses.

Dabei sagen die sechs Ziffern nur etwas über den Leistungsstand, nicht über tatsächliche Stärken oder Schwächen aus. Defizite oder eben auch Vorteile im Sozial- und Arbeitsverhalten lassen sich hingegen sehr wohl in wenigen Sätzen beschreiben. Insofern ist das Vorhaben der rot-grünen Minderheitsregierung keine Kuschelpädagogik, sondern ein Reformschritt – wenn auch ein kleiner.

Ein Manko allerdings bleibt: Die Neuerung ist eine Kann-Regelung und nicht bindend; jede Grundschule kann selber darüber entscheiden – was höchst wahrscheinlich zu dem erwarteten Flickenteppich bei der Leistungsbeurteilung in Nordrhein-Westfalen führen wird.

Statt der wachsweichen Vorgabe wäre eine landeseinheitliche, verbindliche Regelung erforderlich und auch angemessen. Wenn Politiker von der Richtigkeit einer Entscheidung überzeugt sind, sollten sie diese auch durchsetzen und dem eigenen Gestaltungsanspruch gerecht werden. Insofern geht die Schorlifizierung, die in der Politik um sich greift, weiter: Statt auf Sekt oder Selters wird auf Schorle gesetzt. Dabei schmeckt die meist am wenigsten und ist ein fauler Kompromiss. Dazu gibt es im konkreten Fall aber überhaupt keinen Grund.

Carsten Menzel

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