Rüthen rehabilitiert Opfer der Hexenverbrennung
31.03.2011 | 11:42 Uhr 2011-03-31T11:42:00+0200
Rüthen.Zur Zeit der Hexenverfolgung im 16./17. Jahrhundert wurden in Rüthen 169 unschuldige Frauen, Männer und Kinder hingerichtet – jetzt will der Stadtrat die Opfer rehabilitieren. Die 8a des Gymnasiums hatte das Vorhaben angestoßen.
Es ist der wohl ungewöhnlichste Antrag, über den die Ratsfrauen und Ratsherren im westfälischen Rüthen je zu befinden hatten: Am späten Donnerstagnachmittag (31. März 2011) steht die „sozialethische Rehabilitation“ der „während des 16. und 17. Jahrhunderts im Rahmen der sogenannten Hexenverfolgungen unschuldig verurteilten und hingerichteten Personen“ zur Abstimmung. Ein Antrag, der, wie der Bürgermeister des Städtchens im Kreis Soest, Peter Weiken, findet, nur auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint: „Wir schieben die Vorgänge von damals oft der Unwissenheit der Menschen zu, doch wenn man sich heutige Auswüchse von Rassismus, von Vorurteilen gegenüber gesellschaftlichen Gruppen oder Hetzkampagnen im Internet ansieht, so scheint es, dass wir manchmal nicht viel weiter sind, als die Menschen damals .“
Klasse 8a brachte Antrag in den Rat ein
Dieser Meinung waren auch die Schüler der Klasse 8 a des örtlichen Friedrich-Spee-Gymnasiums, die den Antrag in den Rat einbrachten. Sie haben sich im vergangenen Schulhalbjahr intensiv mit dem Thema befasst. In Rüthen, so erklärt Bürgermeister Weiken, ist das Thema präsent, durch den Hexenturm, der seinen Platz im Stadtbild hat, und in dem heute noch Folterinstrumente aus damaliger Zeit ausgestellt sind. „Da bekommt jeder als Kind beim Spaziergang die Hexen-Geschichten erzählt“, so Weiken.
Als Geschichtslehrerin Marion Wollschläger das Thema in der 8 a auf den Stundenplan setzte, war sie erstaunt, dass viele Schüler zwar von Hexenverfolgungen gehört hatten, aber nicht wussten, dass wirklich reine Willkür hinter Anklagen und Urteilen stand. „Es reichte die Denunziation durch einen missgünstigen Nachbarn, vermeintliche Zeugen wurden wahllos befragt, Geständnisse unter Folter erzwungen“, so Marion Wollschläger. Da das Thema die Schüler begeisterte und es zudem einen Bogen schlug zum Namensgeber der eigenen Schule, Friedrich Spee, der einst ein Kämpfer gegen die Hexenprozesse war (s. Kasten), lud sie Hartmut Hegeler in den Unterricht ein, einen pensionierten Lehrer, der sich seit Jahren dem Thema verschrieben hat.
Grete Adrian soll 1655 ein Pferd gerissen haben
Hegeler berichtete den Schülern, wie solche Prozesse abliefen. Zum Beispiel der von Grete Adrian aus dem Jahr 1655. „Eine nicht ganz unvermögende, verwitwete Bäuerin“, so Hegeler. Gegen sie gab es gleich mehrere „Anklagepunkte“. So wurde ihr zum Vorwurf gemacht, dass schon ihre Mutter der Hexerei angeklagt war, dass sie den geplanten Diebstahl von Schafen aus ihrem Stall so schnell bemerkt habe, dass diese Eingebung nur vom Teufel selber gekommen sein konnte, oder dass sie versucht habe, einen Knecht mit Milch zu vergiften.
Die wohl absurdeste Anschuldigung aber war, dass Grete Adrian in Gestalt eines Werwolfs das Pferd eines Nachbarn gerissen haben sollte. Die Frau leugnete, doch schließlich gestand sie unter mehrmaliger Folter alles, was man von ihr hören wollte: Dass sie das eigene Vieh und das des Nachbarn vergiftet habe, dass sie Unzucht mit dem Teufel getrieben habe, ja sogar, dass sie ihren eigenen Mann vergiftet habe. Der Rat gewährte der geständigen Frau schließlich die Gnade, vor dem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen geköpft zu werden. „Ein sehr typischer Ablauf eines solchen Prozesses“, erklärt Hegeler.
Die Verurteilten gelten noch heute offiziell als schuldig
169 Frauen, Männer und Kinder wurden auf diese Weise im 16. und 17. Jahrhundert unschuldig in Rüthen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihnen soll nun Gerechtigkeit widerfahren. „Die Schüler waren entsetzt, als sie feststellten, dass die unschuldig verurteilten Menschen heute offiziell noch als schuldig gelten“, erzählt Marion Wollschläger. Die Lehrerin fand heraus, dass es in anderen Bundesländern bereits Rehabilitationen gegeben hatte. „Die Schüler waren von der Idee begeistert.“ In ihrem Antrag formulierten sie unter anderem, dass sie eine Rehabilitation auch als Zeichen für ein faires und couragiertes Miteinander in der heutigen Zeit sehen, erklärt Wollschläger. Der Bürgermeister empfing die Schüler – und war schnell überzeugt. Auch einige Heimatforscher haben sich inzwischen dem Antrag angeschlossen. Die heutige Abstimmung, da ist Bürgermeister Weiken überzeugt, ist lediglich noch ein Vollzug.
Die Schülerinnen und Schüler, so berichtet Marion Wollschläger, werden der Ratssitzung beiwohnen. Sie hoffen nun, dass ihr Antrag ein Vorbild für andere Städte ist.

19:35
Die Hauptzeit der Hexenverfolgung war 1450 bis 1750. Die Hexenverbrennungen haben eine biblische Begründung:
„Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“
(2. Buch Mose, Kap. 21,17, Einheitsübersetzung)
In anderen Übersetzungen ist von Zauberinnen die Rede.
1468 veröffentlichte der Dominikaner Heinrich Kramer in Speyer den Hexenhammer. Dieses Buch beschreibt Ansichten über Hexen und Zauberer und leitet zu deren Verfolgung und Vernichtung an. Es erreichte 29 Auflagen.
Von Luther an haben sich auch Protestanten an diesen abscheulichen Verbrechen beteiligt:
„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden.“
Martin Luther, Predigt, 6.5.1526
„Die Zauberer oder Hexen, das sind die bösen Teufelshuren, die da Milch stehlen, Wetter machen, auf Böcken und Besen reiten, auf Mänteln fahren, die Leute schießen, lähmen, verdorren, die Kinder in der Wiege martern, die ehelichen Gliedmaßen bezaubern.“
Martin Luther, Werke Bd. X., Erlangen 1826ff
Klasse 8A: Klasse! Schön, dass es Jugendliche wie euch gibt.
17:30
Mich würde einmal interessieren, was die katholische Kirche dazu sagt...
Denn schließlich hat sie ja auch diese Urteile mitbegünstigt...
15:58
Kürzlich hörte ich einen Vortrag des auch im Artikel erwähnten Herrn Hegeler, der sehr sachkundig und fundiert darstellte, wie es zu diesen staatlich geförderten Ausschreitungen über mehr als hundert Jahre kommen konnte.
Leider machten sich einige der Besucher nach der Veranstaltung über das Thema lustig, was ich nicht angemessen fand. Es ist eines der schwärzesten Kapitel in unserer Geschichte und jede Stadt täte gut daran, sich ernsthaft mit dem Thema zu befassen.
Im Übrigen wurden ja nicht nur Frauen als Hexen verbrannt, sondern auch zahlreiche Männer, die als Hexenmeister oder Zauberer galten, und sogar viele Kinder.
15:36
Die Hexenverfolgung mit vielen gefolterten und getöteten Menschen ist heute für uns vor allem deshalb interessant, weil diese unverrückbar zu den vielbeschworenen christlich-jüdischen Traditionen gehören, hinter die sich Menschen stellen müssen. Muslime sollen aus diesem Weltbild ausgeschlossen sein. Die von den Konservativen propagierte deutsche Leitkultur krankt vor allem daran, dass sie ihre eigene Geschichte verleugnet und auch heute weiter in Feindbildern denkt und Völker aussortiert (Sarrazin). So ist es nicht verwunderlich, wenn Nazis nach dem Ende des Dritten Reiches wieder in Amt und Würden und in Ämter der Folgerepublik kommen konnten ohne dass hier Brüche erkennbar gewesen wären. Diese Saubermänner, die wesentlich am ideologischen Aufbau und Funktionieren des Machtappareates des NSDAP beigetragen haben, wurden zu tragenden Säulen der Regierungspolitik Adenauers. Dazu der Name: Globke! Dazu z. B. eine Organisation: das Auswärtige Amt. Da waren nach Gründung der Bundesrepublik mehr Alt-Nazis am Ruder als vor dem Ende der Hitler-Diktatur. Die ideologischen Wurzeln existierten also weiter. Das gleiche Spiel im Justizapparat mit Richtern, die in der NS-Diktatur gerichtet hatten und dies in der BRD weiter taten. Ader die sogenannte Polizei mit ihren Sonderkommissariaten K14. Da saßen die gleichen Figuren in gleichen Ämtern, wie vor dem Untergang der Nazi-Herrschaft und beschatteten die gleichen Leute, die sie auch schon vor der demokratischen Wende im Auge hatten.
Die sogenannte deutsch-jüdische Wertegemeinschaft: auf was ist sie also gebaut und gegen wen richtet sie sich heute? Gegen Hexen - gegen die eigene Vergangenheit?
15:23
Ist traurig, das erst Schüler auf die Idee mit der Rehabilitation kommen müssen. Wenn diese Opfer des Hexenwahns heute tatsächlich noch rechtlich schuldig sind, hätte das schon längst von den Städten geregelt werden müssen.
14:10
Gehört das jetzt eigentlich auch zu den von CDU/CSU vielbeschworenen Traditionen des Christlichen Abendlandes, zu denen sich die bösen Muslime bekennen müssen?
13:55
in unserer schule schon. hatte mich aber schon als kind interessiert das thema, da brauchte es kein auslandsstudium. traurig, so wenig eigenantrieb.
13:13
Auch das ist ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, über das ich erst im Auslandsstudium etwas erfahren durfte - kein Wort hat man hier in der Schule darüber gehört, dass ganze Dörfer frauenlos waren, vom Säugling bis zur Oma alle verbrannt.
Wenn da keine Droge im Spiel war, einfach unfassbar, so viel Fanatismus.