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Religion der strengen Moralisten

01.04.2009 | 18:17 Uhr
Religion der strengen Moralisten

Berlin. Nicht im calvinistischen Epizentrum Genf, nicht bei den Calvinisten in den Niederlanden - in der deutschen Hauptstadt ist die einzige große Ausstellung zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin zu sehen. Ausgerechnet in Berlin - wo die Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos ist.

„Die Leute dachten, das ist ein Aprilscherz.” Hans Ottomeyer, Stiftungspräsident des Deutschen Historischen Museums, freut sich über den doppelten Coup: Erstens, dass sie jetzt Calvin ausgerechnet in Deutschland gratulieren können, zweitens, dass sie in Berlin eine eigentlich unmögliche Aufgabe gelöst haben. Denn: Was soll man bei diesem Bilderstürmer, diesem strengen Moralisten und spröden Prediger eigentlich zeigen?

„Calvinismus - das ist ein Thema, das alle Sinnenfeindlichkeit vereint, das man vielleicht verstehen kann, aber doch nicht anschauen”, fasst Ottomeyer die bekannten Reflexe zusammen. Doch, man kann: Bis zum 19. Juli zeigt das Deutsche Historische Museum die epochenübergreifende Schau „Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa” - mit sprachgewaltigen Gemälden, Dokumenten, Alltagskunst und liturgischem Gerät.

Die „Reformierten” sind in der Minderheit

Unter den deutschen Protestanten sind die Nachfolger Calvins, die „Reformierten”, in der Minderheit. Nur zwei von 22 evangelischen Landeskirchen sind reformiert - die meisten der zwei Millionen Reformierten leben in unierten evangelischen Kirchen - wie in Westfalen. Mit Sorge betrachtet Jann Schmidt die Entwicklung: „In den unierten Kirchen neigen die Reformierten dazu, ihre Profilschärfe zu verlieren”, so der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche in Deutschland am Dienstag zur Eröffnung der Ausstellung. Theologiestudenten etwa hätten heute kaum eine Chance, sich auf die reformierte Lehre zu spezialisieren.

Protestantischen Kirchen in einer Union

In weitgehend konfessionslosen Berlin, wo heute sämtliche Protestanten zusammen mit rund 25 Prozent immerhin noch die größte religiöse Gruppe ausmachen, standen sich über Jahrhunderte das calvinistische Herrscherhaus der Hohenzollern und eine mehrheitlich lutherische Gemeinde gegenüber. Bereits zu Beginn der 19. Jahrhunderts regte jedoch der Theologe Friedrich Schleiermacher an, im preußischen Staatsgebiet die beiden protestantischen Kirchen in einer Union zu vereinigen.

Das Gemälde "Gottesdienst in der Nieuwe-Zijds-Kapelle in Amsterdam" von Hans Jurrianensz ist eines der Exponat in der Ausstellung "Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa"

Dabei war der Calvinismus nie Staatsreligion wie die lutherische Glaubensrichtung - sondern stets eine übernationale Bewegung: Bestens geeignet für Gläubige auf der Flucht, für Gemeinden ohne staatliches Patronat, für bedrohte Minderheiten, Vertriebene, Exilanten. Ein Glaube, der die Gläubigen versicherte: „Ihr versteht Euer Schicksal nicht, aber es ist Gotteswille”, so Ottomeyer.

Dass es „Wahlverwandtschaften” gibt zwischen dem Calvinismus mit seiner strengen Selbstdisziplin, mit Leistungsethos und Nützlichkeitscredo, und dem Geist des modernen Kapitalismus, hat der deutsche Soziologe Max Weber in seiner umstrittenen Schrift über den Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaftskraft zu beweisen versucht.

Gewisse Nähe zum Fundamentalismus

Auch von einer anderen Verwandtschaft ist beim Blick auf Calvins Lebensweg immer wieder die Rede: Von der Nähe zwischen Verfolgungsschicksal, religiösem Reformeifer und gewaltsamem Fundamentalismus. Gegen den Justizmord an dem freidenkerischen Wissenschaftler und Theologen Michael Servetus - er starb 1553 im calvinistischen Genf auf dem Scheiterhaufen - hatte Calvin jedenfalls nichts einzuwenden.

Calvin als Erfinder des Kapitalismus? Calvin als protestantischer Inquisitor? Die Debatte läuft noch immer. Eines aber scheint unumstritten: Die Calvinisten haben nicht nur die religiöse Landschaft in ganz Nordeuropa verändert, sie haben auch die Kunst beeinflusst. Parallel zur Verbannung von Gnaden- und Heiligenbildern aus den Kirchen blühte vor allem in den Niederlanden der Markt mit Alltagsmotiven, Stilleben und Familienszenen auf. Einige davon sind bloß volksmoralisch aufgeladen, einige sogar kirchenpolitisch brisant: Susanna van Steenwijcks „Innenansicht einer gotischen Kirche” von 1639 etwa zeigt, wie sich ein paar Männer mit Hut, Hund und Waffen zwischen Kirchenbänken lümmeln. Ein Affront gegen die alte Lehre, gegen klerikale Rituale. Ottomeyer: „Das ist blanke calvinistische Propaganda”.

Julia Emmrich

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