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Pfarrer in Jeans verließen die Kanzel

22.04.2008 | 17:08 Uhr
Pfarrer in Jeans verließen die Kanzel

Der Muff, gegen den die Achtundsechziger angingen, hing nach ihrer Ansicht auch unter den Talaren der Pfarrer. Die Theologiestudenten stellten das patriarchalische Pfarrerbild in Frage, die Gottesdienstformen galten als fad, die Kanzel hatte ausgedient.

Die frommen Revoluzzer veränderten die großen Kirchen. „Die Pfarrer wollten keine Pfarrherren mehr sein”, erinnert sich der westfälische Präses Alfred Buß. „Vielen sah man das schon äußerlich an: Sie erschienen in bewusst legerer Kleidung: Jeans, Clogs, längere Haarpracht. Zunehmend gab es nun auch evangelische Pfarrerinnen.”

„Die Lehrpredigt ging an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei”, sagt der Hagener Theologe und Historiker Norbert Friedrich. Auf der Suche nach modernen Gottesdienstformen entstand das politische Nachtgebet, das eng mit dem Namen der evangelischen Theologin Dorothee Sölle verbunden ist. Aktuell gibt es Familien-, Jugend-, Krabbelgottesdienste - eine „irritierende Vielfalt”, wie Friedrich es nennt, die ihrerseits heute auf dem Prüfstand steht.

„Pfarrerinnen und Pfarrer wollten auf Augenhöhe mit den Menschen aller Altersgruppen kommunizieren”, erklärt Präses Buß. „Die Architektur von Kirchen aus dieser Epoche setzte die Kanzeln auf Bankhöhe herunter. Die Mitwirkung der Gemeindeglieder im Gottesdienst wurde großgeschrieben. Dabei wurde manche liturgische Tradition nicht mehr gepflegt, die heute wieder als wertvoll empfunden wird.”

Rückbesinnungen gelten auch der Rolle des Pfarrers. „Seelsorger, Prediger, Gemeindemanager – er weiß ja heute gar nicht mehr, was er ist”, sagt Friedrich. „Die Politisierung ist weg”, beobachtet er in der eigenen Gemeinde. Der Begriff der Emanzipation spiele keine Rolle mehr. Die neuen Lieder aber, die es in die Gesangbücher schafften, sind bis heute populär.

Buß weist auf die Fragen „nach Gerechtigkeit, Frieden und dem Leben in der einen Welt” hin, die 68 in den Vordergrund traten. Die Befreiungstheologie „fand großen Anklang; Texte von Ernesto Cardenal, Helder Camara oder Leonardo Boff wurden viel zitiert und gelesen.”

Fragen nach Gerechtigkeit richteten sich auch an die Bibel. „Jetzt wurden die Erzählungen der Bibel aus der Perspektive der Unterprivilegierten gelesen und als Befreiungsgeschichten entdeckt.” Allerdings, so Buß heute: „Über der Frage nach dem richtigen Tun kam die Suche nach den Quellen des Glaubens und die Pflege der Spiritualität im Alltag zu kurz.”

Schlaflose Nacht in besetztem Gotteshaus

Das gilt nach seiner Auffassung auch für die Rolle der evangelischen Kirche in der Gesellschaft. Sie habe sich klar als Anwältin des Lebens profiliert: für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. „Das ist bis heute eine ihrer Stärken”, meint Buß. Doch pflege sie nun beides: „ihre spirituellen Quellen und ihre Weltverantwortung. Und sie weiß, dass beides zusammengehört.”

Die katholische Kirche stand, wie es der frühere Dompropst des Ruhrbistums, Ferdinand Schulte Berge, rückblickend sieht, aufgrund ihrer hierarchischen Struktur noch stärker am Pranger. Der heute 89-Jährige ging mit den Herausforderungen gelassen um. Als seine Kirche in Essen besetzt wurde, „habe ich die Polizei weggeschickt und den Leuten gesagt: Ich schließe jetzt die Kirche zu”. Das habe ihm „eine schlaflose Nacht” beschert, aber die Geschichte sei glimpflich verlaufen.

Auf dem Katholikentag 1968 in Essen hätten Vertreter des „kritischen Katholizismus” kurzerhand ein Forum an sich gezogen. Schulte Berge: „Damals knisterte es an allen Ecken.” Die „Pillen”-Enzyklika Humanae Vitae erregte die Gemüter. Junge Priester und Laien äußerten Kritik und den auf die Nazizeit bezogenen Vorwurf: „Ihr Älteren habt auch versagt.”

19 Kapläne wandten sich in einem offenen Brief an den damaligen Bischof Hengsbach, der – wie der Weggefährte es ausdrückt – „Priester mit Bärten nicht liebte”. Sie waren skeptisch, stellten die Hierarchie in Frage, das Gebot der Ehelosigkeit. „Viele sind wegen des Zölibats weggegangen”, weiß Schulte Berge über die jungen Priester. „Viele hatten innere Schwierigkeiten mit der Kirche.”

Im Rückblick sagt er, „mit denen, die sich enttäuscht abgewandt haben, hätte sich die Kirche stärker auseinandersetzen müssen”. Wenn aber heute vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, eine Debatte über den Zölibat angestoßen wird, dann weist Schulte Berge das entschieden zurück: „Das bringt nichts. Den wird die Kirche in absehbarer Zeit nicht abschaffen.”

Petra Kappe

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