Nur vage Hoffnungen
15.11.2009 | 19:40 Uhr 2009-11-15T19:40:00+0100Zweifellos war es eine bewegende Trauerfeier im Stadion von Hannover, die mitfühlendsten pastoralen Worte kamen aus dem Mund des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger.
Sein Appell für mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander war der Ausdruck des Wunsches, dass der Freitod des Fußballers Robert Enke einen Wandel bezwecken möge. Dass ausgerechnet er, der höchste Fußballmann im Staate, des Deutschen Lieblingssport in eine Scheinwelt entrückte, machte ihn zum kompetenten Kritiker. Gegen Mobbing, gegen „das Kartell der Tabuisierer und Schweiger” werde er zu Felde ziehen, so sein Versprechen, und dabei rang er um Verbündete. Eine ehrenvolle Absicht, eine nur vage Hoffnung.
Denn der Profifußballsport funktioniert nach altherbrachten Prinzipien. Er ist eine Männerwelt fast mittelalterlicher Dominanz. Wer Schwäche zeigt, verliert. Wer Probleme offenbart, bekommt im Zweikampf auf dem Rasen die Antwort, körperlich wie verbal. Gerade das Torhüters-Dasein ist eine Drahtseilakt zwischen Held und Depp; ein persönliches Outing hätte fatale Auswirkungen bei Gegenspielern, Medien, und Fans. Denn Bewunderung überdauert selten eine Misserfolgsserie. Davor hatte Enke so viel Angst.
Doch auch wenn dieser tragische Tod den Fußball derart erschüttert, bleibt er doch ein Selbstmord. Eines verzweifelten Menschen, der aber eines nicht sein darf, ein Idol. Trotz aller Sympathien ist Enke eine Warnung für vier Millionen depressive Menschen in Deutschland. Und wenn viele davon sprechen, wieviel Mut es verlangt, wieviel Verzweiflung nötig ist, sich vor einen Zug zu werfen, denen sei entgegnet: Mut wäre gewesen, weiter zu leben, sich behandeln zu lassen, mit dem Leistungssport Schluss zu machen. Denn Enke hatte den Beistand seiner Familie und seines Psychologen. Er hätte wie Ex-Profi Sebastian Deisler andere Konsequenzen ergreifen können, als eine Familie, einen Lokführer und Menschen, die ihn verehrten, ins Unglück zu stürzen. Das ist die andere Seite.
Die eine, vieldiskutierte Seite ist die des sensiblen Menschen Robert Enke, der vor dem Leistungsdruck kapitulierte, der keine Chance sah, seine Angstzustände zu besiegen. Aber gerade das allgemeine Unverständnis verstärkt posthum seine Popularität im Volk. Weil Enke auch anders war, anders als die populären Kollegen wie der extrovertierte Oliver Kahn oder der selbstgefällige Jens Lehmann. Enke trug nicht die Macken der Torhüter in seiner Außenfassade. Enke gehörte den Fans, er war verletzlich. Umso größer die Anteilnahme.
„Fußball darf nicht alles sein”, hat Zwanziger den 35000 Trauergästen mitgegeben. Schön gesagt, wenn dieser Sport Fußballer in die soziale Oberklasse aufsteigen lässt, ohne Netz und doppelten Boden. Von der schönsten Nebensache der Welt zu sprechen, verbietet sich aber in diesen Tagen.

04:55
Zufriedenheit kann gefördert und erlernt werden.
Der tragische Selbstmord des Nationaltorwarts Enke scheint auch etwas Positives in Gang gesetzt zu haben: auf allen Ebenen der Gesellschaft gibt es nun erfreulicherweise ein Nachdenken darüber, was geändert werden sollte, um Ähnliches in Zukunft zu verhindern und allgemein Depressionen vorzubeugen.
Mir fallen hierzu folgende Beispiele ein, was angestrebt werden sollte:
Verringerung allen negativen Stresses in Familie, Schule, Ausbildung und Beruf (z.B. durch Zugestehen von mehr Zeit, um ein Ziel zu erreichen);
neues Schulfach „Lebenskompetenz und Glück“ (dafür Streichen der vielen stressigen Stoffe, welche - nach einer noch zu erstellenden wissenschaftlichen Analyse - sich für die meisten Schüler als nicht lebensnützlich erweisen);
mehr Zusammenarbeit (Teamwork) statt Konkurrenzdenken;
mehr Lebensqualität statt -quantität (z.B. gutes Betriebsklima wichtiger einschätzen als höheres Gehalt);
mit allen Sinnen leben (statt sich auf nur wenige zu beschränken) - und von daher mehr das „pralle“ Leben genießen;
mehr achten auf innere statt äußere Werte;
Menschenrechte als höchste Werte ansehen;
streben nach Freude am Sport oder an der Arbeit - statt nach Leistung oder Karriere (welche sich dann fast von alleine einstellen);
nicht zu viel erwarten, realistisch und dabei möglichst optimistisch denken;
von vornherein bei sich selbst und anderen mit Fehlern rechnen, welche zum Menschen naturgemäß dazugehören und für das Lernen sehr nützlich sind („Lob des Fehlers“);
Streben nach einem mittleren Schwierigkeitsniveau in Arbeit und Sport, welches weder zu leicht noch zu schwierig ist;
partnerschaftliche Grundhaltung (darauf achten, dass es sowohl einem selbst möglichst gut geht wie auch den Mitmenschen: denn wenn ich zu sehr auf mich achte, bekomme ich berechtigten Ärger mit den anderen; wenn ich mich zu sehr bemühe, dass es anderen gut geht, komme ich zu kurz und „brenne“ womöglich „aus“);
Andersartigkeit (der eigenen oder anderen Person) als Bereicherung des Lebens sehen („Vielfalt statt Einfalt“);
Lebensschwierigkeiten als einen notwendigen Motor des Lebens und als Herausforderung sehen;
Konzentration auf alles „Positive“ statt „Negative“ (z.B. in Medien, Erziehung, Schule, Sport, Beruf, Partnerschaft);
in allem „Negativen“ auch das „Positive“ entdecken (z.B. berichten etliche Krebskranke, dass sie nach der Diagnose „Krebs“ zunächst sehr deprimiert waren; erst da wurde ihnen die Kostbarkeit und Einzigartigkeit des Lebens bewusst und wie wenig liebevoll sie bisher damit umgegangen waren; sie fangen an, viel bewusster, intensiver zu leben, sich auch über Kleinigkeiten zu freuen und haben nun - dank Krebs oder besser aufgrund ihrer eigenen Umbewertung des Lebens - wesentlich mehr vom Leben; sie sagen, für ihr neues, besseres Lebensgefühl die Diagnose „Krebs“ sogar „gebraucht“ zu haben!);
schließlich: Freude und Dankbarkeit über jeden Tag, an dem man noch lebt, da dieses Leben mit seinen unendlich vielen positiven Möglichkeiten sehr gefährdet ist und schon in jeder nächsten Sekunde beendet sein kann.
Reinhard Moysich
(Diplom-Psychologe;
Psychologische und
Philosophische Praxis)
Wehlauer Str. 34
76139 Karlsruhe
(www.re-mo.de)
21:02
Wenn der Leistungsdruck im Profifußball so unendlich groß ist , dann lasst uns den bezahlten Fußball abschaffen. Ich werde ihn nicht vermissen und die Amateure wird es freuen. Bestimmt.
runningvalentino