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Nerven liegen blank

16.02.2012 | 18:54 Uhr

Das Trauerspiel nimmt bedrohliche Ausmaße an. Beleidigungen und Schmähungen zeugen davon, dass in Athen die Nerven blank liegen. Das Land steht vor dem Ruin; es fühlt sich von Europa gedemütigt, gegängelt, im Stich gelassen. Die Ausfälle gegen die Bundesregierung sind nicht in Ordnung und doch verständlich. Die Bevölkerung trägt ihre Verzweiflung auf die Straße, die Regierung steht ohnmächtig vor der Aufgabe, den Staat zu sanieren. Mit Sparen allein ist das nicht zu bewerkstelligen. Doch die Europäer ignorieren alle ökonomische Vernunft.

Sie müssten Griechenland mit einem Kraftakt auf die Beine helfen, mit einer Art Marshallplan, der Wachstum und Beschäftigung fördert. Stattdessen erzwingen sie Sparmaßnahmen, die Millionen Griechen ins Elend stürzen. Einen Weg aus diesem Elend, ein Licht am Ende des Tunnels weist die EU ihren Bürgern nicht.

Friss oder stirb, lautet die zynische Botschaft an Menschen, die buchstäblich zu Hungerleidern werden. Für eine Wertegemeinschaft ist das armselig und letztlich selbstzerstörerisch. Die Solidarität der Europäer ist das Fundament ihrer Einigung, die Demokratie die gemeinsame Basis. Selbst die wird außer Kraft gesetzt. Das ist schamlos, und die griechische Bevölkerung empört sich mit gutem Grund. Europa verlangt heilige Schwüre, die sie faktisch ihres Wahlrechts berauben. So verkommen Wahlen zur Farce.

Den Boden für diese Zuspitzung hat auch die Kanzlerin bereitet. Sie hat nicht nur die Schuldenbremse als Allheilmittel gepriesen und damit ein wirksames Krisenmanagement behindert. Sie hat die Griechen pauschal an den Pranger gestellt. Das Geschwätz von einem Volk, das über seine Verhältnisse lebt, facht Nationalismus an, von dem Angela Merkel zu profitieren hofft.

Das ist unanständig und schlicht falsch. Nicht die Griechen haben in Saus und Braus gelebt, sondern die Superreichen, die sich aus dem Staub gemacht haben, die Waffenhändler, mit denen Deutschland gute Geschäfte machte, und die Zocker an den Finanzmärkten, die Europa bis heute unbehelligt lässt.

Petra Kappe

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