Neonazis in unbekanntem Gewand als Autonome Nationalisten auch in Dortmund unterwegs
11.05.2011 | 15:18 Uhr 2011-05-11T15:18:00+0200
Dortmund.Ein Neonazi hat Glatze und trägt Springerstiefel. Das war früher. Heute tarnen sich rechtsradikale Autonome Nationalisten mit Elementen aus der linken Szene.
Rasierte Schädel, Springerstiefel, schwarz-rot-weiße Fahnen und Transparente in Frakturschrift: So traten Neonazis in der Vergangenheit bei Demonstrationen auf. Meist in Formationen, die einem militärischen Marsch glichen.
„Dieses Bild hat sich in den letzten Jahren gewandelt, besonders in NRW“, betont Jan Schedler. Der Sozialwissenschaftler von der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich mit der neuen Kultur des Neonazismus in Deutschland und hat die Entwicklung der letzten Jahre mit Fachkollegen in einem Sammelband skizziert. „Die sogenannten Autonomen Nationalisten bedienen sich Stilmitteln, die eigentlich der linken Szene zugerechnet wurden“, erklärt Jan Schedler. So treten die Anhänger oft schwarz vermummt auf, tragen Baseballcaps und präsentieren mitunter bunte Plakate mit englischen Parolen bei ihren Aktionen. „Anders als im traditionellen Neonazismus steht ihnen frei, was ihre Anhänger anziehen, welche Musik sie hören, wie sie sich präsentieren“, sagt der Sozialwissenschaftler. Eine Tatsache, die entscheidend zum gesellschaftlichen Gefährdungspotenzial beitrage. „Jugendliche, die sich früher von den strikten Regeln abgeschreckt gefühlt haben, finden bei den Autonomen Nationalisten einen leichteren Zugang vor.“
Was anfangs durch die neue Bewegung zufällig entstand, wird heute gezielt eingesetzt, um Jugendliche zu binden, etwa bei Konzerten, Graffitiaktionen oder Demonstrationen mit Eventcharakter. Mit Erfolg. „Bei unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass immer mehr und immer jüngere Jugendliche vor Ort sind“, sagt der Sozialwissenschaftler.
Dies wirke sich jedoch nicht mindernd auf das Gefährdungspotenzial aus. Im Gegenteil: „Anders als beispielsweise die NPD treten Autonome Nationalisten bei Demos äußert gewaltbereit auf, sowohl gegen Gegendemonstranten als auch gegen die Polizei“, bestätigt der Sprecher des NRW-Verfassungsschutzes, Jörg Rademacher. Gezielte Hetzjagden seien ebenso zu beobachten, wie Bedrohungen von politischen Gegnern und Migranten.
Von rund 4000 organisierten Neonazis in NRW geht der Verfassungsschutz aus, mehrere Hundert davon werden den Autonomen Nationalisten zugerechnet. „Nach unseren Beobachtungen dürfte die echte Zahl deutlich höher liegen“, sagt Jan Schedler. In jedem Fall habe sich die Anhängerschaft der Autonomen in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht. Und NRW ist dabei Hochburg, besonders im Raum Dortmund.
Eine Entwicklung, auf die man reagieren müsse, so der Sozialwissenschaftler. „Zwingend ist, die Bürger und Multiplikatoren wie Lehrer über die recht neue Erscheinungsform aufzuklären“, fordert Jan Schedler. Zudem gelte es, Strategien zum Umgang bei Demonstrationen zu erarbeiten, um dem neuen Gewaltpotenzial zu begegnen.
