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Familienbande

Nachtschicht

24.10.2007 | 15:42 Uhr

Die Leute vom Geheimdienst haben es nicht leicht. Falls sie unsere Wohnung abhören, werden sie sich fragen: Sind die so langweilig? Oder ist das ein besonderer Code?

Jeden Morgen fragen wir Eva: „Na, wie hast du geschlafen?“ Jedesmal sagt sie: „Ganz gut, eigentlich.“ Nach dem Kindergarten frage ich sie: „Na, was gab es heute zu essen?“ Jedesmal sagt sie: „Suppe.“ Nach der Musikstunde frage ich sie: „Na, wie war’s?“ Jedesmal sagt sie: „Nicht so gut. Wir sollten das Lied mit dem Männlein singen, das im Walde steht.“

So kommt man nicht weiter. Wenn man etwas über unser Leben herauskriegen will, darf man nicht mit Wanzen oder Richtmikrophonen anrücken. Man muss sich anschauen, was Eva gerade spielt: Zum Beispiel „Mutter und Kind“ mit ihrem Stoffbären.

Normalerweise spielt sie die Geschichte als Alleinerziehende. Neulich aber brauchte sie auf einmal einen Vater für den Bären. Ich sollte der Vater sein.

Eva zog dem Bären einen Schlafanzug an und legte ihn neben mich. „So, kleiner Bär, dann schlaf mal schön“, sagte sie zu dem Bären und zu mir: „Vater, pass‘ gut auf unser Kind auf.“ Dann ging sie ins Nebenzimmer. Ich saß da mit dem müden Bärenkind und wunderte mich: „Wieso schläfst du nicht bei uns, Eva?“ „Weil ich die Mutter bin, und ich kann besser auf dem Sofa schlafen.“

Ertappt. Und ich dachte immer, wenn sie so klein sind, bekommen sie die Hälfte gar nicht mit, und tief in der Nacht höchstens ein Drittel. Aber es stimmt: Wenn Eva zum dritten Mal hintereinander nachts in unser Bett kommt, flüchte ich aufs Sofa. Das liegt daran, dass wir das letzte Elternpaar in Deutschland sind, das noch auf einem 1,40 Meter breiten Bett schläft. (Ich träume ja von einem Familienbett, zwei Meter lang und 90 plus 60 plus 90 breit, aber finden sie dafür mal Spannbettlaken!)

Ich flüchte aber auch deshalb, weil ich nach drei Nächten keine Lust mehr habe, mir von einem Kleinkind im Flüsterton befehlen zu lassen, wie ich meine Arme und Beine auf der Matratze sortieren soll. „Mama, dreh‘ dich mal zu mir.“ Ich drehe mich zu ihr. „Nicht den Arm hierhin.“ Ich lege den Arm woanders hin. „Und das Bein weg.“ Ich schraube das Bein ab und lege es neben das Bett. „Können wir jetzt schlafen?“ Nein? Okay. Bevor ich noch weitere Verrenkungen machen muss, stehe ich auf, ziehe Taftröckchen und Spitzenschuhe aus und murmele: „Leute, das ist hier kein Ballettunterricht.“

Nun könnte man sagen: „Genieß‘ doch die Zeit, in der du nachts deine Nase in einen schlafwarmen Frottee-Ärmel drücken kannst und sich eine kleine Hand an deinem Finger festhält, um sicher durch die Untiefen der Träume zu steuern. Und mache dir keine Gedanken, wenn du mitten in der Nacht ein schlaftrunkenes Wesen an deiner Bettseite stehen spürst und es wortlos in eure Mitte hievst und deine Decke mit ihm teilst. Vergiss‘ einfach, was die Ratgeber schreiben: „Einmal ist kein Mal, aber zweimal ist eine schlechte Angewohnheit.“

Bärenmutter Eva jedenfalls hat sich neulich dann doch noch zu uns gelegt. Das Bärenkind fand es prima, der Vater auch. Und der Geheimdienst hat seine Sachen gepackt und Feierabend gemacht.

Julia Emmrich

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