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Schlaganfall

Mit viel Liebe zu neuem Lebensmut

11.05.2009 | 13:48 Uhr
Mit viel Liebe zu neuem Lebensmut

Witten. Hoher Blutdruck, Rauchen, Bewegungsmangel - all das sind Risikofaktoren für einen Schlaganfall. Bei Renate Schotte (68) traf keine dieser Voraussetzungen zu. Trotzdem platzte vor neun Jahren eine Ader in ihrem Kopf. Unter den Folgen leidet sie bis heute. Dennoch hat sie neuen Lebensmut.

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DER FAST-TEST

Mit dem FAST-Test lassen sich die Symptome eines Schlaganfalls überprüfen: Der Name steht für „Face - Arms - Speech - Time” (Gesicht, Arme, Sprache, Zeit) und geht „fast” (schnell):

Face: Bitten Sie die Person, zu lächeln. (Das Gesicht wird bei einer Lähmung einseitig verzogen).

Arms: Bitten Sie die Person, beide Arme nach vorne zu heben. (Bei einer Lähmung kann ein ARm nicht gehoben werden, sinkt wieder oder dreht sich.)

Speech: Bitten Sie die Person, einen einfachen Satz nachzusprechen. (Der Satz muss korrekt wiederholt werden, die Sprache darf nicht verwaschen sein.)

Time: Wenn eine dieser Aufgaben nicht gut ausgeführt werden kann, rufen Sie den Notarzt über Tel. 112 zum Transport in eine neurologische Stroke Unit.

Weitere Infos: www.schlaganfallhilfe.de

Es gab Tage, gibt sie zu, da wollte sie einfach nicht mehr. Da stand sie in der Klinik vor dem Fenster und wollte rausspringen, dem Ganzen ein Ende bereiten. „Aber ich konnte ja nicht!”, sagt sie und lächelt dabei. „Zum einen wäre ich gar nicht alleine aus dem Rollstuhl gekommen, und außerdem ließen sich die Fenster nicht öffnen. Die wissen schon warum. So wie mir, geht es vielen mit einem Schlaganfall.” Dass einen Menschen von heute auf morgen im wahrsten Sinne des Wortes der Schlag trifft, dass aufeinmal nichts mehr ist wie es war, dass man nicht mehr sprechen kann, eine gelähmte Körperseite hat und ständig auf die Hilfe anderer angewiesen ist - dieser plötzliche Schicksalsschlag ist schwer zu verkraften. „Ich habe ständig geheult. Immer wieder. Weil ich wusste, es geht nichts mehr”, blickt Schotte zurück. Heute ist sie viel viel weiter - in dem, was ihr Körper wieder leisten kann, aber auch in ihren Gedanken und Gefühlen. Doch es war ein langer und beschwerlicher Weg seit jenem Ostersamstag im Jahr 2000.

Mit netten Freunden hatten sich die Schottes zum Osterfeuer getroffen, gerade noch mit einem Gläschen Sekt angestoßen, als ihr aufeinmal schlecht wurde. „Ich konnte nur noch zu meinem Mann sagen: Mir ist so komisch, lass uns nach Hause gehen.” An viel mehr erinnert sie sich nicht mehr. Nur, dass sie irgendwann im Gras gelegen habe. Ihr Mann Günter erlebte diese Situation anders: „Sie hat nur noch gelallt. Dann sackte sie zusammen und ich sah, dass ihre Hand ganz dick und ihr Gesicht schief war. Da dachte ich sofort: 'Oh Gott', ein Schlaganfall. Hoffentlich bleibt nichts hängen.” Obwohl auch der Notarzt sofort dieselbe Diagnose stellte, seien viele wertvolle Minuten verstrichen, bis sie schließlich im Krankenhaus war: In der ersten Klinik, die man ansteuerte, gab es keine Kapazitäten mehr, so musste der Notarztwagen weiter bis zum Bergmannsheil nach Bochum fahren. Ein Glücksfall, wie das Ehepaar heute meint. „Wenn ich nicht dorthin gekommen wäre, wäre ich heute nicht so weit”, ist die 68-Jährige überzeugt. Gleich in den ersten Tagen bekam sie Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie. Die Gesichtslähmung bildete sich zurück, Renate Schotte lernte wieder zu sprechen. Was sie zu diesem Zeitpunikt nicht lernte - oder nicht lernen wollte - war, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte und für den Rest ihres Lebens mit den Folgen leben müsste. Das wurde ihr erst bewusst, als sie in der Reha-Klinik in Hattingen-Holthausen war, Studenten an ihrem Bett standen und auf Wunsch des Professors eine Diagnose stellen sollten. „Da habe ich überhaupt das erste Mal von einem Schlaganfall gehört”, blickt sie zurück. „Und da hat sie es noch nicht akzeptiert!” ergänzt ihr Mann. „Aber sie ist eine Kämpfernatur.”

Davon profitierte sie nicht nur in Holthausen, sondern anschließend auch in der Klinik in Hagen-Ambrock, wo sie sich weitere vier Monate zur Reha aufhielt. „Ich habe den Therapeuten gesagt: Ich bin doch nicht zum Urlaub hier! Ich möchte gefordert werden. Wenn Ihr noch eine Einheit frei habt, nehmt mich mit rein!” Und noch etwas half ihr, diese schwere Anfangszeit durchzustehen: „Ohne meinen Mann wäre ich nicht so weit”, sagt sie heute. „Er hat den größten Anteil.” Was ihr dabei besonders viel Kraft gegeben habe? „Einfach, dass er da war.”

Nicht nur in den Zeiten, als sie noch nicht sprechen konnte, als sie noch im Rollstuhl saß, als sie verzweifelt war, war er ständig an ihrer Seite. Das ist er auch heute noch. Er hilft ihr beim Anziehen, geht einkaufen und kocht. „Meine Frau ist mein Hobby geworden”, sagt der pensionierte Maschinenschlosser. Doch er weiß auch, nach nunmehr 46 Jahren Ehe: „Umgekehrt wäre es genauso gewesen.”

Die liebevolle Unterstützung des Partners, aber auch der eiserne Wille und die regelmäßige Therapie - auch jetzt noch mehrmals in der Woche - haben dafür gesorgt, dass Renate Schotte heute sogar wieder einige Schritte ohne Stock gehen kann, dass sie mühsam und ganz langsam mit der rechten Hand sogar die Türklinke herunterdrücken kann. „Ich habe mir viel erarbeitet”, bilanziert sie, „aber es war auch ein Geschenk: Der liebe Gott hat es so gewollt, dass ich mich wieder eingekriegt habe.” Ihr Mann formuliert es anders: „Wen die Götter lieben, den prüfen sie auf Erden.” Das sage er auch den anderen Mitgliedern in der Selbsthilfegruppe, die die beiden vor fast acht Jahren mit anderen Betroffenen gründeten.

Nur manchmal hadert Renate Schotte noch mit ihrem Schicksal: Dann, wenn sie sich mit ihrem Mann die Filme von den gemeinsamen Wanderurlauben anschaut. „Das tut mir weh, zu sehen, wie ich da gelaufen bin. Da könnte ich heulen”, sagt sie. Ob sie nach solchen Momenten jemals wieder vor einem Fenster stehen und überlegen würde, hinauszuspringen? Da schüttelt sie energisch den Kopf: „Im Leben nicht!”

Mehr zum Thema:

Stroke Units: Spezialisten für den Notfall

Mit Lifestyle gegen Schlaganfall

Katja Sponholz

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