Mit dem Finger den Wahlzettel lesen
17.05.2009 | 17:52 Uhr 2009-05-17T17:52:00+0200Wer seinen Stimmzettel zur Europawahl für fehlerhaft hält, nur weil das Papier rechts oben in der Ecke ein Loch hat, liegt falsch: Mit Hilfe dieses simplen Merkmals haben Blinde und Sehbehinderte die Chance, allein und ohne fremde Hilfe ihre Stimme abzugeben.
Menschen, die erblindet sind oder eine hochgradige Sehbehinderung haben, können mit dem glatten, langen Stimmzettel für die Europawahl am 7. Juni ungefähr so viel anfangen, wie ein Gehörloser mit einem Hörbuch: Eigentlich nichts.
„Der Anspruch auf geheime Wahl gilt aber auch für Behinderte”, hält Johannes Willenberg von der Landesgeschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen in Dortmund dem entgegen. Er selbst ist betroffen, hat nur noch ein geringes Restsehvermögen.
»Die Blindenschrift ist größer und braucht mehr Platz«
Gemeinsam mit freiwilligen Helfern schickt er daher ab heute über 2 000 Briefe auf die Reise an die Mitglider der Blindenvereine in Westfalen. Sie enthalten die Hilfsmittel, die es Sehbehinderten ermöglichen, ohne Hilfe einer anderen Person zu wählen.
Drei Teile wandern in die DIN A 4-großen Umschläge: eine Pappschablone, eine Anleitung in kontrastreicher Großschrift und eine Audio-CD, auf der die Anleitung auch aufgesprochen ist.
Die aufklappbare Pappschablone ist dem Stimmzettel nachempfunden. Außen sind alle 31 Parteien aufgeführt. Erhaben. In Blindenschrift. Dort, wo auf dem eigentlichen Stimmzettel der Kreis fürs Kreuzchen ist, hat die Schablone Löcher. Und oben rechts fehlt eine Ecke. Ganz bewusst.
„Wenn der Blinde seinen Stimmzettel in die Schablone legt und oben rechts an der Aussparung das Loch im Papier fühlt, weiß er, dass er den Stimmzettel richtig herum eingelegt hat”, beschreibt Johannes Willenberg das Prinzip und legt, wie zum Beweis, mit flinken Fingern flugs einen Stimmzettel in die Pappschablone.
Seine Fingerkuppen gleiten über die Blindenschrift, die für einen Sehenden allenfalls die Aussagequalität von angehäuften Prägepunkten haben. Dem Kreuz im Kästchen der Wahl steht für Johannes Willenberg allerdings nichts mehr im Weg.
Die mitgeschickte Anleitung erklärt nicht nur die Handhabung der Hilfsmittel, sondern zählt auch die Namen der Parteikandidaten auf, die eigentlch auf dem Stimmzettel stehen. Die Aufzählung passt nämlich nicht aufs Format der Schablone. „Die Blindenschrift ist größer und braucht mehr Platz.”
„Die weitaus meisten Blinden beantragen Briefwahlunterlagen und machen zu Hause, ganz in Ruhe, ihr Kreuzchen”, weiß Willenberg aus Erfahrung. – Wer aber füllt den Antrag für die Briefwahl aus? „Jeder hat bestimmt einen Menschen in der Nähe, der dabei hilft: aus der Familie, dem Freundeskreis oder der Nachbarschaft”, setzt Willenberg auf Solidarität. Er weiß: „Es gibt immer einen Einstiegspunkt, an dem es nicht ohne fremde Hilfe geht!”
Für Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen gibt es die Hilfsmittel, „nicht für die Kommunalwahl”, blickt Johannes Willenberg über den Tag der Europawahl hinaus. In Nordrhein-Westfalen fehle dazu die gesetzliche Grundlage.
Anders in Hessen. „Dort sollen die Städte und Gemeinden Schablonen bereitstellen, wenn sie dazu finanziell in der Lage sind”, so Willenberg.
Allerdings wäre die Bereitstellung der Hilfsmittel bei Kommunalwahlen eine „logistische Herausforderung”. Für die Stadt Dortmund würden pro Person drei Schablonen gebraucht: eine für die Wahl zum Stadtrat, eine für die Bezirksvertretung, eine für die Oberbürgermeisterwahl. Nur: „Dazu braucht es 55 verschiedene Beschreibungen: für jeden Wahlbezirk eine”, zeigt Willenberg das Ausmaß auf.

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