Immer mehr Kinder leiden an Schmerzen
02.02.2010 | 08:49 Uhr 2010-02-02T08:49:00+0100
Datteln.Chronische Schmerzen bei Minderjährigen nehmen zu: Über 200 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden an Migräneanfällen, Bauchschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen. In Datteln wird den jungen Patienten geholfen.
EIN TEUFELSKREIS
Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn die Schmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat über drei Monate hinweg auftauchen.
Die Folge sind Konzentrationsschwierigkeiten, Schulfehlzeiten und weniger Alltags- und Freizeitaktivitäten und Sozialkontakte. Zudem sind Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen mehr gefährdet, eine psychische Störung zu entwickeln.
Treten Gefühle wie Angst, Wut oder Hilflosigkeit häufig zusammen mit Schmerzen auf, wird ein so genanntes Schmerzgedächtnis ausgebildet. Dann reicht schon die Nachfrage „Hast du gerade Schmerzen?”, um den Teufelskreis in Gang zu setzen - selbst, wenn bis dahin keine Schmerzen gespürt wurden.
In der medizinischen und neuropsychologischen Grundlagenforschung gilt es mittlerweile als gesichert, dass chronischer Schmerz ein gelerntes Verhalten ist - also ein in Körper und Geist abgespeichertes Programm, das erst mit einer richtiggehenden Schmerztherapie wieder überschrieben werden kann und muss. Medikamente allein reichen dafür nicht aus. Ohne eine aktive Veränderung des Denkens, Fühlens und Verhaltens kann man man nicht erwarten, dass sich an den Schmerzen langfristig etwas verändern wird.
Michael Dobe/Boris Zernikow: „Rote Karte für den Schmerz. Wie Kinder und ihre Eltern aus dem Teufelskreis chronischer Schmerzen ausbrechen.” Carl-Auer-Verlag 2009.
www.kinderklinik-datteln.de, Tel. 02363 / 975 555
Sylvia Wagner sieht traurig aus. Und erschöpft. „Ich kann nicht mehr”, sagt die 41-Jährige aus Unna. Sie nicht, und ihre Tochter Nina auch nicht. Seit einem Jahr leidet die Elfjährige unter ständigen Kopfschmerzen und Gliederschmerzen. Häufig muss sie sich übergeben. An ein normales, unbeschwertes Leben ist nicht mehr zu denken. Allein im letzten Schulhalbjahr verzeichnete Nina 150 Fehlstunden; ihre Mutter hat inzwischen ihre Arbeit als Floristin und Tagesmutter aufgegeben. Immer wieder kam der Anruf aus der Schule: „Mama bitte komm, hol mich ab.” Doch alle Ärzte, die sie in den letzten Wochen und Monaten aufsuchten, konnten keine organische Ursache für die Schmerzen finden.
Erste Kinderschmerzstation Deutschlands
Jetzt stehen die beiden mit einem großen Koffer und noch größeren Hoffnungen und Erwartungen in einem Zimmer der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, das so gar nicht nach Krankenhaus aussieht. „Kajüte” steht an der Tür. Passend zu dieser besonderen Einrichtung, die einen besonderen Namen hat: Denn die Station „Leuchtturm” ist die erste Kinderschmerzstation Deutschlands und mit 15 Betten die größte weltweit. Pro Jahr melden sich in der dazugehörigen Ambulanz mehr als 1300 Kinder und Jugendliche. Vor allem die Eltern beschäftigt am Anfang vor allem eine Frage: Was ist der Grund für den Schmerz?
„Dabei kann man gar nicht nicht sagen: Das ist die eine Ursache”, sagt Chefarzt Prof. Dr. Boris Zernikow (45). Denn anders als bei akuten Schmerzen haben sich die chronischen schon von ihrer Ursache gelöst. Deshalb sei es richtiger, zu fragen: Was sind die Bedingungsfaktoren für den Schmerz? Denn für die gebe es immer drei Ebenen: eine biologische, eine psychologische und eine soziale. Und genau hier setzt das Konzept des Vodafone Stiftungsinstituts für Kinderschmerztherapie und pädiatrische Palliativmedizin an: mit einem vielfältigen Team aus Ärzten, Psychologen und Therapeuten berücksichtigt es sowohl körperliche wie auch seelische und soziale Aspekte bei der Behandlung. Das Ziel: Nicht nur die Schmerzen zu mindern, sondern vor allem auch, den Patienten zu helfen, besser mit ihnen umzugehen.
Einzelgespräche und Entspannungstechniken
Das Programm der drei Wochen, die die Kinder und Jugendlichen in der Klinik verbringen, ist entsprechend gut gefüllt: Es reicht von psychologischen Einzel- und Familiengesprächen über das Erlernen von Entspannungs- und Ablenkungstechniken und Physio-, Musik- und Kunsttherapie bis zum gemeinsamen Kickern, Schwimmen, Kinobesuch oder Kochen. „Die Kinder blühen hier regelrecht auf”, sagt Stationsleiter Jürgen Behlert (42). „Wir machen Fotos von ihnen, wenn sie kommen und wenn sie nach drei Wochen wieder gehen. Schon Wahnsinn, wie sie sich in der Zeit verändert haben. Viele würden am liebsten bleiben.”
Vielleicht, weil sie sich in der Leuchtturm-Station so wohl fühlen. Und - endlich einmal - so gut aufgehoben. „Es ist toll, dass hier alle so nett sind und einen verstehen”, sagt Vanessa (13) aus Mainz, die seit acht Jahren und „fast jeden Tag” Bauchschmerzen hat. „Hier sagt keiner, dass man ja eigentlich gar nichts hat.” Und da nicken die anderen Mädchen, die sich gerade mit ihr im Spielzimmer befinden, zustimmend: die 16-jährige Carlotta aus Münster, die seit Jahren unter Kopfschmerzen leidet und „bei jedem Arzt war, den es gibt”. Oder auch die 17-jährige Marie aus Hamburg, die gar nicht mehr zählen mag, wieviel Mediziner sich schon mit ihren Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen beschäftigt haben. „Hier sind andere, die einen verstehen. Und die Therapeuten wissen, dass man sich die Schmerzen nicht einbildet”, sagt sie.
Ein Viertel der Schulkinder klagt über Schmerzen
Ein Ansatz, der im Bewusstsein der Gesellschaft jedoch längst noch nicht verankert ist. „Heute kennt man vielleicht das Problem, dass die Kinder immer dicker werden”, sagt Dr. Boris Zernikow. „Aber nur wenige wissen, dass inzwischen ein Viertel aller Schulkinder regelmäßig über Schmerzen klagt. Dabei ist das eine riesen Anzahl.” Eine Ursache für die Probleme könnte - neben genetischen Gründen - sein, dass die Anzahl der Belastungsfaktoren pro Familie in den letzten 30 bis 40 Jahren deutlich gestiegen ist. „Finanzielle Probleme, elterliche Streitereien und Scheidungen, Mobbing und Schuldruck erhöhen die Stresssituation”, sagt Diplom-Psychologe Michael Dobe (36). Aber auch mangelnde Struktur im Alltag, elterliche Vernachlässigung oder Übervorsorglichkeit können eine Rolle spielen, dass aus einem akuten Schmerz irgendwann vielleicht mal ein chronischer wird. Im Schnitt dauert es dann drei Jahre - und den Besuch von fünf Ärzten und einen Krankenhausaufenthalt - bis die Betroffenen zum „Leuchtturm” in Datteln überwiesen werden. Dort jedoch fällt die Bilanz überaus positiv aus: Bei etwa 80 Prozent ist danach eine deutliche Besserung zu verzeichnen. Entsprechend positiv blicken auch die Patienten in die Zukunft: „Ich erwarte gar nicht, dass die Schmerzen ganz aufhören”, sagt Johanna (14) aus Selm. „Nicht weil ich glaube, dass die Therapeuten hier nichts können, sondern weil das gar nicht möglich ist. Aber ich weiß künftig besser, mit den Schmerzen umzugehen.” Mit sportlichen und schönen Aktivitäten wie etwa Reiten und Zeichnen, vielleicht aber auch bei sprachlichen Ablenkungsübungen und Entspannungstechniken.
„Wie ein Leuchtturm sind wir für viele der letzte Lichtblick in der Dunkelheit - auch wenn sie den Weg selbst gehen müssen”, sagt Boris Zernikow. „Aber das besonders Schöne an unserer Arbeit ist, dass wir den Kindern und Jugendlichen so unheimlich gut helfen können.” Ein Eindruck, den nicht nur der Psychologe Michael Dobe teilt: „Das Wort, das ich mit Abstand am häufigsten höre, wenn sich die Patienten und ihre Eltern von uns verabschieden, heißt 'danke'.”

0mitdiskutieren