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Tatort Schule

"Hinschauen - nicht wegsehen"

09.10.2009 | 10:00 Uhr
"Hinschauen - nicht wegsehen"

Bergkamen. Schule ist normalerweise ein Lebens- und Lernort. Manchmal wird sie auch zum Tatort.

Schmerzhaft hat dies im März 2005 der damals 15-jährige David Weller* erfahren müssen. Zwei Mal wurde er von Mitgliedern einer gewalttätigen Clique verprügelt, zuletzt krankenhausreif. Der Fall machte Schlagzeilen, weil vier Jugendliche in Untersuchungshaft landeten.

„Der Vorfall war Anlass für unsere Schule, sich bei einem Anti-Bullying-Projekt zu melden”, sagt Manfred Jaeger, Leiter der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen, an der die Vorfälle geschahen. Heute, mehr als vier Jahre danach, herrsche an der Schule im Vergleich mit anderen in der Region, ein friedliches Klima.

Doch zurück zu jenem März 2005. David Weller hat an jenem Tag einfach nur Pech. Ein Mitschüler, der ein großes Stück Haschisch besitzt, lässt es in der Schülerrunde aus Geltungssucht kreisen. Als der Lehrer es spitzkriegt, hat zufällig David den Stoff in der Hand. Die Schulleitung spult sofort das übliche Programm ab. David wird von der Polizei verhört, packt über den wirklichen Besitzer des Dopes aus und handelt sich damit das nächste Problem ein.

»Es gibt an Schulen ein Gewaltlevel«

Am Rosenmontag wird David von dem 15-jährigen beschuldigten Klassenkameraden verprügelt, weil er ihn verpfiffen hat. Drei Tage später fällt die Clique, sieben Köpfe stark und teilweise vermummt, über David her. Fünf Tage muss er dann im Krankenhaus verbringen. „Besonders bitter für ihn war, dass er auch von Mädchen geschlagen wurde”, erinnert sich Schulleiter Jaeger.

Info
Sichereres Gefühl

Probleme mit Bullying oder Mobbing sind seit dem Vorbeugungsprojekt an der Willy-Brandt-Schule in Bergkamen rückläufig.

„Wir hatten in den vergangenen Jahren kaum gravierende Vorfälle”, sagt Schulleiter Manfred Jaeger. Aktuell wird jedoch ein Schüler wegen einer Prügelei im Bus der Schule verwiesen.

Das neue Sicherheitsgefühl lässt sich mit Zahlen belegen. Paul Seck, didaktischer Leiter der Schule, hat in den Jahren 2005/06 und 2007/08 zwei Erhebungen unter den Schülern durchgeführt. Danach fühlten sich bei der zweiten Umfrage mehr als 76 Prozent der 1114 Befragten nicht gemobbt, fast zehn Prozent mehr gegenüber der ersten Erhebung.

Seck fordert weiter eine frühzeitige Prophylaxe, bereits ab Jahrgang 5 müsse an dem Problem des Bullying gearbeitet werden. Der Gewalt-Deeskalationstrainer Ulrich Rentsch warnt: „60 Prozent der Jungen, die in den Klassen 6 bis 9 als Gewalttäter charakterisiert wurden, waren bis zum Alter von 24 mindestens einmal verurteilt worden.” ms

Um das Opfer zu schützen, werden vier der Schläger, darunter auch ein Mädchen, einige Tage in Untersuchungshaft genommen. Die Schläger wurden von der Schule verwiesen, David Weller wechselte nach einem halben Jahr auf eine andere Schule. Freiwillig, wie Jaeger sagt. „Er wollte wohl einen Neuanfang haben.” Die fünf Jungen und zwei Mädchen werden zu Freizeitarbeit und einer Zahlung von je 100 Euro an das Opfer verurteilt. Für die Willy-Brandt-Gesamtschule ist der Fall damit aber nicht beendet. „Wir haben mit der Kreispolizei Unna ein Anti-Bullying-Projekt vereinbart”, sagt Manfred Jaeger. Die Lehrerinnen und Lehrer aller Jahrgangsstufen absolvierten eine Fortbildung, um sich für Bullying (Bully: Täter, der andere drangsaliert, hänselt), Mobbing und Gewalt zu sensibilisieren. Seit dieser Gewalteskalation gegen Daniel gilt an der Schule „Hinschauen, nicht wegsehen”.

Damit ist die Schule auf einem guten Weg. Der Didaktiker Dr. Kristian Klett von der Universität Köln sagt: „Man kann etwas tun gegen Mobbing und Gewalt.” Klett hatte mit dem Internetportal „Gewalt-anSchulen.de” die Erfahrungen mehrerer Zehntausend Schüler abgefragt. Zwischenbilanz der Umfrage: „Es gibt an den Schulen ein gewisses Gewalt-Level, eine Art Grundrauschen.” Meist ist es verbale Gewalt bis hin zu Mobbing. Extreme Gewaltausbrüche wie der gegen Daniel Weller sind nach Erfahrungen der Dortmunder Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel selten. „Man kann sie an einer Hand abzählen”, sagt sie.

»Durch Haft schnell zur Besinnung«

Allerdings müsse man konsequent durchgreifen. „Durch die kurzfristige Inhaftierung bekommen die Jugendlichen einen ordentlichen Schreck und schnell zur Besinnung.”

Didaktiker Klett rät zu nachhaltigen Interventionen: „Präventionsprogramme absolvieren, eine Schulcharta einführen oder Verhaltensvorschriften, das ist das A&O, um langfristig zu weniger Gewalt zu kommen.” Diesen Ansatz vertritt auch Ulrich Rentsch, bei der Kreispolizei Unna mit seinem Kollegen Volker Timmerhoff Trainer für Gewaltdeeskalation. „Wir bilden die Lehrer fort, sie sind Multiplikatoren”, sagt er. Ihnen fehle oft das Rüstzeug für den Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten. „Lehrer haben es aber auch nicht leicht”, meint Rentsch, „die Unruhe in den Klassen und die Aufmerksamkeit für Erziehungsfragen wird immer größer.” Wichtig sei: Anti-Bullying-Projekte dürfen nicht per Dekret verordnet werden. „Sie müssen auch vorgelebt werden.”

An der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen greifen die Pädagogen schon bei Kleinigkeiten ein. „Wer auf dem Schulhof raucht oder Mitschüler belästigt, den sprechen wir an”, sagt Manfred Jaeger. Bei gravierenden Fällen kümmern sich zwei Sozialpädagogen um Opfer und Täter. „Der Täter soll merken: Ich komme nicht mit meiner Haltung durch.” Auch die Eltern werden einbezogen, mit ihnen werden Erziehungsverträge abgeschlossen.

„Schule bedeutet nicht nur Unterricht. Man muss erziehen können und Vorbild sein”, sagt Jaeger. Der Schulleiter weiß aber auch: „Man muss immer am Ball bleiben.”

* Name geändert

Michael Schmitz

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