Heimkinder: Sie fühlen sich immer noch schuldig
14.12.2010 | 18:39 Uhr 2010-12-14T18:39:00+0100
Münster.Es ist der Tag nach dem Kompromiss, der den gequälten Heimkindern der Nachkriegszeit Entschädigungen in Aussicht stellt. Es ist der Tag, an dem der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe die Heimkinder um Entschuldigung bittet. Aber Wolfgang Focke begehrt auf, auch gegen die, die jetzt helfen wollen. Der heute 64-Jährige war ein „Zögling“ im Heim Benninghausen bei Lippstadt. Damals hätte er Hilfe gebraucht, als er in Ketten zur unbezahlten Fließbandarbeit gescheucht wurde.
Bei der regionalgeschichtlichen Tagung, mit der der Landschaftsverband Westfalen-Lippe gestern seine Verantwortung an den skandalösen Misshandlungen und Demütigungen von Heimkindern bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beleuchtete, saßen auch rund 60 Betroffene im Publikum. Menschen wie Wolfgang Focke, der schon mal lospoltert: „Entschuldigungen gehen ja sehr leicht über die Lippen“. Und Menschen wie Regina Eppert, die die leiseren Töne pflegt. Sie galt den Behörden einst als schwer erziehbar, weil sie mit 18 ein Kind gebar. Deshalb wurde sie jahrelang im Dortmunder Vincenzheim kaserniert. Und weil Nachkriegsdeutschland dieser Familie nicht mehr traute, kam auch Epperts jüngere Schwester Elke ins Heim.
Regina Eppert ahnt schon, dass die Entschädigungszahlungen viele Betroffene nicht erreichen werden: „Die Heimkinder haben immer das Gefühl gehabt, dass sie in irgendeiner Weise schuldig sind. Unter ihnen gibt es viele leise Leute, die sich gar nicht melden werden.“
Schuldig – so viel ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und gesellschaftlich unbestritten – waren andere. Viele andere. Landesdirektor Dr. Wolfgang Kirsch zählte eine Kette von denkbaren Verantwortlichen für das Leid von abgeschobenen Kindern auf: Eltern, Jugendämter, die Heime und die dort tätigen Personen, Vormundschaftsgerichte und Vormünder – um dann bei der „gleich dreifachen Verantwortung“ des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu verharren: Der LWL war als Maßnahmeträger erzieherisch und finanziell für rund die Hälfte aller 6000 bis 9000 Minderjährigen zuständig, die jährlich in Heimen untergebracht wurden. Er betrieb eigene Erziehungsheime und führte seit 1962 die Aufsicht über alle Einrichtungen der Jugendhilfe. Wissenschaftliche Studien, die der LWL in Auftrag gab, haben nachgewiesen, was die damalige Heimaufsicht nicht sehen wollte: „Statt einer pädagogischen Betreuung, die auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet war, gab es bloße Massenabfertigung mit den Schwerpunkten Arbeit, Disziplinierung, Zucht und Ordnung“, so Prof. Bernd Walter vom LWL-Institut für Regionalgeschichte. Es herrschte akuter Personalmangel in den Heimen, die Überforderung des pädagogisch kaum geschulten Personals mussten die Kinder ausbaden. Die Heime funktionierten wie geschlossene Systeme. Für die Kinder und Jugendlichen gab es keine Möglichkeit, auf Missstände hinzuweisen.
Wolfgang Focke, „Zögling 5051“ aus Benninghausen, sagt es so: „Ich habe niemals eine Aufsicht gesehen.“ Und er ist sich sicher: „Wenn mal eine Beschwerde durchgekommen wäre, wäre sie bei der Heimaufsicht garantiert im Papierkorb gelandet.“
Dass in all dem aufgedeckten Leid auch eine Verpflichtung schlummert, betonte LWL-Landesjugenddezernent Hans Meyer. „Wir müssen Sorge tragen, dass so etwas nie wieder passiert.“ In heutigen Heimen müsse jedes Kind über seine Beschwerdemöglichkeiten informiert sein. „Das fängt ganz einfach an. Mit der Telefonnummer des Landesjugendamtes am Schwarzen Brett.“

11:54
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08:51
Nur wer ein Heimkind aus dem Kinderheim zu sich holt, anstatt das Geschäft mit der Ware Kind durch Nachfrage weiter zu fördern, hilft Kinderelend auf lange Sicht zu verringern. Wer ein Kind aus einem Kinderheim holt, gibt ihm eine neue Chance auf Glück. Gerettete Kinder bringen große Freude in ein Zuhause, weil sie Ihnen niemals vergessen, was Sie für sie getan haben.
www.Kinderheimlinks.ga
08:49
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05:30
Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht.
21:45
Mich würde interessieren, wie die heutigen Zustände in 50 Jahren beurteilt werden, und wer dann alles entschädigt wird.
Man muss aus der Vergangenheit lernen, aber irgendwann auch eine Verjährung akzeptieren.