Gewalt gegen Polizisten nimmt zu
06.04.2009 | 07:24 Uhr 2009-04-06T07:24:00+0200
Köln. Der Alltag von Polizisten ist gefährlicher geworden. Manchmal reicht ein Gespräch, eine Aufforderung, um eine harmlose Situation eskalieren zu lassen. Immer öfter spüren die Vertreter der Staatsgewalt Gewalt am eigenen Leibe. Ein Besuch in der Polizeiwache Köln-Kalk.
Andreas Book ist seit 25 Jahren im Dienst, als Polizeihauptkommissar Leiter einer von drei Schichten in der Kölner Polizeiinspektion Südost. Hier, in der Wache Kalk in der Kapellenstraße 28, wachen 75 Polizistinnen und Polizisten in Früh-, Spät- und Nachtdienst über die Einhaltung der gesellschaftlichen Spielregeln. Es klingt resigniert, wenn Book sagt: „Wir stehen vor einem Problem und können es nicht lösen.”
Das Problem: Polizisten beklagen eine wachsende Gewalt gegen sich. Die Zahl der Übergriffe gegen Polizisten, Bundespolizisten, Justizbeamte und Feuerwehrleute - Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - ist von 1999 bis zum Jahr 2008 um 21,6 Prozent gestiegen. In NRW wird die Zahl der Gewaltdelikte 2008 nach Auswertung der Statistiken auf weit über 6000 steigen; im Vorjahr waren es 5320. Meist war Alkohol im Spiel, oft - wie im Kölner Stadtteil Kalk - ist es mangelnder Respekt vor der Staatsgewalt. „Insbesondere bei Jugendlichen ist Gewaltbereitschaft erkennbar und Respektlosigkeit vor dem Gesetz und dessen VertreterN”, sagt Book, „da müssen wir entsprechend auftreten. Wenn man nachgibt, hat man einen ganzen Stadtteil verloren.”
"Alkohol spielt meist eine große Rolle"
Solche Machtspiele beginnen oft schon bei der Ausweiskontrolle. „Meine Leute bekommen dann zu hören: Hier brauche ich mich nicht auszuweisen, hier ist mein Stadtteil. Wenn wir zu unserer Eigensicherung sagen: Zeigt eure Hände, heißt es: Was soll das! Es kommt schnell zu Handgreiflichkeiten”, sagt Andreas Book. Als Polizisten mehrere jugendliche Streithähne trennen wollten und sie fesselten, griffen die verbliebenen Jugendlichen die Beamten an, sechs wurden verletzt. Gehen die Beamten in Fällen häuslicher Gewalt gegen den prügelnden Mann vor, leisten mehrere Familienmitglieder Widerstand gegen die Polizei. „Dabei spielt meist Alkohol eine große Rolle”, berichtet der Schichtleiter.
Aus dem Stadtbezirk Kalk stammen Persönlichkeiten wie der Mittelgewichtsboxer Jupp Elze und der Olympiasieger Martin Lauer, aber auch der Mehrfachgewalttäter und als „Komaschläger” zu trauriger Bekanntheit gekommene Erdinc S. (19). Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt: hoher Ausländeranteil, hohe Arbeitslosenquote und hohe Kriminalitätsrate - kein Ruf, den sich ein Bezirksbürgermeister für sein Viertel wünscht. Wer in diesem Milieu geboren wird, hat nicht die besten Karrierechancen. Andreas Book weiß aus Erfahrung, wie es in Problemfamilien aussieht. „Es herrscht Gewalt schon bei der Erziehung, wegen schlechter schulischer Leistung reicht es nicht für einen Job, trotzdem müssen die neuesten Klamotten und ein Auto her.”
Gewalt auch in bürgerlichen Milieus salonfähig
Gemacht wird das Geld mit Abzieherei und Drogenverkauf. Die meisten der Täter sind jung, zwischen 15 und 25 Jahre alt, viele haben einen Migrationshintergrund, meint Book. „Für mich sieht es so aus, als ob wir mit dieser Klientel häufiger zu tun haben.” Doch Gewaltbereitschaft ist längst auch in bürgerlichen Milieus salonfähig geworden, meint Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Er fordert eine drastische Verschärfung der Strafen bei Übergriffen gegen Beamte.
Dem Schichtleiter Andreas Book helfen solche Forderungen indes wenig. „Dies ist keine Sache, die die Polizei lösen kann. Das Problem kann man nur lösen, wenn man in die Schulen und in das Erziehungswesen investiert. Die jungen Menschen müssen lernen auszudiskutieren, statt die Fäusten zu nehmen.”
Land investierte in neue Waffen
Die Folgen der Perspektivlosigkeit junger Menschen kennt man auch im NRW-Innenministerium. „Weniger Respekt, niedrigere Hemmschwelle bei Gewalt - das ist eine Entwicklung, die die Polizei nicht allein lösen kann”, sagt Wolfgang Beus, Sprecher des Innenministers. In den vergangenen Jahren habe das Land viel für die Sicherheit der Polizisten getan. So sei Pfefferspray gegen renitente Täter eingeführt worden, neue Dienstwaffen, neue Sicherheitswesten, Video-Eigensicherungssysteme für die Streifenwagen und lebensnahe Trainingssequenzen. „Wir wollen das Problem nicht bagatellisieren”, sagt Beus.
Doch wer soll wo mit Veränderungen beginnen? Das etwas geschehen muss, ist allen Beteiligten klar. „Die Kriminalitätsstatistiken werden nicht von alleine sinken”, sagt Andreas Book, „wenn wir nicht irgendwo anfangen.”
