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Brustkrebs

Früherkennung mit Fingerspitzengefühl

28.08.2009 | 16:50 Uhr
Früherkennung mit Fingerspitzengefühl

Monheim. Jede zehnte Frau bekommt Brustkrebs. Je eher man die Krankheit erkennt, umso größer sind die Heilungschancen. Seit zwei Jahren gibt es für Frauen eine besondere Möglichkeit zur Früherkennung: die Kontrolle durch blinde Tastuntersucherinnen.

Info
HINTERGRUND

DISCOVERING HANDS

Das Projekt „discovering hands” hat das Ziel, die Voraussetzungen zur Anerkennung des neuen Berufsbildes Medizinische Tastuntersucherin (MTU) zu schaffen. Initiator ist der Duisburger Facharzt Dr. Frank Hoffmann.

Das Berufsförderungswerk Düren gGmbH führt die theoretische und praktische Ausbildung durch. Wissenschaftlich begleitet wird sie von der Universitätsfrauenklinik Essen. Die Abschlussprüfung findet vor der Ärztekammer Nordrhein statt. Ansprechpartner für die Ausbildung beim Berufsförderungswerk Düren ist Ulrich Kappen unter der Rufnummer (02421) 598-225 oder per E-Mail unter u.kappen@bfw-dueren.de  

Derzeit wird die Untersuchung durch blinde MTU in Frauenarztpraxen in Monheim, Duisburg, Aachen und Kreuzau angeboten. Ab September voraussichtlich auch in Marl, Berlin, Hamburg, Chemnitz und Dormagen. Infos: www.discovering-hands.de  

Jede zehnte Frau bekommt Brustkrebs. Auf 1000 Frauen im Alter bis zu 50 Jahren kommen 18 Betroffene, bei Frauen zwischen 50 und 70 Jahren sind es 45. Ab 70 Jahren sind es 33 Erkrankte auf 1000 Frauen.

Bei Frauen im Alter bis zu 35 Jahren spricht man von Frühmanifestation. Deren Tumore wachsen besonders schnell. Betroffen in Deutschland sind etwa 5000 Patientinnen.

„Der Tumor braucht zehn Jahre für den ersten Zentimeter. Für den nächsten Zentimeter dann nur noch ein halbes Jahr”, sagt der Monheimer Gynäkologe Dr. Friedhelm Fester. „Unser Anliegen und unser Ehrgeiz muss es einfach sein, die Tumore so früh wie möglich zu finden.”

Mirell Gräßer erklärt der Patientin genau, was sie spürt. „Hier befindet sich ein Ausläufer vom Milchgang”, sagt sie. Und: „Hier fängt der Drüsenkörper an. Es kann sein, dass Sie mich jetzt deutlicher spüren.” Nur einmal bei dieser Voruntersuchung stockt sie und fragt: „Haben Sie hier ein Muttermal?” Sehen kann sie es nicht. Nur spüren. Oder besser: tasten. Denn Mirell Gräßer ist blind - und eine der ersten ausgebildeten Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) in Deutschland. Seit zwei Jahren arbeitet sie in der Praxis Dr. Fester und Gethmann in Monheim.

Mirell Gräßer hat einen ganz besonderen Tastsinn. Das wurde, bevor sie den Ausbildungsplatz erhielt, auch bei Eignungstests geprüft.

Dass die 35-Jährige blind ist, ist die Voraussetzung für diese Ausbildung, die das Berufsförderungswerk Düren seit zwei Jahren anbietet. Und zugleich Konzept für den Erfolg. „Aufgrund ihrer ausgeprägten Tastfähigkeiten sind blinde Frauen besonders geeignet, kleinste Veränderungen der weiblichen Brust festzustellen”, sagt Projektleiter Ulrich Kappen. Aber das Blindsein allein reicht nicht, um einen Platz für diese neunmonatige Ausbildung zu erhalten. In einem dreitägigen Vorbereitungskurs wird auch getestet, ob die Bewerberinnen ein gewisses medizinisches Verständnis haben und ob sie über einen guten Tastsinn verfügen.

Keine Frage, Mirell Gräßer hat beides. Das hört man, wenn sie den Aufbau und mögliche Erkrankungen der weiblichen Brust erläutert. Und das sieht man, wenn man sie bei ihrer Arbeit beobachtet. Sensibel und behutsam erscheint sie da, zugleich souverän und selbstbewusst. Beide Hände legt sie nebeneinander auf die Brust, arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter vor. Von oben nach unten, von außen nach innen. Dabei bleibt immer eine Hand ruhig liegen und positioniert die Finger der anderen Hand, die tasten. Orientierung bieten ihr lange, schmale Haftstreifen, die sie zuvor auf jede Seite und zwischen die Brüste geklebt hat. Wo genau sie sich mit ihren schlanken Händen befindet, zeigt ihr die Blindenschrift auf der farbigen Skala. „Das ist eine Art Koordinatensystem”, erläutert Mirell Gräßer. Sollte sie einen Befund feststellen, ließe er sich - auch für spätere Untersuchungen - mit Hilfe der Markierungen genau orten.

Bei der 50-jährigen Christiane P. aus Unna gibt es keinerlei Anlass zur Beunruhigung. Das einzige, was die Tastuntersucherin bei ihr entdeckt, ist eine Stelle, an der sich früher wohl mal eine mit Wasser gefüllte Zyste befunden hat. Was das bedeutet? „Nichts schlimmes”, sagt Mirell Gräßer und lächelt. „Die ist längst ausgetrocknet. Was weg ist, ist weg.” Dementsprechend positiv fällt auch ihre Gesamtbilanz aus. „Sieht gut aus”, resümiert sie nach knapp 45 Minuten. „Sie haben ein Bilderbuchgewebe. Gut tastbar.”

Mirell Gräßer bei der Arbeit: Die blinde, medizinische Tastuntersucherin erklärt der Patientin, wie sie selbst Veränderungen spüren kann. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris-Medien

Und auch Christiane P. ist zufrieden. „Bei einem Gynäkologen findet die Brustuntersuchung eher nebenbei statt. Dieses Abtasten war viel gründlicher und intensiver." Was die Yogalehrerin dabei gefühlt habe? "Ich hatte keine Scheu, mich den Händen einer Frau anzuvertrauen - da es ja auch ein sensibler Bereich einer Frau ist. Die Berührungen fühlten sich sehr sicher und feinfühlig an, zugleich empfand ich es als einen liebevollen Umgang. Das war eine sehr positive Erfahrung." 

Dass die 50-Jährige künftig regelmäßig die Tastuntersucherin aufsuchen wird -für 30 Euro pro Kontrolle - , steht für sie außer Frage. Allerdings will sie auch deren Rat annehmen und aufgrund von Vorbelastungen in ihrer Familie künftig einmal jährlich auch eine Ultraschalluntersuchung durchführen lassen.

„Manche Frauen haben das schon missverstanden”, weiß Gräßer. „Die Tastuntersuchung ersetzt bildgebende Verfahren nicht, sie ist ein ergänzendes Verfahren.” Allerdings eines, das völlig strahlungsarm ist - und deshalb Patientinnen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Monheim anreisen lässt. Mittlerweile hat Mirell Gräßer in zwei Jahren knapp 900 Frauen untersucht. „Das Ergebnis 'da ist was', gibt es öfter”, sagt sie. Viele Patientinnen wüssten jedoch nicht, dass es außer bösartigen Tumoren eben auch gutartige Veränderungen wie Zysten, Fibroadenome oder Lipome gibt. „Ich finde sie, aber ich kann durch das Tasten natürlich nicht sagen, was es ist”, erläutert Gräßer. Dies werde erst durch weitere Verfahren wie Ultraschall oder Mammographie abgekärt. Bislang seien unter den 900 Frauen drei gewesen, bei denen sich Gräßers Verdacht bestätigte und tatsächlich bösartige Mammakarzinome gefunden wurden. Zur Überprüfung der eigenen Arbeit ist es daher für die Tastuntersucherin wichtig, mit allen Patientinnen im Kontakt zu bleiben. Dass sie bei einer Frau einmal nichts Auffälliges entdecken würde, diese jedoch tatsächlich einen bösartigen Tumor habe, schließt sie nahezu aus. „Wenn das so wäre, wäre ich selbst sauer über meine Arbeit”, sagt sie. Grundsätzlich gebe es nur einen kleinen Anteil von Geschwulsten, die man nicht ertasten könne. „Etwa drei Prozent sind nur im bildgebenden Verfahren erkennbar und lassen sich nicht fühlen”, sagt Gräßer. So, wie es umgekehrt auch Tumore gebe, die nicht durch Ultraschall oder Mammographie zu finden seien.

Dr. Friedhelm Fester jedenfalls ist froh, dass er mit Hilfe der Tastuntersucherin nun ein breites Spektrum von Untersuchungsmöglichkeiten in seiner Praxis anbieten kann. „Die Menschen sind eben sehr unterschiedlich”, sagt er. „Manche sind sehr technikorientiert, und anderen gibt es mehr Sicherheit, dass sich jemand mit Sachkunde persönlich mit ihnen beschäfigt.” Letztendlich sei das Ziel dasselbe: „Wir möchten jeder Frau die Möglichkeit geben, so früh wie möglich einen Tumor zu entdecken.” Denn je früher der Krebs erkannt wird, umso größer sind die Heilungschancen.

Katja Sponholz

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