Feuerwehrleute: "Jetzt brennt es!"
03.04.2008 | 22:56 Uhr 2008-04-03T22:56:27+0200Gelsenkirchen. Diesen 1. Mai wird Rudolf Schmidt nie vergessen. ...
... "Gleich morgens gab es fünf Tote zwischen 18 und 20 Jahren, weil ihr Auto gegen einen Baum geprallt war." Was der 58-Jährige als "sehr schwer" bezeichnete, zählt zum Alltag eines Feuerwehrmannes. Doch weil für diesen Beruf die Anerkennung und nötige Bezahlung fehle, nahm Schmidt gestern am ver.di-Landesfeuerwehrtag in Gelsenkirchen teil - mit rund 800 Kameraden aus NRW. Gleich morgens hatten sie sich an der Zentralen Feuer- und Rettungswache der Stadt versammelt, um sich in einem langen Konvoi, mit Blaulicht und Martinshörnern, zur Veranstaltung im 20 Minuten entfernten Sportzentrum Schürenkamp zu begeben. Viele Autofahrer mussten stehenbleiben und warten, als die 60 Feuerwehr- fahrzeuge quer durch die Innenstadt fuhren - viele neugierige Fußgänger machten es freiwillig; aus dem ver.di-Büro wurde den Blauröcken mit Fahnen zugejubelt.
Viel Anerkennung von den Bürgern, wenig von der Politik
"Ich denke, bei der Bevölkerung ist die Anerkennung der Feuerwehr äußerst hoch", glaubte Christian Stemke (43) von der Leitstelle Kreis Recklinghausen. "Aber bei der Politik sieht das anders aus. Deshalb wollen wir uns heute nicht verstecken, sondern wir müssen einfach mal auf die Straße und unsere Interessen einfordern."
Das meinte auch ver.di-Vorsitzender Frank Bsirkse. "Jetzt sind die Feuerwehrleute dran - und die Polizei und die Beamten in NRW!" Denn sie blickten auf mehrere Jahre Reallohnverlust zurück, auf Kürzungen beim Weihnachtsgeld und Streichung des Urlaubsgeldes. Das Motto laute: "Jetzt brennt es! Gute Arbeit, gute Leute, gutes Geld" - deshalb sei die anstehende Besoldungserhöhung von 2,9 Prozent ab dem 1. Juli in NRW keineswegs ausreichend. Der Abschluss aus dem öffentlichen Dienst - im Durchschnitt 5,1 Prozent - müsse daher auch für die Feuerwehrbeamten in NRW gelten. Zumal diese eine ganz besondere und besonders anspruchsvolle Arbeit leisteten. "Ihre Lebenserwartung liegt im Schnitt acht Jahre unter dem Durchschnitt der männlichen Bevölkerung. Ihre Arbeit und ihr Schichtdienst bedeuten enorme Belastungen", betonte Bsirske im Gespräch mit der Westfälischen Rundschau. "Das heißt, jetzt muss die Landesregierung noch eine Schüppe drauflegen." Hinzu komme, dass sich schon jetzt eine Facharbeiterlücke abzeichne: "Und wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen", so der ver.di-Chef, "bekommen wir auch eine Sicherheitslücke."
Doch nicht nur Nachwuchsprobleme machen der Feuerwehr langfristig Sorgen: Das neue Beamtenversorgungsreformgesetz bewirkt, dass seit dem 1. Januar auch die Ruhegehaltsfähigkeit der Feuerwehr- und Polizeizulage wegfällt, sprich nicht mehr auf die Pension der Beamten angerechnet wird. Und das, obwohl schon jetzt die Bezahlung und Beförderungschancen gering seien: "Nach 20 Dienstjahren ist man bei ungefähr 2200 Euro angekommen", sagte Ortwin Bickhove-Swiderski, ver.di-Fachgruppenleiter Feuerwehr in NRW. "Und man muss im Durchschnitt 10,8 Jahre warten, um in die nächste Besoldungsgruppe zu kommen. Und da reden wir von 75 Euro brutto!" In vielen Gemeinden mit Haushaltssicherung fänden gar keine Beförderungen mehr statt. "Herr Staatssekretär, wir haben die Nase gestrichen voll", wandte er sich an Manfred Palmen (CDU). Der Staatssekretär im Innenministerium kündigte anschließend an, dass Ministerpräsident Rüttgers den Landesfeuerwehrverband zu einem Gespräch einladen werde. "Wir sind natürlich bereit, die Bedingungen da zu verbessern, wo Handlungsspielraum erkennbar ist", so Palmen.
Bei der SPD stießen die Wehrleute mit ihren Anliegen gestern auf offene Ohren: "Dringender Handlungsbedarf" bestände nach Ansicht des Landtagsabgeordneten Thomas Trampe-Brinkmann, die Ruhegehaltsfähigkeit der Zulage wieder einzuführen. "Wer nie versucht hat, zwei Stunden einen Lkw-Fahrer aus seinem Fahrzeug zu befreien, weiß auch nicht, welche Bilder wir alle in unseren Köpfen haben und ein Leben lang mit uns herumtragen", betonte er. Oder eben auch das von fünf jungen Toten bei einem Verkehrsunfall.

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