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Fußball-Kultstätten

Ein Radweg in die Tiefe des Raums

23.04.2010 | 18:14 Uhr
Ein Radweg in die Tiefe des Raums

Im Land gibt es mehr Geschichte und ruhmvollere Fußballstätten zu entdecken als das Stadion des Wuppertaler SV (auch wenn dieses an der Deutschen Fußball-Route NRW liegt und beispielsweise ganz Herne nicht). Radeln wir also bewusst ins Abseits, um echte Kultstätten für Fußball-Nostalgiker zu finden.

Jürgen Potthoff kennt Borussia Dortmund wie seine Westentasche, Michael Schmitz hat sich einige Jahre als Sportredakteur in Herne verdingt und war aus freien Stücken sogar im Stadion von Schalke 04. Mit dem Rad sind sie von Dortmund nach Herne gereist.

INFO
Fußball-Route NRW

Legendäre Kampfbahnen und Kneipen, Podolskis erster Bolzplatz und Peles Schuhe hinter Panzerglas: Auf dem neuen „Erlebnisradweg NRW“ der „Deutschen Fußball Route“ gibt es viel zu entdecken.

An der 800 Kilometer langen Strecke von Aachen nach Bielefeld liegen die Gräber von Toni „Fußballgott“ Turek, Helmut „Boss“ Rahn, Lothar „Emma“ Emmerich und Rüdiger „Stan“ Libuda. Dem Leben zugewandtere Fußball-Fans können Rahns Stammkneipe in Essen besichtigen, in der  er immer wieder die Geschichte seines Siegtores beim „Wunder von Bern“ 1954 erzählen musste.

Seit vier Jahren gibt es die Deutsche Fußball-Route NRW. In 15 Bundesliga-Städten - früheren und heutigen - sind je elf Punkte ausgeschildert, die Fußball-Nostalgiker anlocken sollen. Mit 1,7 Millionen Euro aus EU-Töpfen soll die Strecke für Rad- und Auto-Touristen zu einem Aushängeschild für das Fußball-Land Nordrhein-Westfalen ausgebaut werden.

Im ersten Schritt ist jetzt ein Tourguide im Satteltaschenformat erschienen, der Radfahrern die Route erschließt  („Deutsche Fußball Route, Erlebnisradweg NRW“, Bielefelder Verlag, 9,95 Euro).

Bustouren innerhalb der beteiligten Städte sind geplant. Bald sollen sich die Reisenden an  den Kult-Orten auch Erinnerungsschnipsel oder historische  Spielszenen auf ihrem Handy ansehen können.

Wer wirklich fußballverrückt ist, sollte ruhig bis in die tiefe Provinz radeln. Im münsterländischen Versmold findet sich nämlich eines der glanzvollsten Exponate entlang des Weges: Die Fußballschuhe, die Pele 1970 im WM-Endspiel in Mexiko trug, hat damals ein Junge aus Versmold ergattert. Sie werden im Münsterland wie Kronjuwelen gehütet.

Wo beginnt man eine solche Nostalgieroute? Natürlich am Dortmunder Borsigplatz. Etwas ratlos steht Schmitz vor einer Pommesbude mit dem treffenden Namen „Rot-Weiß”. Die Rollos sind noch heruntergelassen, das Hinweisschild der Deutschen Fußball-Route ist denkbar knapp gehalten. Früher war das hier mal eine Gaststätte namens „Zum Wildschütz” - das Gründungslokal von Borussia Dortmund. Potthoff könnte hier 60 Hinweis-Schilder zutexten. Er hebt auch schon an: „Im Jahre 1909 da wurd’ ein Stern gebor’n”. Kapitel 19 seiner Ausführungen („frühe BVB-Neuzeit, Zweitliga-Ära unter Otto Knefler, Auswärtsniederlagen in Wattenscheid und Mülheim-Styrum, Unentschieden in Erkenschwick”) verweht der Wind, während Schmitz wild strampelnd Land gewinnt.

Offensives Laub  im "Rauhen Holz"

Im Dortmunder Westen weiß Schmitz Bescheid. Im „Rauhen Holz” wurde entgegen des irreführenden Namens in den 70er und 80er Jahren von DJK Hellweg Lütgendortmund solider, feiner Oberligafußball geboten. „Nach dem BVB war Hellweg der zweite Verein in der Stadt”, sagt Schmitz. Der lange Libero Uwe Neuhaus wurde in die Westfalenauswahl berufen, Namen wie Klaus Heimann, Jürgen „Lasche” Gelhaus, Stürmer Peter „Toma” Tomaschewski, Hannes Andree oder Reinhold Mattes genossen überregional einen guten Ruf. 1987 war dann Schluss. Insolvenz.

Heute liegt der Rasenplatz im Dornröschenschlaf. Das Holz des Kassenhäuschens ist verwittert, dicker Farbanstrich hält mühsam das traurige Clubhaus beieinander, im Herbst werfen rabiate Bäume ihr Laub in einen der Strafräume. Wenn es die Witterung zulässt, laufen die Regionalliga-Fußballerinnen der SG Lütgendortmund auf. Ein Herner Mitarbeiter von Schmitz hatte in den 80er Jahren für diese sportliche Betätigung der Weiblichkeit einmal die despektierliche Bezeichnung „Tortenfußball” eingeworfen, ein Begriff, den sich Schmitz natürlich entrüstet verbeten hatte.

Kabine mit Aussicht

Über Bochum und zwischen Feldern hindurch nähern sich die Radler einem der lauschigsten Fußballorte in NRW. Der Volkspark von Arminia Sodingen liegt auf dem Beimberg über Herne und ist gekrönt von einem Turm, natürlich erbaut zu Ehren Kaiser Wilhelms. Für Potthoff Anlass, sofort zu lästern: „Die Umkleiden für die Auswärtsmannschaften liegen wohl ganz oben.”

Weiter unten im Tal liegt das Stadion des SV Sodingen, sodass Potthoff mit seinem von der Gattin geliehenen Damenrad ausnahmsweise auch mal die Tabellenführung übernimmt. Sodingen, das war mal ganz, ganz große Fußball-Oper! Packende Oberliga-West-Duelle in den 50er Jahren mit Borussia Dortmund und Westfalia Herne, Nationalläufer Gerdi Harpers und Hännes Adamik im Sturm, den Trainer Hennes Weisweiler später einmal als einen der besten deutschen Mittelstürmer adeln sollte.

Schmitz hat den „Schwatten” sogar persönlich gekannt! „Adamik sah beim Anlauf des Spielers, ob ein Elfer oder Freistoß gelang. Ein feiner Fußballer und ein noch feinerer Mensch! Und die Ränge hier im Stadion: Anfangs haben die gequalmt, weil sie 1952 aus Haldenmaterial der nahen Steinkohlenzeche aufgeschüttet worden waren. Im Winter hatten die Zuschauer warme Füße, ehrlich!"

"Junge, das waren Törchen"

So steht es auch in der Vereins-Chronik „Junge, das waren Törchen”, die 1987 ein anderer Herner Sportkollege  von Schmitz verfasst hat. Fußball unterm Förderturm, hier gab es ihn einmal, mit Menschenmassen, die Toraus- und Seitenlinie säumten. Die Blütezeit des SVS ist vorbei, ebenso die des SC Westfalia Herne. Wie ein mittelalterlicher Ringwall türmt sich Westfalias Trutzburg auf, das Stadion am Schloss Strünkede, immer noch beeindruckend und ehrfurchtgebietend. „Das ist einer der Lieblingsplätze von so genannten Groundhoppern, die ihr Leben damit verbringen, Fußballplätze in aller Welt zu besuchen”, weiß Potthoff auch mal wieder was. „Hier, hinter der Tribüne, soll damals Mäzen Erhard Goldbach (Goldin-Tankstellen) die Kohle bar aus dem Koffer verteilt haben”, sagt Schmitz. Sein Geld hatte Westfalia in die 2. Liga geführt und ihn selbst letztlich auf einen Schuldenberg von 340 Millionen Mark. Ja, Skandale konnten die damals auch schon!

Heute wirkt die Tribüne verlebt. Draußen in einem Aushangkasten des Fanclubs verdribbeln sich die „Westfalia-Supporter“ hoffnungslos in der deutschen Orthografie. Von einst glanzvollen Erfolgen nichts zu sehen. Die alte Stadion-Tribüne hat jedoch was, sie atmet Geschichte unzähliger Siege und Niederlagen.  „Sie ist wie ein verruchtes Weibsstück. Man sieht ihr an, sie hat eine Vergangenheit”, meint Schmitz. - „Aber keine Zukunft”, ergänzt Potthoff.

Bandenwerbung für den FKK-Klub

Die einst stolze Westfalia  ist mehr als klamm. Fast war sie schon pleite. Sie muss sich jetzt vielen an den Hals werfen. Den Castroper „FKK-Klub Amnesia” hat sie schon in ihr Allerheiligstes gelassen. Er macht auf der Gegengeraden  schamlos Bandenwerbung.

Wie geht’s denn der guten, alten Westfalia sportlich? fragen die Herren Potthoff und Schmitz den Zeugwart: „Platz 5 in der NRW-Liga, nach oben geht nichts mehr, nach unten auch nicht."

Ein Satz, der ganze Leben beschreiben könnte.

Für Schmitz und Potthoff geht jetzt aber auch nichts mehr. Wenige Kilometer weiter steht das Stadion eines Clubs, den man in Dortmund nur als „Herne-West” kennt. Und da will Potthoff im Leben nicht hin.

Michael Schmitz, Jürgen Potthoff

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