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RFID-Chips

Ein kleiner Chip als großer Bruder

09.09.2009 | 20:11 Uhr
Ein kleiner Chip als großer Bruder

Dortmund. Der kleine Spion sitzt im Einkaufswagen. Hineingekommen ist er mit der Tiefkühlpizza und schnüffelt nun herum, was der Kunde als nächstes kauft, welche Waren er sich anschaut aber nicht kauft und wie er bezahlt.

Der kleine Spion ist ein Minichip mit Namen RFID. RFID ist der Liebling der Händler und das Schreckgespenst der Datenschützer.

HINTERGRUND
Erkennung an Frequenzen

So funktioniert der kleine Chip:

  • Der Begriff RFID steht für „Radio Frequency Identification” (Erkennung durch Radio-Frequenzen) und ermöglicht die Identifizierung und Lokalisierung von Gegenständen.
  • Ein kleiner Chip speichert dabei Informationen – von einer simplen Herstellernummer bis hin zu persönlichen Daten. Lesegeräte erfassen sämtliche Details der Chips.   Einsatzmöglichkeiten von RFID: Als Implantat für Tiere (Wiedererkennung), Chipkarten (Zugangskontrolle), Lebensmittel (Haltbarkeit), Mautsysteme, Leihsysteme in Bibliotheken, Lager- und Logistikbereich, Containersiegel, Waren- und Bestandsmanagament, Schuhen (Zeiterfassung bei Sportwettkämpfen), Mülltonnen (Abrechnung nach dem tatsächlichen Gewicht)

Was den einen schreckt und den anderen freut ist ein kleines System bestehen aus mobilem Transponder (Sende-Empfangsgerät) und Lesegerät. Der Einsatz könnte etwa wie folgt aussehen: Ab Werk wird ein Pizzakarton mit einem Mini-Transponder versehen. Passende Lesegeräte dokumentieren den Weg der Ware vom Werk ins Zwischenlager bis zum Supermarkt. So ist, logistisch von Vorteil, jederzeit nachvollziehbar, wo sich die Pizza befindet. Ungewissheit über Transportdauer oder Warenverlust gehören der Vergangenheit an.

Doch RFID könnte noch mehr: Spezielle Kühltruhen melden, wann die Pizza verkauft wurde und nachbestellt werden muss. An der Kasse erkennt das Lesegerät die Pizza im Einkaufswagen (und auch die Waren, die unerlaubt in Jackentaschen verschwunden sind) und gibt den Preis an, ohne dass die Schachtel gescannt werden muss. Denn im Gegensatz zu Strichcodes benötigt das Lesegerät keinen „Sichtkontakt” zum Chip.

Doch eben da liegt das Problem: „Verbraucher wissen nicht, wann und welche Daten erhoben werden”, sagt Bettina Gayk, Sprecherin beim Datenschutz NRW. Das mag bei Tiefkühlpizza nicht bedenklich scheinen. „Doch wenn alle Waren ausgezeichnet sind, kann mein Einkaufsverhalten genau studiert werden, ohne, dass ich etwas davon mitbekomme.” Wirklich problematisch würde es dann, wenn der Kunde per Karte bezahlt und unerlaubterweise die Informationen (Namen, Alter, Wohnort) mit denen des Einkaufs zusammengeführt würden. „Wir sind daher darauf bedacht, rechtliche Regelungen im Umgang mit RFID zu finden. Zudem sind viele Unternehmen zu einer Selbstverpflichtung bereit, da die Technologie nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile bietet”

Der Vorreiter im Einsatz von RFID, die Metro-Group, beziffert die Menge der gekennzeichnet angelieferten Paletten europaweit auf drei Millionen an 400 Standorten jährlich. „Dabei unterscheiden wir verschiedene Transponder: An der Palette, am Karton und an der Einzelverpackung”, so ein Sprecher des Unternehmens. „Wir konzentrieren uns auf die Paletten-Auslese”, betont er. „Es ist noch lange nicht so, dass alle Waren gekennzeichnet sind.”

In der Essener Galeria Kaufhof-Filiale kam die Technologie erstmals probeweise zum Einsatz: Eingenäht in die Herrenoberbekleidung gaben die Lesegeräte Hinweise zu Material und Pflege. „Intelligente Umkleidekabinen” konnten dank RFID Kombinationsempfehlungen aussprechen. Die Erprobungsphase endete im Dezember 2008. Die Auswertung dauert an. „Die Technologie arbeitet bereits in ÖPNV-Tickets oder in Parkausweisen”, sagt Bettina Gayk. „Werden solche Daten ausgespäht, wissen Fremde, wann der Besitzer des Ticktes nicht daheim ist.” George Orwells „Großer Bruder” lässt grüßen.

Fußballkarten, die per RFID personalisiert werden, würden zwar den Schwarzhandel eindämmen sowie Einlasskontrollen verkürzen, aber auch sichtbar machen, wer sich im Stadion befindet, ohne dass die Polizei Personenkontrollen durchführen müsste.

Um die Balance zwischen Datenschutz und Nutzbarkeit gewährleisten zu können, hat die EU-Kommission Grundsätze veröffentlicht: Verbraucher sollen informiert werden, welche Artikel mit RFID ausgestattet sind; nach dem Kauf sollen die Chips sofort deaktiviert werden. Zudem sollen Unternehmen, die RFID einsetzen, klare Informationen bereitstellen, welche Daten zu welchem Zweck gespeichert und Lesegeräte gekennzeichnet werden. Zudem soll ein europaweit einheitliches Hinweiszeichen für RFID-Chips entwickelt werden.

Mareike Weberink

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Kommentare
10.09.2009
09:00
Ein kleiner Chip als großer Bruder
von Papa Bär | #1

Es ist kaum zu fassen, wie kreativ die selbsternannten Daten- und Verbraucherschützer dabei werden können, an den Haaren herbeigezogene Szenarien zu erfinden. Ich will hier nur auf das Beispiel ÖPNV-Tickets und Parkausweise eingehen.

Natürlich ist es theoretisch möglich, dass ich als böser Angreifer die Daten ausspähen könnte und sofort wüsste, wer gerade nicht zu Hause ist. Allerdings müssten dazu die ausgelesenen Tickets und Parkausweise an eine zentrale Datenbank übertragen werden, in die ich mich einhacken könnte. ÖPNV-Tickets werden aber von Mobilgeräten (oder Geräten im Verkehrsmittel) auf Gültigkeit kontrollert und gut. Eine zusätzliche und sehr teure Übertragung der Daten in Echtzeit wird sich niemand leisten.

Darüber hinaus ist diese Methode für einen potenziellen Einbrecher doch viel zu aufwendig. Dieser guckt sich Ziele schon lange im Voraus an und beobachtet einfach die Bewohner so lange, bis er sicher sein kann, wann das Haus unbewacht ist.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Liebe Datenschützer: Hört auf kreativen Schwachsinn zu produzieren und nehmt an der Diskussion doch einmal sachlich und mit realistischen Argumenten teil. Und die wahllos alles abdruckende Klatschpresse sollte auch einmal ihr Gehirn einschalten.

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