Dortmunder Familie flieht vor Nazi-Terror
01.12.2009 | 21:30 Uhr 2009-12-01T21:30:00+0100
Dortmund. Monatelang wurde eine Familie in Dortmund von Nazis terrorisiert. Jetzt haben sie kapituliert und die Stadt verlassen - bei Nacht und Nebel, wie Kriminelle. Dabei sind sie Opfer. Ein Protokoll.
Flucht aus Dortmund: Barbara Engelhardt (47), ihr Lebensgefährte Joachim Striepens (43) und Sohn Yasa (18) haben die Stadt verlassen. Sie wollten nicht, sie mussten. Weil sie nicht mehr sicher in ihrer Heimat leben konnten, haben sie das Feld geräumt, bei Nacht und Nebel, wie Kriminelle.
Dabei sind sie Opfer. Neonazis haben die Familie systematisch fertiggemacht. Niemand half. Ein Jahr Psychoterror – ein Protokoll.
Der Stadtteil Dorstfeld. Viele Rechtsradikale wohnen hier. Und es werden immer mehr. Wer hinschaut, merkt das. Die Familie Engelhardt-Striepens schaut nicht nur hin. Sie ist friedensbewegt – und reagiert: entfernt Nazi-Plakate, meldet „Juden raus”-Parolen und Hakenkreuze auf Gebäuden, stellt Rechtsradikale zur Rede. Das schmeckt denen nicht. Die Familie bekommt es zu spüren. Erst prangen Nazi-Aufkleber an dem evangelischen Gemeindehaus, in dem sie wohnt. Dann ist die Friedenstaube auf dem Privat-Pkw mit Hakenkreuzen überklebt. Bald darauf wird das ganze Auto mit schwarzer Farbe besprüht.
»Wohnung zu mieten – in Rostock oder Hoyerswerda«
Eines Nachts, um 2.20 Uhr, reißt ein Knall die Familie aus dem Schlaf. Ein Pflasterstein hat das Küchenfenster durchschlagen. Draußen quietschen Autoreifen. Die Täter entkommen. In dieser Nacht fühlen die Dortmunder, dass es an ihre Substanz geht. Sie bitten um Hilfe, informieren den „Runden Tisch”, der dazu da ist, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu unterbinden. Sie wenden sich an die Stadtspitze, an Politiker, an die Polizei, an die Kirche. Keiner reagiert.
Der Terror nimmt zu. Das Auto der Familie wird zertrümmert. „Sachbeschädigung”, notiert die Polizei. Barbara Engelhardt hat genug. Sie geht an die Öffentlichkeit, schildert den Medien das unsägliche Treiben, die Anschläge auf ihr Hab und Gut.
Plötzlich sind sie alle da: Kirche, Politik, Polizei, Staatsschutz, Oberbürgermeister, Runder Tisch – alle erschrocken, alle bestürzt, alles im Blitzlichtgewitter einer Pressekonferenz, wie sie Dortmund selten erlebt hat. Inmitten der Medienschar sitzt Barbara Engelhardt und fühlt sich wie im falschen Film. „Dieser Betroffenheitsbrei, da wird einem schlecht.” Erst komplett alleingelassen, sieht sie sich jetzt ausgestellt im Schaufenster der Empörung – „einfach beschämend”.
Nazi-Plakate hängen an jeder zweiten Ecke im Stadtteil. Sie zeigen ihr Foto und das ihres Sohnes. Hass-Flugblätter, die zur Menschenhatz animieren, wie bei einer Kopfgeldjagd. Von einem Kommissar des Staatsschutzes hört Engelhardt: „Es gibt keinen Schutz.” Da steht für die Familie fest: „Wir müssen hier weg.” Zynische Wohnungsofferten kommen per E-Mail: „4-Zimmer-Wohnungen zu mieten, wahlweise in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen”, Nummer der Internetanzeige anbei – „Mit freundlichen Grüßen, Nationale Sozialisten aus der Umgebung.”
Das WDR-Magazin „Cosmo TV” und der ARD-„Monitor” berichten über das Schicksal der Familie. Zu spät. Der Wegzug ist unumgänglich. Es ist eine Flucht, in aller Herrgottsfrühe. Im Schutz der Dunkelheit, gesichert durch einen privaten Security-Dienst, räumen die Dortmunder ihre Wohnung. „Die Rechten feiern das als Erfolg”, ahnt Joachim Striepens. „Aber wir wollen nicht die Märtyrer einer Gesellschaft sein, die das Geschehene billigt.”
Jetzt wird Protest laut. „Skandalös” nennt Oliver Wilkes vom Bündnis Dortmund gegen Rechts das Abtauchen aller offiziellen Stellen. „Mein Vertrauen in den Rechtsstaat und die Verfassungsorgane ist komplett verloren gegangen”, sagt er. Das Bündnis gegen Rechts im Kreis Unna kritisiert den Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau und Polizeipräsident Hans Schulze. Die Kernfrage: Warum gucken alle weg, statt zu helfen und zu schützen?
»Geholfen haben uns nur Freunde und die Familie«
„Polizeilicher Schutz kann sich nur in ganz seltenen Fällen so gestalten, dass eine Person oder ein Objekt rund um die Uhr bewacht wird. Dazu bedarf es einer konkreten Gefährdung für Leib oder Leben oder für ganz bedeutende Sachwerte”, sagt der Dortmunder Polizeisprecher Manfred Radecke.
Barbara Engelhardt hat fünf Kilo abgenommen. Ihr Zustand: „zutiefst erschüttert, traumatisiert”. Ohne externe Hilfe wird sie ihre Ängste kaum bewältigen können. Sie schüttelt den Kopf. „Gesicht zeigen, fordert die Gesellschaft – und dann ist man allein. Geholfen haben uns nur Freunde und die Familie. Jetzt beginnt ein neues Leben. Gewollt haben wir das nicht.”
