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Die "Wessis" der Preußen

23.01.2009 | 18:25 Uhr
Die "Wessis" der Preußen

Wesel. Nordrhein-Westfalen erinnert sich an seine preußischen Wurzeln. Seit 1609 gehörten große Regionen des heutigen NRW zu Brandenburg und später zu Preußen. Ausstellungen im ganzen Land erinnern in diesem Jahr an das Jubiläum.

Der Mann war frisch verheiratet, seine junge Frau hätte ihm 'was erzählt. Dass sich ihr Gatte, der Altenaer Landrat Fritz Thomé noch vor Geburt des ersten Kindes mal eben duellieren wollte, erfuhr sie aber nie. Auch nicht, dass es dabei nur um architektonische Stilfragen ging.

Fritz Thomé forderte anno 1907 einen Kunsthistoriker an die Pistolen, weil dieser seine Vorstellungen vom Wiederaufbau der Burg Altena torpedierte. Thomé wollte Kaiser Wilhelm II. ein patriotisches Pracht-Bauwerk schaffen. Leider vorbei an allen historischen Fakten. Das Duell platzte. Der Kaiser sprach das Machtwort für den Burg-Umbau.

Diese Geschichte, die erst nach dem Tod des Landrats ruchbar wurde, steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die am 1. Februar auf Burg Altena eröffnet wird. Der Streit um die „richtige” Burg wird uns Heutige ahnen lassen, wie wenig mit kaisertreuen märkischen Preußen zu spaßen war. Fünf Museumsdirektoren, die gestern in Wesel die große Ausstellungsreihe zum Preußenjahr in NRW vorstellten, legten mit ihren Äußerungen gar den Schluss nahe: Die besseren Preußen saßen im Westen von Potsdam und Berlin - an Lenne, Rhein und Ruhr. „Bei allen wesentlichen Etappen der preußischen Geschichte gingen die NRW-Gebiete nicht nur mit, sondern voraus”, sagt Veit Veltzke, Direktor des Preußen-Museums NRW in Wesel und Minden. Wichtige preußische Reformer und andere große Geister waren „Wessis” - die offenbar wieder Identität stiften könnten. Nicht umsonst wird der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, als wichtigster Geldgeber für die Preußen-Ausstellungen auf Foldern und Großplakaten genannt.

1959 - beim letzten runden Jubiläum - hätte man Preußen noch nicht wieder feiern können, sind sich die Museumsdirektoren einig. Zu nah war der II. Weltkrieg, zu nah die Erfahrung, dass starres Obrigkeitsdenken und ausgeprägter Militarismus ein Volk ins Verderben führen. Nun aber beginne man, alte Preußen-Klischees aufzubrechen, meint Eckhard Trox, Museumsleiter in Lüdenscheid. Vom toleranten Preußen („Jeder nach seiner Facon”), vom Motor wichtiger gesellschaftlicher Erneuerungen wird in diesem Jahr zu reden sein.

Apropos Motor. Die Ausstellung in der Märkischen Kreisstadt („Preußen - Aufbruch in den Westen”) wird parallel zu der in Altena am kommenden Sonntag eröffnet und kann mit Exponaten aufwarten, die Geschichte auch in Chrom erzählen. Trox jedenfalls durfte schon einmal Platz nehmen im Privat-Benz Paul von Hindenburgs, der im Städtischen Museum Lüdenscheid parkt. „Vorne noch 6,80 Meter Platz, hinten auch”, berichtet der Museumsleiter. Was für ein langer Kerl von einem Automobil.

Übrigens: Die Ausstellungen werden mit Großplakaten auch dort beworben, wo der Preuße nur als „Saupreuße” bekannt ist. In München. Und das, obwohl auch noch ein Schal von Borussia Dortmund im Bild baumelt. Denn Borussia - das wissen längst nicht mehr alle ihre Fans - heißt ja auch nichts anderes als „Preußen”.

Jürgen Potthoff

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