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Die verschwiegene Qual mit dem Strahl

23.09.2010 | 17:45 Uhr
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
So viele Klos – aber nicht allen Menschen verschaffen sie Erleichterung. Foto: Frank Vinken

Dortmund.Wenn’s ums Eingemachte geht, können Männer ganz schön sensibel sein. Laut einer Studie leiden fast 3 Prozent der deutschen Männer unter Paruresis – also der „schüchternen Blase“. Sie können nicht in Gesellschaft pinkeln.

Pinkelpause nach ein paar Flaschen Bier: Kaum etwas verschafft einem ein größeres Gefühl der Erleichterung. Diesen Satz würden viele Männer zwar unterschreiben. Rund eine Million deutscher Männer hätten mit dieser Aussage allerdings so ihre Probleme. Nach einer repräsentativen Studie des Kölner Psychotherapeuten Dr. Philipp Hammelstein leiden 2,8 Prozent des starken Geschlechts an Paruresis, dem Syndrom der „schüchternen Blase“. Sie können nicht in Gesellschaft pinkeln.

Selbsthilfegruppe in Köln gegründet

Thilo Linde aus Köln (Name v.d. Red. geändert) gründete mit Betroffenen aus NRW eine Selbsthilfegruppe. Er kann verstehen, wenn andere über die Phobie schmunzeln. Die Qual mit dem Strahl kann aber sehr schmerzhaft sein: „Ich erinnere mich an einen Betriebsausflug mit einer Planwagenfahrt. Es gab ein Fässchen Kölsch, das munter geleert wurde. An einer günstigen Stelle sprangen alle Männer vom Wagen und befreiten sich am Straßenrand vom Druck. Nur ich konnte nicht, das ist ärgerlich“.

„Bei immerhin 30 Prozent der Männer in Deutschland läuft ab und zu nichts, wenn sie vor dem Pissoir stehen“, so Philipp Hammelstein. Behandelt werden von ihm aber nur Männer, denen es unmöglich ist, auf öffentlichen Toiletten Wasser zu lassen und die diese deshalb meiden. „So werden zum Beispiel keine Kneipen, Restaurants oder Kinos mehr besucht“, weiß der Paruresis-Pionier. Er selber hat das Phänomen bei seiner Arbeit in der Psychiatrie Heidelberg kennen gelernt. „Paruresis war bei einem Patienten eine der Ursachen seiner Depression. Er hat seinen Arbeitsplatz nicht nach Interesse, sondern nach Entfernung zur eigenen Wohnung ausgesucht“.

Pinkel-Problem belastet den Alltag

Zahlreiche Patienten haben dem Psychotherapeuten seitdem erzählt, wie sehr sie das Pinkel-Problem im Alltag belastet. Er schildert eine typische Büro-Situation: „Weil man darauf sensibilisiert ist, merkt man früher, wann die Blase drückt. Man lauscht auf dem Flur. Geht gerade ein Kollege auf die Toilette? Wenn man dann am Becken steht, kommt ein Kollege rein. Man tut so, als ob man schon fertig ist, wäscht sich die Hände, setzt sich wieder an den Schreibtisch, wartet und lauscht wieder“. So wird die Paruresis zum ständigen Hintergrundrauschen im Kopf, das Stimmung und Konzentration stört.

Paruresis entwickelt sich bei vielen Männern in der Jugend. Auslöser sind oft Schlüsselerlebnisse in der Pubertät. Zum Beispiel Situationen auf dem Schulklo, wo Mitschüler über die Toilettenwände steigen und so die Grenzen der Intimsphäre verletzen. Das kann beim nächsten Klo­besuch zu einer Angstreaktion führen. Bei Stress macht die Blase dicht: „Die Ringmuskeln kontrahieren, sie bleiben angespannt und verschließen die Harnröhre.“

Die Schuld schiebt Hammelstein unseren Vorfahren in die Schuhe. Heute rennt zwar kein Mammut mehr durchs Bahnhofsklo, „vom Stresspegel gleicht die Paruresis aber einer archaischen Kampf-Flucht-Situation“, so Hammelstein. „Natürlich ist es für den Organismus dann nicht sinnvoll, erst genüsslich zu pinkeln.“

Gezielt „Gesellschafts-Pinkeln“ lernen

Eine natürliche Reaktion. Trotzdem fühlt es sich für Thilo Linde an, als ob er nicht richtig funktioniert. „Oft denke ich am Pissoir: ,Bin ich bescheuert oder was, warum kommt denn jetzt nichts?’“ In der Paruresis-Therapie reflektiert Hammelstein über störende Denkmuster, die die Angst befeuern. Entspannungsübungen können helfen. „Wer viele Jahre unter Paruresis leidet, hat sich antrainiert, dass die Situation auf dem Klo bedrohlich ist. Da hilft nur Umlernen.“

In einer Studie mit 60 Patienten zeigte er 2005, dass Konfrontationsübungen Erfolge erzielen. Die Männer gehen in Begleitung eines „Pee-Buddys“ (Pinkel-Kumpel) auf eine öffentliche Toilette. Der Pee-Buddy schüchtert weniger ein als ein Fremder: „Weil er Bescheid weiß und Verständnis hat, wenn es nicht klappt“, so Linde. So, wie ein Spinnenphobiker nicht direkt eine Vogelspinne auf die Hand nimmt, fangen auch die Paruresis-Männer langsam an. Zunächst wird die Tür einer Kabine einen Spalt offen gelassen. Wenn Thilo Linde heute alleine auf ein öffentliches Klo kommt, läuft’s ziemlich schnell. Ein Pinkel-Plausch mit dem Pissoir-Nachbarn? „Soweit werde ich nicht kommen“, sagt er lachend.

Tim Gabel

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Kommentare
18.10.2010
23:33
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Tim Gabel | #9

Vielen Dank für die ernst gemeinten Kommentare. Allen, die dieses Kommentar-Forum nutzen, um schlechte Witze zu machen, muss man allerdings fehlendes Mitgefühl attestieren. Sicher können auch Paruresis-Patienten, die nicht so schwer betroffen sind, hin und wieder über ihre Erkrankung schmunzeln. Aber durch meine Gespräche im Vorfeld zu diesem Artikel habe ich die Geschichten von einigen Männern gehört, die sehr stark unter dieser Störung gelitten haben und sogar Depressionen entwickelten. Da ist jeder Scherz unpassend. Auch, wenn eine ernsthafte Antwort auf einige Kommentare hier wahrscheinlich vergebene Liebesmüh ist, habe ich mich aufgefordert gefühlt, mich noch einmal dazu zu äußern. Einer der Männer mit denen ich während meiner Recherche gesprochen habe, hat mir sein Schlüsselerlebnis erzählt: Zwei ältere spätpubertierende Schüler haben ihn auf dem Schulklo ausgelacht und beschimpft, weil er vor dem Pissoir stand und nicht sofort gepinkelt hat. Die Angst und der Stress aus dieser Situation haben sich in sein Unterbewusstsein eingebrannt. So, dass sich die Paruresis entwickelte. Die Scham davor, sein Problem vor anderen zuzugeben und die Angst dafür ausgelacht zu werden, war sehr groß. Die Folge: An seinem Tiefpunkt lag er tagelang antriebslos im Bett, mied soziale Kontakte an der Uni und hatte große Zukunftsängste, weil er sich einen Job mit Paruresis nicht vorstellen konnte. Es ist mutig und kostet viel Kraft, sich diesen Ängsten zu stellen. Wahrscheinlich vergleichbar mit der Bekämpfung einer Höhenangst oder Spinnenphobie. Und deswegen empfinde ich es als äußerst rücksichtslos und unreflektiert, wenn sich jemand der unwissend ist, über diese Phobie lustig macht. Einige der Kommentare hier erinnern mich von ihrer Intention doch stark an die zwei Spätpubertierenden aus der Geschichte des Mannes mit Paruresis. Deshalb: Obwohl mich diese Kommentare professionell kalt lassen, weil ich sie nicht ernst nehmen kann: Persönlich macht es mich doch wütend, wenn hier unkontrolliert und vor allem ohne nachzudenken eine Phobie und die darunter leidenden Menschen durch den Kakao gezogen werden. So eine Stimmung bereitet den Nährboden für derartige sozialen Phobien und macht es für die Betroffenen so schwierig, sich mit ihrem Problem an ihre Mitmenschen zu wenden.

24.09.2010
22:20
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von esklapptwieder | #8

Jetzt mal im Ernst, mir ist es auch in der Vergangenheit schwer gefallen in Anwesenheit anderer zu pinkeln. Ein einfacher Trick hat mir persönlich geholfen. Ich habe gezählt, 21, 22, 23 usw oder wenn es mal wieder schlimmer war, angefangen Rechenaufgaben gedanklich zu lösen. Nach anfänglichen Rückschlägen, klappt das mit dem „Gemeinschaftspinkeln“ heute ganz gut. Ich führe es darauf zurück, dass das menschliche Gehirn immer nur eine Information bewusst verarbeiten kann. Oder anders ausgedrückt man kann nie an zwei Dinge im gleichen Moment denken. Bewusstes Zählen und die Umwelt gleichzeitig bewusst wahrnehmen ist also nicht möglich. Bevor jetzt wieder einige Zweifel anmelden, einfach mal ausprobieren.

24.09.2010
18:33
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Karl | #7

Ich wünsche allen Idioten, die hier einen Witz davon machen und Paruretiker auslachen, einen Monat Paruresis.
Da werdet ihr wissen, dass es kein Scherz ist.

24.09.2010
12:10
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Apostel | #6

Einer der interessantesten Artikel die ich jemals gelesen habe. Endlich nimmt sich einer mal dieser Thematik an. Danke an den Paruresis Pionier aehh..Phaenomen Dr. Phillip Hammelstein.

Wusste garnicht, das 2,8% des starken Geschlechts immerhin 30% der Maenner in Deutschland sind.
Ebenso interessant das unsere Vorfahren die Mammuts schuld haben, die hatte ich schon seid Jahren in Verdacht.

Mann-oh-mann da muss ich erstmal meine stoerenden Denkmuster reflektieren um die Angst zu befeuern...eehm... oder war das umgekehrt?

Egal, habe eh noch einen Termin mit meinem Pee-Body (uaaahhh der hat immer so kalte Haende), naja, nutzt nichts, da muss ich jetzt durch. Vielleicht treffe ich auch noch den Thilo.

Hammelstein verdient den Nobelpreis, jau..

24.09.2010
04:10
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Nothingandnowhere | #5

Wir gehen nicht zum Pinkeln aufn Pott. Wir gehen da gruppenweise hin, um die neue Weltordnu... Huch, beinahe hätte ich mich verplappert...!

23.09.2010
21:29
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Erwin Lottermann | #4

Paruresis gibt es überigens NUR bei Männern!
Frauen können NUR pinkeln, wenn sie zu zweit auf Klo gehen. Oder deute ich das falsch, dass Frauen nie alleine sondern im nur in Gruppen zur Entsorgung stöckeln?

23.09.2010
20:53
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Gesellschaftspinkler | #3

und nichtsoviel rumschlackern,sonst muß die Putzfrau wieder die Spritzwände säubern

23.09.2010
20:45
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von denk ich mir doch einmal | #2

Gezielt „Gesellschafts-Pinkeln“ lernen. Pipi machen im Kolektiv. Muss man erst lernen.

23.09.2010
20:21
Die verschwiegene Qual mit dem Strahl
von Stilles Örtchen | #1

Wußte gar nicht, dass das Pinkeln in Gesellschaft mittlerweile hoffähig geworden ist.
Bin am Wochenende in der Oper. Falls ich in einer Pause Druck verspüre pinkel ich einfach drauf los. Hoffentlich findet die Gesellschaft das dann nicht anstößig?!

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