Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Demenz

Die schwierige Suche nach den Suchenden

28.02.2011 | 19:11 Uhr
Die schwierige Suche nach den Suchenden
Ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera. WR-Bild: Ralf Rottmann

Dortmund. Die Zahl der Demenzkranken steigt. Schon in gut 20 Jahren soll es hierzulande mehr als zwei Millionen Menschen mit einer Demenz geben. Viele Betroffene sind desorientiert und leiden an schweren Gedächtnisstörungen. In Kombination mit dem krankheitsbedingten Drang, weglaufen zu wollen, kann diese Situation katastrophale Folgen haben. Die Polizei beobachtet seit Jahren, dass die Zahl der als vermisst gemeldeten Dementen wächst. Einer immer besseren technischen Ausrüstung der Einsatzkräfte zum Trotz: Viele Vermisste können nicht lebend gefunden werden.

Hilfe im Ernstfall

Um die Chance zu erhöhen, eine vermisste demente Person schnell wiederzufinden, sollten Angehörige oder Pfleger die betroffene Person mit den Personalien (Name, Adresse, Telefonnummer der Angehörigen) ausstatten – und diese wichtigen Infos in Form einer Visitenkarte in Jacke oder Handtasche stecken oder nähen. Auch Namensschilder in Kleidern und beschriftbare Plastik-Armbänder sind hilfreich.

Angehörige sollten immer eine Personenbeschreibung mit aktuellem Foto bereithalten. In der Beschreibung sollten folgende Angaben nicht fehlen: Name, Vorname, Geburtsdatum, Sprache, Größe, Statur, Haarfarbe, Augenfarbe, Schnauz oder Bart bei Männern, Brille, Gehstock, typische Merkmale. Das Foto sollte alle sechs Monate erneuert werden.

Heinz K. (*) möchte zu seiner Frau. Sofort. Im Schlafanzug läuft er zur nächsten Bushaltestelle. Bei minus zehn Grad Außentemperatur. Eine Handvoll Kleingeld für den Fahrschein in der verschlossenen Faust. Nur: Seine Frau ist seit über zehn Jahren tot. Und die Bushaltestelle liegt genau in die andere Richtung. Heinz K. irrt auf Feldwegen umher. Er ist dement. Drei Tage später wird seine Leiche gefunden. Heinz K. ist erfroren. Seine Hand umklammert noch immer die Münzen für den Fahrschein.

Kriminalhauptkommissar Lothar Zuch arbeitet in der Vermisstenstelle des Polizeipräsidiums Dortmund. Im letzten Jahr sind allein in Dortmund und Lünen 1349 Personen als vermisst gemeldet worden. „Den Hauptanteil bilden dabei Jahr für Jahr Vermisstenmeldungen aus Jugendhilfeeinrichtungen, aus der Erwachsenen-Psychiatrie und aus Seniorenheimen“, sagt Zuch. Belastbare Zahlen zu der Entwicklung der als vermisst gemeldeten Dementen gibt es nicht. Weder beim Landeskriminalamt noch in Zuchs Abteilung werden diese erhoben. Wer aber mit Angehörigen spricht, mit Heimleitungen und Polizisten, der hört unisono: Die Zahl der Dementen, die „ausbüxen“, die sich verlaufen und schließlich orientierungslos umherirren, steigt. Kriminalhauptkommissar Zuch macht seinen Job seit 13 Jahren. „Ich habe im Laufe dieser Jahre beobachtet, dass insbesondere die Zahl der als vermisst gemeldeten Senioren und dabei insbesondere die Zahl der Demenzkranken erheblich zugenommen hat.“ Im günstigsten Fall finden Angehörige oder Pfleger die demente Person ohne die Hilfe der Polizei – in der Toilette des Zimmernachbarn, im Heizungskeller oder im Geräteschuppen. Im ungünstigsten Fall bleibt diese erste Suche erfolglos – und damit beginnt sie: Die große Suche nach dem Suchenden.

Ein Polizei-Hubschrauber überfliegt auf der Suche nach Inge B. die Umgebung des Dortmunder Seniorenheimes, in dem die demente und als vermisst gemeldete Seniorin lebt. Doch die Frau bleibt verschwunden. Eine Hundertschaft rückt daraufhin in das aus der Luft schlecht einsehbare Waldgebiet in Nähe des Heimes aus. Polizisten finden Inge B. auf dem Boden liegend. Mit ihrem Nachthemd hat sie sich in einem Weidezaun verfangen. Völlig hilflos liegt sie da. Sie lebt.

Manchmal steht von vornherein fest, dass es um Leben und Tod geht. Generell müssen Lothar Zuch und sein Team aber immer schnell entscheiden: Wie akut ist die Gefahr für die vermisste Person? Und: Welche polizeilichen Maßnahmen sind sinnvoll? „Im innerstädtischen Bereich ist die Suche mit einem Helikopter in der Regel unsinnig, weil sich zu viele Menschen in den Hauptstraßen tummeln“, sagt Zuch. Doch es gibt weitere Möglichkeiten: Hundertschaften durchpflügen unwegsames und schlecht einsehbares Gelände, Spürhunden werden Kleidungsstücke des Vermissten vorgelegt, so dass sie Fährte aufnehmen können. „Generell gilt: Wenn es um ein Menschenleben geht, werden keine Kosten und Mühen gescheut“, sagt Zuch. In etwa zehn Prozent der Vermisstenfälle sind Hubschrauber an der Suche beteiligt. Werden Personen in NRW vermisst, rücken die Polizei-Helis aus Dortmund oder Düsseldorf an. „Die Düsseldorfer Kollegen kümmern sich um Einätze entlang der Rheinschiene, wir sind für den westfälischen Bereich zuständig“, sagt Klaus Kujath, Leiter der Flugeinsatzgruppe Dortmund. Insgesamt hält das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste fünf Hubschrauber des Typs BK117, zwei Eurocopter und zwei Flächenflugzeuge bereit. Allein in Dortmund arbeiten 15 Einsatzpiloten und vier so genannte „Operator“, die die taktischen Einsatzmittel an Bord bedienen. „Im Falle einer Vermisstensuche bei Dunkelheit sind Maschinen im Einsatz, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet sind. Diese Kamera nimmt Wärmeunterschiede am Boden auf und stellt sie bildlich dar“, sagt Kujath.

Es ist kurz vor halb acht am Abend, als die Dortmunder Fliegerstaffel alarmiert wird. Gesucht wird eine 76-jährige demente und an Diabetes erkrankte Seniorin. Sie schwebt in akuter Lebensgefahr, wenn ihr nicht bis spätestens 22 Uhr Insulin verabreicht wird. Die Einsatzkräfte suchen die Frau aus der Luft – und entdecken nach kurzer Zeit hinter dem Seniorenheim eine auf dem Weg liegende Person. Ohne Hilfe hätte die Frau die Nacht nicht überlebt.

Die Suche per Hubschrauber ist gerade in ländlichen Gebieten sinnvoll. In Nordrhein-Westfalen werden im Jahr durchschnittlich 600 bis 800 Personen – darunter aber auch Kinder und Heranwachsende – per Hubschrauber gesucht. Trotz einer Kameraausstattung mit einem Wert von über einer Million Euro, trotz einer Besatzung von drei Personen bei Nachtflügen gleicht die Suche nach Vermissten oft der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. „Wir schließen den weitaus überwiegenden Teil unserer Einsätze nicht mit dem Auffinden der vermissten Person ab“, sagt Kujath. Wie groß die Erfolgsaussichten sind, hängt neben Faktoren wie Sicht, Witterung und dem nötigen Quäntchen Glück entscheidend von den Informationen ab, die dem Suchteam mit auf den Weg gegeben werden. „Wir sind auf die Hinweise angewiesen, die wir von Pflegern oder Familienangehörigen bekommen. Was trägt der Vermisste für Kleidung? Gibt es Orte, an denen er sich gerne aufhält? Je runder die Infos sind, desto größer sind die Erfolgsaussichten“, sagt Kujath. Oftmals aber bleibt die Suche trotz aller Bemühungen vergeblich. Besonders schwierig sind für Lothar Zuch die Fälle, in denen die Vermissten gar nicht gefunden werden – weder tot noch lebendig. „Die Betreuung der Angehörigen von Langzeitvermissten kostet viel Kraft. Diese Menschen leben in einem fürchterlichen Schwebezustand, die rufen jeden Tag an und wünschen sich irgendwann nichts mehr, als Gewissheit zu bekommen.“ Manche warten Tage, andere Wochen. Manche bekommen sie nie.

Bei Bauarbeiten an der B1 wird das Skelett einer Frau gefunden. Sie kann identifiziert werden: Die demente Frau war vor über einem Jahr von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet worden. Alle direkt eingeleiteten Suchmaßnahmen blieben damals erfolglos.

(* Alle geschilderten Suchaktionen haben sich tatsächlich so abgespielt. Lediglich die Namen der dementen Personen wurden von der Redaktion geändert.)

Melanie Pothmann

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/4345003/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
SG Massen gegen SC Hamm
Bildgalerie
Fotostrecke
SG Holzwickede vs. SV Langschede
Bildgalerie
Fotostrecke
Schwerer Verkehrsunfall
Bildgalerie
Fotostrecke
Wandern mit der WR
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Römer im Anmarsch - Baubeginn in Bergkamen
Archäologie
Es war das größte Römerlager nördlich der Alpen und wurde 1905 in Bergkamen-Oberaden entdeckt. Jahrelang durften die Geschichtsfreunde von einem Archäologischen Park an Ort und Stelle nur träumen - im Sommer wird endlich gebaut.
Die Angst vor der Scharia ist größer
Assad-Regime
Er wünscht sich eine syrische Demokratie, doch vor der Revolution und ihren Folgen fürchtet er sich. Deswegen steht Julius Hanna Aydin, Bischof der syrisch orthodoxen Kirche in Deutschland fest hinter Assads Regime. Nahostexperte Jochen Hippler hält das für bedenklich.