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Serie: Bosnien-Herzegowina

Die Pest der Korruption lähmt das Land

16.07.2009 | 16:34 Uhr

Arbeiten, Wohnen, Wählen - Das Leben in Bosnien-Herzegowina ist käuflich - Die Menschen wenden sich von der Politik ab

Banja Luka. Svetlana Cenic ist eine resolute Person. Die Wirtschaftsexpertin und frühere Finanzministerin spricht offen aus, was andere nur hinter vorgehaltener Hand sagen: „Unsere Gesellschaft ist durchdrungen von Korruption.”

„Es beginnt im Kindergarten und zieht sich durch das ganze Bildungssystem”, sagt die ehemalige Hochschullehrerin. Trotz einer hohen Analphabetenrate gebe es die meisten Doktortitel pro Kopf, Examen seien sehr schnell zu machen, der Zugang zu den Hochschulen sei völlig undurchschaubar. Wählerstimmen seien käuflich, fügt sie hinzu - „für vielleicht 20 Mark”.

„Das größte Geschäft in diesem Land ist die Politik”, sagt auch Aleksandra Martinovic von Transparency International (TI) in Bosnien-Herzegowina. Sie verweist auf die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Einzelne bereicherten sich auf Kosten der Allgemeinheit; eine juristische Verfolgung finde so gut wie nicht statt. Für die Entwicklung des Landes sehe sie schwarz.

Tatsächlich macht sich Resignation breit. Junge Leute, die in einem Café in Tuzla ihre Zeit totschlagen, sehen ihre Zukunft düster: „Ohne Beziehungen findest du keinen Job. Du brauchst Beziehungen, oder du zahlst für einen Job, aber dann hast du keine Chance, da kannst du noch so gut sein und Leistung bringen, aber aufsteigen kannst du nicht.”

An Familiengründung denken sie nicht. „Heiraten? Kinder kriegen? Wie soll das gehen, wenn du keine Wohnung hast? Wenn du eine Wohnung willst, brauchst du einen Onkel, oder du zahlst dafür. Aber ohne Job leiht dir niemand Geld.” Am liebsten gingen sie ins Ausland, doch: „Wir kommen hier nicht weg, uns lässt man hier nicht raus.”

Der Chef des Arbeitgeberverbandes, Nihad Imamovic, räumt ein, es gebe viele „indirekte Formen” von Korruption; verbreitet sei es, „jemandem einen Gefallen zu tun”. Das gelte für heimische und internationale Institutionen gleichermaßen. Im Gesundheitswesen sei es „unmöglich, eine medizinische Untersuchung zu bekommen, ohne dafür zu bezahlen”.

Sein Verband habe sich auf einen offenen Umgang mit dem Problem verständigt, sagt der Unternehmer. „Wir wollen den Finger auf die Wunde legen, und wir erwarten, dass die Regierung reagiert.”

Die meisten Politiker aber wiegeln ab, wenn sie auf das schleichende Gift der Korruption angesprochen werden. „Ja, die gibt es, niemand bestreitet das”, sagt der Ministerpräsident der Republica Srpska, Milorad Dodik im Gespräch mit der WR. Aber das Ausmaß sei geringer als in einigen westeuropäischen Ländern, fügt er an und erwähnt ausdrücklich Großbritannien und Deutschland.

Während Dodik, der auch Vorsitzender des Bundes der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) ist, den Aktionsplan seiner Regierung gegen Korruption hervorhebt, kritisiert die Opposition nicht nur seine Untätigkeit, sondern auch seine eigene Verstrickung. „Vom SNSD kann man nicht behaupten, dass keiner aus der Parteiführung in Affären verstrickt ist”, formuliert Ognjen Tadic von der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) etwas umständlich. Er schürt damit die Gerüchte über Unregelmäßigkeiten und Prunksucht beim Bau des neuen Regierungsgebäudes in Banja Luka und sagt: „Die Korruption ist eng mit der Regierungspartei verbunden.”

Nachdenklicher antwortet Haris Silajdcic, der bosniakische Staatspräsident von Bosnien-Herzegowina. „Das ist ein Problem des Systems”, sagt er im Gespräch mit der WR, „das durch die ethnische Trennung verschärft wird.” Jede Volksgruppe bevorzuge die eigenen Angehörigen, letztlich berge das ernste Gefahren für die Demokratie, weil die Menschen sich von der Politik abwenden: „Sie sind dessen so überdrüssig.”

In Politik und Parteien mitmischen wollen selbst die kämpferischen Frauen aus Srebrenica nicht, und auch die jungen Leute, die sich in der Initiative „Schüler helfen Leben” für eine Überwindung der ethnischen Trennung einsetzen, gehen auf Distanz zur Parteipolitik. Für die einen ist das Männersache, für die anderen ein schmutziges Geschäft. „Wahlen ändern nichts”, sagen sie und suchen eigene Wege, die Lebensumstände der Menschen erträglicher zu machen. Nur der junge Mann in Tuzla, der Elektroingenieur werden will, denkt daran, sich nach dem Studium einer Partei anzuschließen. Ihm geht es nicht um politischen Einfluss, um Teilhabe und gesellschaftliche Veränderungen. Sein einziges Motiv lautet: „Dann habe ich bessere Chancen, einen Job zu finden.”

Petra Kappe



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