Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Kritik an Inklusion

„Die Förderschule ist keine Endstation“

12.12.2010 | 17:47 Uhr
„Die Förderschule ist keine Endstation“
In der Förderschule Hiddinghausen werden behinderte Kinder geschult.

Sprockhövel.Ein „Ende der Abschiebung“ oder eine neue Rolle als „Außenseiter“ unter nicht behinderten Schülern? Am heutigen Montag lädt NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann zum „Gesprächskreis Inklusion“. Es geht um den künftigen Weg behinderter Schülerinnen und Schüler, die möglichst schnell in den Unterricht an Regelschulen integriert werden sollen.

Doch nicht alle sind von den Plänen der Landesregierung begeistert: Eltern etwa, die ihre Kinder bewusst in eine Förderschule schicken, oder Lehrer, die seit Jahrzehnten dort unterrichten.

Wenn die sieben Schülerinnen und Schüler morgens die Klasse von Mechthild Peter und Anne Wockel an der Förderschule für geistige Entwicklung in Sprockhövel-Hiddinghausen stürmen, haben sie meist vor allem eines: Spaß. Das unterscheidet die Sieben- bis Achtjährigen von vielen ihrer Altersgenossen. Das Klassenzimmer ist bunt und freundlich gestaltet, es gibt einen Bereich zum Lernen, aber auch Ecken zum Spielen, Essen oder Ausruhen.

Info
Kein fester Zeitplan

Anfang 2009 hat Deutschland die Konvention der Vereinten Nationen ratifiziert, wonach Menschen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen.

Anfang Dezember hat der Düsseldorfer Landtag mit den Stimmen von SPD, Grünen, CDU und Linken schließlich die volle ­Integration behinderter Schüler (die sogenannte Inklusion) auf den Weg gebracht. Die FDP enthielt sich der Stimme, weil beim derzeitigen Ausbaustand ein Rechtsanspruch für alle behinderten Kinder auf einen Platz in einer Regelschule noch nicht zugesagt werden könne.

Ein fester Zeitplan für die Inklusion wurde noch nicht verabschiedet.

Alle schreiben ihren Namen an eine Tafel neben der Tür. Inzwischen – nach gut zwei Jahren – klappt das bei den meisten ganz gut. Doch bis dahin war es ein beschwerlicher Weg. Einigen Kindern fällt es schwer, sich länger zu konzentrieren, sie werden unruhig, stehen auf, singen. Bis auf eines sind alle Kinder trocken, doch auch den anderen passiert schon mal ein „Missgeschick“. Dann muss gewickelt werden. „Mit unserem Personalschlüssel können wir mit solchen Situationen gut umgehen“, sagt Anne Wockel. Zwei Lehrerinnen, oft beide vor Ort, zwei sogenannte Integrationshelfer für Kinder, die besondere Betreuung brauchen, und an Tagen wie diesem auch noch Zivi Fabian zur Unterstützung – jeder packt mit an.

„Jeder Fortschritt ein Geschenk“

Wenn geschrieben und gerechnet wird, läuft das anders als an Regelschulen. „Das Lernen findet bei uns eher spielerisch statt“, sagt Mechthild Peter. „Wir fördern jedes Kind nach seinen individuellen Möglichkeiten.“ Und dennoch haftet der Förderschule, auch durch die aktuelle Debatte, ein Stigma an. „Wir sind undenkbar geworden“, sagt Mechthild Peter und stellt klar: „Wir sind ja nicht gegen die Inklusion. Doch die Voraussetzungen müssen stimmen. Und wir wehren uns gegen die negative Darstellung unseres Schulkonzeptes.“

Britta Luszas hat das Konzept überzeugt. Ihr achtjähriger Sohn Morten ist wegen eines Sauerstoffmangels bei der Geburt in seiner Entwicklung verzögert. „Niemand konnte uns anfangs sagen, was Morten einmal können wird. Jeder Fortschritt ist darum für uns ein Geschenk“. Morten besuchte einen integrativen Kindergarten, und als die Entscheidung für einen Schultypen anstand, war sie für die Eltern nicht leicht. „Ich habe mir viele Schulen angesehen.“ Nach einem Hospitationstag in Hiddinghausen war Britta Luszas überzeugt. „Ich wusste, hier kann ich meinen Sohn mit gutem Gewissen hinschicken.“

Angst, dass das Kind ein Außenseiter wird

Morten geht gern zur Schule. „Hier ist mein Sohn mittendrin“, sagt Britta Luszas, „an einer Regelschule hätte ich immer die Angst, dass er ein Außenseiter ist.“

Eine Erfahrung, die sie Morten ersparen möchte. „Ich packe ihn ja deswegen nicht unter eine Glasglocke.“ Außerhalb der Schule besucht Morten Sportgruppen mit nichtbehinderten Kindern; doch ihr sensibler Sohn spüre Ablehnung sofort. „Kinder können grausam sein“, sagt Britta Luszas. Morten werde dann aggressiv, ziehe sich zurück. Sie möchte ihm den Frust ersparen, dass er in einer Regelschule immer der wäre, der „ein bisschen anders“ ist, der, der nicht das kann, was die anderen können, der, der vielleicht sogar scheitert - und die Schule verlassen muss.

Eine Entscheidung, für die sie sich oft rechtfertigen muss, für die sie dumme Blicke und spitze Bemerkungen kassiert. Sie hört Sätze wie: „Wie könnt ihr ihn nur dahin abschieben?“, oder: „Na, da habt ihr ihn ja gut versorgt.“ „Da ist man ständig in Sorge um Morten, ist endlich überzeugt, optimale Bedingungen für ihn gefunden zu haben, und bekommt von der Gesellschaft vermittelt, dass man sein Kind abgeschoben hat“, so Britta Luszas. „Das tut einem als Mutter weh.“

Hier wird das Busfahren geübt

Eine Erfahrung, die Kerstin Krüner teilt. Ihre Tochter Philina geht mit Morten in eine Klasse. Das fröhliche Mädchen mit dem blonden Zopf, hat das Down-Syndrom. Bei Down-Kindern, so der Eindruck von Kerstin Krüner, ist der Druck besonders groß. „Oft wird der Eindruck vermittelt, man muss das Kind nur richtig fördern, dann hat es alle Möglichkeiten.“ Doch die Ausprägungen der Behinderung sind unterschiedlich. „Für uns war es nicht wichtig, dass Philina möglichst viel Wissen vermittelt wird. Uns ist wichtig zu wissen, dass sie einmal gut durchs Leben kommt“, sagt Kerstin Künker. Darauf, da sind beide Mütter überzeugt, werden die Kinder in Hiddinghausen bestens vorbereitet. Die jüngeren Kinder üben selbstständig zu essen, sich anzuziehen oder auch ins Theater zu gehen, die älteren werden in einer Lehrwohnung auf die Belange des Alltags vorbereitet, üben den Umgang mit Geld oder das Busfahren.

Schule für das Kind das Beste

„In einer Regelschule würde Morten wahrscheinlich doch wieder vieles abgenommen, was ihm hier bewusst beigebracht wird“, glaubt Britta Luszas. „Natürlich freuen wir uns auch über jeden Buchstaben und jede Zahl, die Philina lernt“, fügt Kerstin Künker hinzu. „Als ich neulich mit ihr Nachrichten schaute, und sie plötzlich drei Buchstaben erkannte, hätte ich heulen können.“

Und – auch davon sind beide Mütter überzeugt – wenn die Entwicklung ihrer Kinder es rechtfertigt, würde die Schule einen Wechsel sofort befürworten. „Förderschule ist keine Endstation“, formuliert es Lehrerin Mechthild Peter.

Und bis dahin, erklärt Mutter Kerstin Künker, „ist die Schule in Hiddinghausen das Beste, was unserem Kind passieren konnte.“

Barbara Allebrodt

Facebook
 
Kommentare
17.12.2010
07:23
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Thomas74 | #16

Wie schön einseitig dieser Artikel formuliert wurde. Ich hatte gerade kurz das Gefühl, dass ich bei bild.de bin. Wieso greifen sie nicht mal Aussagen von Pädagogen auf, die bereits Inklusion an Schulen in Dortmund durchführen? Geht es den Kindern dort wirklich so schlecht, werden sie dort alle ausgegrenzt? Ist es nicht per se schon eine Ausgrenzung, alle behinderten Kinder an eine Sonderschule zu schicken?

13.12.2010
15:54
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Polemik, nein danke! | #15

Schade, dass das Thema so polarisiert und die Diskussionen zum Teil so hitzig und wenig zielführend geführt werden.

Inklusion ist ein spannendes Thema, und ich bin sicher, dass sich die beiden Seiten, also Förder- und Regelschulen, in der Förderung von Schülern mit Behinderung gut entgegenkommen und Schnittmengen finden können. Wenn man denn nur will ...

Ich finde auch: So etwas braucht Zeit und muss professionell begleitet werden. Wenn alle Schüler wirklich davon profitieren sollen.

13.12.2010
15:36
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von its me | #14

Fischkopp der Name ist Programm. Die Kommentare stinken zum Himmel. Da wird auf dem Rücken der Kinder billige Polemik ausgetragen

13.12.2010
15:26
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von wir brauchen Zeit | #13

@Fischkopp: eigentlich müsste man auf ihre Beiträge nicht mehr antworten. Unfassbar!

Aber ich kann Ihnen sagen, dass 1. mich Ihr Ton und Ihre Argumente nicht überzeugen und 2. in der Förderschule meines Vertrauens sehr gute Arbeit geleistet wird: ich lade Sie gerne dazu ein, sich selbst vor Ort ein Bild davon zu machen und freue mich auf eine sicher anregende Begegnung.

13.12.2010
13:35
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Fischkopp hat Recht | #12

@ #10 wir brauchen Zeit

Ich glaube, auch hier spricht der Name für sich: Wir brauchen Zeit! - Zum Nachdenken, aber bitte Dalli, Dalli...
Fragen Sie mal in der Förderschule ihres Vertrauens, wie hoch der Anteil der Kinder ist, die nach der ach so tollen Förderung sozialer Kompetenz in die normale Primarstufe wechseln können.
Die Lehrer der Förderschulen machen schon Tourneen durch die Kindergärten, um ihre Klientel abzugreifen.
Mangelnder Respekt vor dem Lehrpersonal - da sieht man schon wieder, wo der Hase langläuft.
Und mit G8 hat das ganze nun wirklich GARNICHTS zu tun. Das ist eine ganz andere Baustelle.

Machen Sie mal Ihre Augen auf sonst reden Sie wie ein Blinder von der Farbe!

13.12.2010
13:16
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Fischkopp hat Recht | #11

@#9
Bei uns im Ort ist eine Förderschule für Geistigbehinderte, mittendrin und nicht auf der grünen Wiese. - Was hatten Sie denn gedacht?
Im Zoo?
Und dann sind die auch noch täglich...im Ort unterwegs - zum Glück mit ihren Lehrern.

Mit Verlaub, wenn hier jemand polemisch ist, sind Sie das!

13.12.2010
12:50
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von wir brauchen Zeit | #10

@ Fischkopp: Solche Parolen wie ....dass mal wieder die Frösche zur Trockenlegung des Teiches befragt wurden ist eine Unverschämtheit und zeugt von mangelndem Respekt den handelnden Lehrpersonen gegenüber. Diese Leute wissen um die Inklusion, haben aber auch recht, wenn sie Ihre Arbeit und die Möglichkeiten vor Ort - und eben auch den ERFOLG - sehen. Und das muss man einfach akzeptieren.

Und dass Förderschulen Abstellgleise sein sollen, ist reine Marktschreierei. Ich lade Sie mal in eine Förderschule ein. Übrigens eine Schule, die mit anderen Regelschulen kooperiert und mit den Abgeschobenen viele Lernwege außerhalb der Abstellgleise sucht. Ich bin gespannt, wie sie die Sache dann vor Ort werten.

@9: sehe ich auch so

13.12.2010
12:04
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Polemik, nein danke! | #9

Dass die Schüler an Förderschulen ausgegrenzt und abgeschoben werden, ist doch Quatsch. Bei uns im Ort ist eine Förderschule für Geistigbehinderte, mittendrin und nicht auf der grünen Wiese. Die Kinder sind täglich mit ihren Lehrern im Ort unterwegs und kooperieren mit Regelschulen. Von Ausgrenzung, Selektion und noch Schlimmerem kann ich nichts erkennen.
Ich finde Inklusion gut und interessant, aber nur dann, wenn sie gut vorbereitet und angebahnt wird und nicht wieder so ein chaotischer Schnellschuss wird wie etwa die Einführung von G8.
Ich finde es daneben, jetzt pauschal auf die Förderschulen einzudreschen, die gute Arbeit leisten, und dabei so polemische Vokabeln zu benutzen wie oben genannt. Davon hat kein Schüler etwas, das polarisiert nur und heitzt die Stimmung auf.

13.12.2010
11:34
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Fischkopp hat Recht | #8

Dass die WAZ einen solchen Beitrag zur Unzeit veröffentlicht, finde ich reichlich schade.
Gerade bewegt sich etwas zum Guten in der NRW-Bildungspolitik, da kommen schon wieder unsere Berufsbedenkenträger und versuchen Fortschritte einzureißen.

Die Inklusion ist kein Wunschkonzert, - sie stellt bindendes Menschenrecht nach UN-Konvention dar.
Wir können uns nicht die uns genehmen Rosinen aus diesen Menschenrechten herauspicken und dann mit dem Finger auf andere zeigen, die sie nicht respektieren.

Sogenannte Förderschulen für emotionale und soziale Entwicklung sind oftmals Abstellgleise für Schüler, mit denen Lehrer überfordert sind.
Die fehlende Permeabilität zum herkömmlichen Schulsystem führt dann zu vorgezeichneten Karrieren.

Selbstverständlich hat die Inklusion Grenzen: sie bestehen da, wo sie durch technische Ausstattung, Lernanforderungen sowie Betreuung und Personalfähigkeit und -willen limitiert wird.
Aber ist gibt überhaupt keinen Grund, sich mit diesen Voraussetzungen abzufinden!

Auf die lange Bank schieben gilt nicht! - Und erst recht nicht, auf die ANDERE Bank schieben!

Wir tun Gutes, wenn wir Behinderte in unsere Reihen aufnehmen, auch für unsere normalen Schüler, führt es doch zu empathischem Verhalten und der Einsicht, dass unsere zivilisierte Gesellschaft das Individuum eben nicht auf seinen Nutzen für das Wirtschaftswachstum reduziert.

Der Beitrag von Frau Allebrodt, den wir heute morgen in unserer Zeitung gelesen haben, ist kontraproduktiv, aber am meisten geärgert hat mich die Tatsache, dass mal wieder die Frösche zur Trockenlegung des Teiches befragt wurden.

13.12.2010
10:52
„Die Förderschule ist keine Endstation“
von Löwenmutter | #7

Und für diese Änderung brauchts auch gut ausgebildete Pädagogen. Wenn ich mir vorstelle dass solche Verschiebungen statt finden müßten mit dem jetzt vorhandenen Lehrkörper an den Regelschulen, dann täten mir jetzt schon die Schüler leid.
Die Lehrer an den Förderschulen sind sehr speziell ausgebildet und daher auch in der Lage mit den jeweiligen Behinderungen adäquat umzugehen.
Einer Veränderung im Schulsystem stehe ich durchaus positiv entgegen, aber die Vorrausetzungen müßten erstmal geschaffen werden, damit nicht wieder das schwächste Glied der Kette darunter leiden muß.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/4051204/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
SG Massen gegen SC Hamm
Bildgalerie
Fotostrecke
SG Holzwickede vs. SV Langschede
Bildgalerie
Fotostrecke
Schwerer Verkehrsunfall
Bildgalerie
Fotostrecke
Wandern mit der WR
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Römer im Anmarsch - Baubeginn in Bergkamen
Archäologie
Es war das größte Römerlager nördlich der Alpen und wurde 1905 in Bergkamen-Oberaden entdeckt. Jahrelang durften die Geschichtsfreunde von einem Archäologischen Park an Ort und Stelle nur träumen - im Sommer wird endlich gebaut.
Die Angst vor der Scharia ist größer
Assad-Regime
Er wünscht sich eine syrische Demokratie, doch vor der Revolution und ihren Folgen fürchtet er sich. Deswegen steht Julius Hanna Aydin, Bischof der syrisch orthodoxen Kirche in Deutschland fest hinter Assads Regime. Nahostexperte Jochen Hippler hält das für bedenklich.