Der brave Bürger als Betrüger
06.10.2009 | 10:30 Uhr 2009-10-06T10:30:00+0200Dortmund. Die Bauarbeiter staunten nicht schlecht, als der Bagger in fast zehn Metern Tiefe über Blech schrammte.
Ein Firmeninhaber aus dem Westfälischen, in finanzielle Not geraten, hatte 1989 seinen Lkw als gestohlen gemeldet. Die Versicherung zahlte, trotzdem musste die Firma wenig später schließen. Die Stadt kaufte das Gelände, wollte bauen und erlebte eine außergewöhnliche Überraschung: Der Pleitier hatte den kompletten Lastzug auf dem Firmengelände vergraben. Der Betrug flog auf. „Da kann ich mich noch gut dran erinnern”, erinnert sich Jörg Brokkötter, Pressesprecher der Provinzial-Versicherung in Münster, „das war ein ganz großes Ding.”
GESCHULTE MITARBEITER
Der GdV führt verbandsweit Schulungen durch, in denen die Sachbearbeiter darauf getrimmt werden, kritisch zu sein und auf Ungereimtheiten zu achten. Zudem werden in begründeten Verdachtsfällen (auch mehrere) unabhängige Gutachter eingesetzt.
Indizien für einen Versicherungsbetrug können sein: Häufige Versicherungs-/Kaskowechsel, Schadensmeldungen kurz nach Abschluss einer Versicherung, telefonische Anfrage nach der Versicherungsleistung, bevor ein Schaden gemeldet wird.
Aber die finanzielle Notlage ist nur ein Grund, warum auch unbescholtene Bürger zu Versicherungsbetrügern werden. Policen gibt es wie Möwen an der Waterkant und die Möglichkeiten, sich mit ihrer Hilfe Geld zu beschaffen, sind schier unendlich. Eine Branchen-Umfrage hat ergeben, dass jeder Vierte Versicherte schon einmal seine Versicherung betrogen hat. Ein Grund dafür: Manche Versicherungsnehmer halten ihre Assekuranz für eine Bank, bei der sie glauben, im Laufe der Jahre ein Guthaben angehäuft zu haben.
Sicher, in den meisten Betrugsfällen werden nicht die ganz großen Dinger gedreht. In der Summe geht es allerdings um immense Beträge: „Wir schätzen den jährlichen Schaden für die Versicherungswirtschaft auf rund vier Milliarden Euro bundesweit”, sagt Christian Lübke, Referent des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirt- schaft e.V. (GdV) in Berlin. Dass die meisten Fälle von Versicherungsbetrug jedoch weder erkannt noch erfasst werden, belegen die Vergleichszahlen des Landeskriminalamts NRW für das Jahr 2008: Nur 1113 angezeigte Fälle (2007: 1140 Fälle) sind dort registriert, 97,5 Prozent konnten aufgeklärt werden. Der Gesamtschaden in NRW laut Statistik: gerade einmal 5,8 Millionen Euro. Wie das zustande kommt? Mit verantwortlich ist sicherlich die Tatsache, dass Versicherungen bei Werten unter 2000 Euro aus Kostengründen so gut wie nie nachprüfen.
In einem außergewöhnlichen Fall aus Holzwickede hatte der Protagonist nicht mit einer Prüfung gerechnet. Edwin Kolm, pensionierter Kriminalkommissar aus Unna, schildert den 20 Jahre zurückliegenden Sachverhalt:
„Ein Konkurs gegangener Kaufmann hatte bei der Polizei einen Einbruch gemeldet, bei dem angeblich Teppiche im Wert von mehreren Hunderttausend Mark gestohlen wurden.” Die Spur: Eine Terrassentür mit Bohrlöchern im Hebelgriff. Kolm forschte nach und kam dem Kaufmann auf die Schliche. „Die Tür hätte durch die vorgenommenen Bohrungen niemals geöffnet werden können”, erklärt Kolm, „denn sie besaß einen Kipp-Hebe-Mechanismus.” Der Betrug war enttarnt.
Entgegen der landläufigen Meinung, beim Versicherungsbetrug handle es sich um ein Kavaliersdelikt, erfüllt er grundsätzlich einen Straftatbestand. Die KFZ- und Hausratsversicherungen sind in diesem vielfach undurchsichtigen Spiel diejenigen, die am häufigsten in die Tasche greifen müssen. Provozierte Auffahrunfälle, so genannte „Autobumsereien”, kommen beispielsweise häufiger vor, als man denkt, auch in großem Stil. „Besonders perfide daran ist, dass Verletzungen ahnungsloser Versicherungsnehmer in Kauf genommen werden”, sagt Michaela Hayer, Sprecherin des Landeskriminalamts NRW in Düsseldorf. Nicht selten werden dazu Unfall-Fahrzeuge neueren Herstellungsdatums samt Papieren bei Schrotthändlern erworben und für den Unfall wieder fahrbereit gemacht, denn im Normalfall wird von der Versicherung der Zeitwert des Wagens ersetzt.
Wesentlich weniger Ahnungslose sind beteiligt, wenn es ums Betrügen der Hausratversicherung geht. „Seit die gesetzlichen Krankenkassen Sehhilfen nicht mehr bezuschussen, setzen sich immer mehr Leute versehentlich auf die Brillen ihrer Nachbarn”, weiß Jobst Berensmann von der LVM-Versicherung in Münster zu berichten. Auch bei den Wertangaben von Laptops, Autoradios & Co., die bei Einbrüchen entwendet wurden, ist Ehrlichkeit nicht immer Trumpf: Da wird schon mal die Rechnung für ein Neugerät bei der Versicherung eingereicht, das sich eigentlich ein Stammtischbruder gekauft hat. In feucht-fröhlicher Runde noch als Held gefeiert, wird der Versicherungsbetrüger schlagartig nüchtern, wenn ihm eine Gerichtsvorladung ins Haus flattert.

11:47
Was will uns der Beitrag sagen?
Bei den Beispielen waren ja wohl nicht brave Durchschnittsbürger beteiligt (Firmeninhaber, Geschäftsmann mit teuren Teppichen, Autobumser) und was die Dunkelziffer betrifft, so werden die Versicherungen das ja wohl in ihre Kalkulation einbeziehen.
Ich hab mal einen Bericht über einen Sachverständigen gesehen, der drei baugleiche Kameras zerstört hat, um nachzuweisen, ob das Schadenbild der Unfallbeschreibung entspricht.
Wie rechnet sich denn sowas?