Den Nazi-Opfern einen Namen geben
02.04.2008 | 18:31 Uhr 2008-04-02T18:31:00+0200Dortmund. Es geht um Jahreszahlen, Namen und Adressen. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal. Wie das von Günter Baehr. „Meinen Namen können sie von der Liste streichen. Ich bin nicht in Zamosc umgebracht worden.”
Baehr hat die Nazigräuel überlebt. Seine Eltern starben. Das polnische Zamosc stand für eine Region mit mehreren Barackenlagern und ein Ghetto. Für viele Juden die Endstation: „Denn wer Zamosc sagt, muss auch Belzec, Sobibor und Majdanek sagen”, erklärt Stadtarchiv-Mitarbeiter Dieter Knippschild.
Reise in den Tod
„Eine Reise nach Zamosc. Das war eine Reise in den Tod.” Der 80-jährige Baehr sitzt in der Dortmunder Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, in die Knippschild 20 Historiker, Heimatforscher und Interessierte eingeladen hat, um Informationen zum Transport aus Dortmund zu sammeln.
„Wir wissen darüber viel zu wenig. Und die Transportlisten sind verloren gegangen.” Mit vereinten Kräften wollen sie ermitteln, wer die schätzungsweise 1000 Juden - darunter allein 800 aus Dortmund - waren.
Zu Beginn der Forschungen stand auch Günter Baehr noch auf der Liste. Historiker Peter Witte entschuldigt sich bei dem 80-jährigen Dortmunder. „Wir haben angenommen, dass er mit seinen Eltern Albert und Berta ermordet wurde”, berichtet Witte. Seine Karte fand sich in den Unterlagen der anderen Opfer. „Ich bin aber vorher rausgekommen”, berichtet Baehr. „Rausgekommen” - nicht aus dem Zug, der wohl Anfang Mai 1942 in Zamosc bei Lublin ankam. Sondern raus aus Nazi-Deutschland. Am 11. September 1941 hatte sich der damals 14-jährige Junge alleine auf den Weg gemacht. Von Dortmund nach Berlin, dann mit anderen jüdischen Jugendlichen über Paris ins spanische Bilbao. Weiter nach Uruguay, wo er 20 Jahre lebte. Dann sieben Jahre in Israel.
"Ich wollte nur noch zurück"
Baehr litt dort unter Klima, Hygiene, Sprache. Der Sechs-Tage-Krieg gab ihm den Rest. „Ich wollte keinen Krieg mehr und nur noch in meine Heimat zurück.” 1968 kommt er im neuen Dortmund an. Er bekam in Bodelschwingh eine Wohnung und suchte den Kontakt zu Jüngeren. „Leute über 60 wollten wir nicht sprechen.”
Seine Eltern hatte er nie wieder gesehen. Sie starben in Zamosc. Wie alle des Transports aus Dortmund. „Überlebt hat wohl niemand. Denn es gibt keinerlei Zeitzeugenberichte von Überlebenden”, bedauert Knippschild. Mit anderen Historikern und Forschern haben sie in der Steinwache begonnen, die Namen zusammenzutragen und abzugleichen.
Aus Hohenlimburg, Siegen, Trier, Hamm und vielen anderen Städten waren Juden nach Dortmund geschafft worden. Sammelpunkte waren Wirtshaussäle und Turnhallen. Hunderte Menschen eingepfercht. Ein Foto zeigt die Schlange der Deportierten auf dem Eintrachtsportplatz. Jetzt, 66 Jahre danach, versuchen die Forscher noch immer, deren Namen zusammen zu tragen.
Klaus Dietermann und Traute Fries aus Siegen haben die Namen aus ihrer Region gesammelt. 40 Juden aus dem Siegerland und 44 aus Wittgenstein hat er ermittelt. „Aus den Abmeldungen in den Ämtern. Sie verzeichneten am 28. April 1942 diese Juden als „abgängig”. Sie wurden nach Dortmund geschafft, dann in den Tod. Aus den Akten werden Listen. Kleinteilige Arbeit, aber erfolgreich: „Jetzt sind eine erhebliche Anzahl der Deportierten namentlich bekannt. Der Workshop war ein Erfolg”, berichtet Knippschild.
„Den Strapazennicht gewachsen”
Namen von Opfern wie Inge Frank aus Siegen-Weidenau. Dietermann hat eine große Dokumentation zum Schicksal der jüdischen Familien erstellt. Sie wird auch im „Zug der Erinnerung” zu sehen sein. Ihr Vater starb: „Den Strapazen nicht gewachsen”, wurde über Samuel Frank vermerkt. Das Schicksal von Ehefrau Paula und Tochter Inge verliert sich. Am 18. Januar 1943 gab es das letzte Lebenszeichen - einen letzten Brief von Paula.
Namen von Opfern wie Albert und Berta Baehr, zuletzt wohnhaft in der Kampstraße 118. Sie und ihr Sohn Günter waren in Dortmund abgemeldet worden. So kam auch Günter auf die Zamosc-Liste der Historiker. Baehr ist der „dienstälteste” Zamosc-Forscher. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes hat er erfahren, dass ihre Spur in der Stadt im Verwaltungsbezirk Lublin endet.
Auch seine anderen Verwandten kamen um - im Gas der Nazis. Günter Baehr lebt heute seit 40 Jahren in Bodelschwingh. Dortmund ist seine Heimat. Auch die seiner Eltern. Von ihnen ist ihm nichts geblieben - nur Fotos und Erinnerungen.
