Das „Warum“ bleibt offen
06.10.2010 | 18:37 Uhr 2010-10-06T18:37:00+0200
Münster/Wenden.Bislang hat ihre Familie zu ihr gehalten. Trotz der ungeheuerlichen Taten, die Monika H. selbst zugegeben hat: Drei ihrer sechs Kinder hatte die Frau aus Wenden heimlich geboren, sterben lassen und in der heimischen Tiefkühltruhe versteckt. Gestern zerbrach die Familienidylle. Zwei ihrer Brüder sagten vor dem Landgericht Münster aus. Sie beschuldigten ihre Schwester einer weiteren Tat: der Lüge.
Die Frage nach dem Warum – sie bewegte vom ersten Prozesstag an den Richter, die Staatsanwältin und die Prozessbeobachter. Wie kommt eine Frau dazu, zwei Kindern in den Jahren 1984 und 1985 das Leben zu schenken und ein Neugeborenes im Jahre 1986 heimlich zur Welt zu bringen und sterben zu lassen? Wie kommt sie dazu, 1990 ein weiteres Kind mit Freude zur Welt zu bringen und leben zu lassen und 2004 erneut heimlich ein Kind zu gebären – und sterben zu lassen?
Als Kind selbst Opfer geworden
Monika H. vertraute ihrer Psychiaterin an, dass sie selbst im Kindesalter Opfer eines sexuellen Missbrauchs wurde. Sie behauptet, ihr eigener Bruder habe sich im Keller an ihr vergangen. Diese Tat habe dazu geführt, dass sie panische Angst vor gynäkologischen Untersuchungen habe, die sie bei drei ihrer sechs Schwangerschaften nicht überwinden konnte. Deshalb habe sie sie geheim gehalten. Deshalb habe sie die Kinder heimlich geboren. Ein Erklärungsansatz, der den entscheidenden Punkt aber nicht klärt: Warum die Kinder sterben mussten.
Zwei Brüder der Angeklagten traten gestern als Zeugen vor das Gericht. Ihre Aussage mussten sie auf Antrag der Verteidigung der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen.
Brüder bestreiten
angeblichen Missbrauch
„Das verstehe ich nicht“, sagt Ulrich T., einer der beiden Brüder. „Die Vorwürfe des Missbrauchs werden öffentlich verhandelt, unser Widerspruch dagegen nicht.“ Während der von Monika H. beschuldigte Bruder seine Aussage macht, stellt sich der zweite Bruder der Öffentlichkeit kurzerhand vor der Tür des Gerichts. „Wir wehren uns vehement gegen die Anschuldigungen. Die Familie, die von meiner Schwester dargestellt wurde, die gibt es nicht. Das Familienleben war intakt.“
Intakt blieb es sogar nach der Tat. Ulrich T. sagt, er habe seinem Schwager und den drei Kindern unmittelbar nach dem Fund der Babyleichen eine Unterkunft organisiert, er habe sie bekocht und mit den weiteren Geschwistern seine Schwester in der U-Haft besucht. „Wir waren weiter eine Familie.“ Bis zu dem Tag, an dem die Brüder aus der Zeitung erfuhren, dass Monika H. ihren Bruder Ulrich des Missbrauchs bezichtigt.
Seitdem haben Ulrich und Matthias T. keinen Kontakt mehr zur Schwester, zum Schwager, zu ihren Nichten und Neffen. Als der Ehemann und die Tochter der Angeklagten über den Gerichtsflur treten, ignorieren sich die Familienmitglieder. Keine Blicke. Keine Worte. Auf die Frage, was er für seine Schwester empfinde, antwortet Ulrich T.: „Nichts. Ich fühle nur Leere.“ Mit seinem Bruder erwägt er nun, rechtliche Schritte gegen seine Schwester einzuleiten.

20:46
Einfach schrecklich so etwas.