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Buchstabensuppe

24.10.2007 | 14:48 Uhr

Die Welt ist kompliziert. Weswegen man den größten Teil seines Lebens damit verbringt, die Dinge zu vereinfachen.

Man bestellt zum Beispiel immer dieselbe Pizza Nr. 28 ohne je zu schauen, wie raffiniert und köstlich die Zutaten von Nr. 27 sind oder von Nr. 29; ganz zu schweigen vom furchtlosen Schritt ins Unbekannte, sagen wir mal auf die nächste Seite der Speisekarte.

Unsere Tochter Eva macht es sich auch gerne einfach. Neulich hat sie heraus gefunden, dass man gar nicht so viele Wörter braucht, wenn man einige gleich mehrfach verwendet: Wenn Eva zum Beispiel eine Erkältung hat, trinkt sie am liebsten dunkelroten „Apfel-Pullunder-Saft“. Der hält warm und macht viel schneller gesund als handelsüblicher „Apfel-Holunder-Saft“.

Und wenn sie dann beim Essen kleine, goldbraune Körner in ihrem Salat findet, sind das in der Regel „geröstete Pelikane“, die allerdings vom Geschmack und Aussehen gerösteten Pinienkernen zum Verwechseln ähnlich sind.

Eine menschliche Konstante dagegen scheint die Sache mit den Nudeln zu sein. Wie könnte man sich sonst erklären, dass man mit Kindern prinzipiell nicht übers Kochen reden kann, weil sie jedes Gespräch sofort abwürgen. Sie sagen „Nudeln“ und wir denken erst einmal: „Och nö, nicht schon wieder.“ Und dann denken wir: „Nudeln sind natürlich schneller fertig als Kartoffeln. Und man muss sie nicht pellen. Und Eva mag sie doch so gerne.

Und überhaupt: Lasst mich doch in Ruhe mit dem Gerede von der einseitigen Ernährung!“ Und wir sagen: „Na gut, aber morgen machen wir Kartoffeln.“Ein Tag ohne Nudeln ist für Kinder das gleiche wie für Erwachsene ein Salat ohne Rucola. (Zumindest für diejenigen, die nicht seit den 50er Jahren konsequent Frisée-Salat mit Zucker und Zitrone essen und Rucola für ein überschätztes Unkraut halten.) Dabei gibt es bereits Leute, die sich fragen, was nach Rucola kommt. Zwischenzeitlich sah es ja so aus, als würde der Bärlauch das Rennen machen. Aber jetzt wird es wahrscheinlich die Brennessel. (Aber dafür müssen sie sich erst noch ein geschmeidiges Marketingkonzept überlegen.)

Falls mich mal einer fragen sollte: Ich bin für die Wiederentdeckung der Buchstabensuppe. Das geht einfach und macht schlau. Die Kinder schaufeln zu gleichen Teilen Nudeln und Bildung in sich herein, und wer seinen Teller leer gegessen hat, darf zum Nachtisch noch eine Schale mit Russisch Brot in Buchstabenform essen. (Neulich gab es das Zeug sogar in Form von Zahlen. Wenn ich bedenke, dass ich als Kind noch mit Kohlrabi-Schnitzeln rechnen gelernt habe...!)

Mein eigenes Kind ist jetzt in dem Alter, wo sie ständig irgendwelche unsichtbaren Dinge in der hohlen Hand durch die Wohnung tragen und auf einmal fragen: „Willst du auch ein Eis?“ Ich will immer Zitrone. Aber es gibt nie Zitrone. Zitrone ist (wie im richtigen Leben) immer gerade aus. Nur Pistazie und Malaga sind noch da. Und beschweren kann man sich auch nirgendwo.

Man könnte höchstens die Buchstaben aus der Suppe nehmen und Eva den Satz „Die Nachfrage bestimmt das Angebot“ hinlegen. Aber der Milcheis-Monopolist steckt so eine Kritik natürlich locker weg. (Meistens in den Mund.)

Julia Emmrich

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