An langer Leine zum rettenden Ufer
18.05.2009 | 17:17 Uhr 2009-05-18T17:17:00+0200
Lünen. Die ADAC-Luftrettung hat ein neues Wasserrettungskonzept für ihre Hubschrauber-Stationen entwickelt. Künftig sollen die gelben Engel aus der Luft auch Ertrinkungsopfer schneller erreichen können.
HILFE AUS DER LUFT
Der ADAC ist an 33 Stationen in Deutschland mit insgesamt 45 eigenen Rettungs- und Intensivtransporthubschraubern vertreten. In NRW befinden sie sich in Aachen, Köln, Lünen, Münster, Rheine und Siegen. Alle Hubschrauber sollen jetzt mit dem neuen Langseil-System zur Wasserrettung ausgestattet werden.
An den Übungen, die Montag und Dienstag am Horstmarer See in Lünen stattfinden, nehmen insgesamt neun Piloten und 18 Rettungsassistenten der Hubschrauber „Christoph 8” aus Lünen, „Westfalen” aus Münster und „Rheinland” aus Köln teil.
Rettungsassistenten, die in einem Hubschrauber mitfliegen, haben eine spezielle Ausbildung als so genannte HEMS-Member („Helicopter Emergency Medical Services”). Sie unterstützen vor dem Start, während des Fluges und nach der Landung den Piloten und sind geschult in Funkverkehr, Navigation und Wetterkunde.
Das Team eines Rettungshubschraubers besteht üblicherweise aus Pilot, Rettungsassistent und Notarzt. Ausnahme: Stationen mit Nachtbetrieb müssen nachts zwei Piloten einsetzen.
Vermutlich schon ab Mittwoch werden die ersten Rettungsleitstellen im Land über die zusätzlichen Einsatzmöglichkeiten informiert. Doch damit das neue „Langleinsystem” auch im Ernstfall funktioniert, muss geübt werden.
Michael Goldberg ist der Erste an diesem Morgen. Seit 25 Jahren schon ist er Rettungsassistent, seit über fünf Jahren fliegt er im Hubschrauber mit. Ob er schwindelfrei ist? Diese Frage wird er erst nach den ersten Übungsflügen am Horstmarer See in Lünen so richtig beantworten können. „Mal gucken, wie die Knie so mitspielen!” sagt er und lacht. „Aber interessant wird es sicherlich!” Anders als sonst bei den Einsätzen nimmt der 49-Jährige nämlich nicht vorne links im Hubschrauber Platz, sondern setzt sich hinten quer hin - vor die geöffnete Tür, mit den Füßen draußen auf der zehn Zentimeter breiten Kufe.
Die Taucher der Berufsfeuerwehren Hamm und Dortmund, die dazu steigen, bleiben nicht lange an Bord: Kaum hat sich der gelbe Christoph 8 in die Luft geschraubt und befindet sich über dem Badesee, springen sie ins Wasser. Denn diejenigen, die sonst als Retter auftauchen, spielen heute die möglichen Opfer: Badegäste, die einen Krampf oder Herzprobleme bekommen haben, vielleicht auch Segler, die ins Wasser gestürzt sind oder gar Spaziergänger, die ins Eis eingebrochen sind. Die Hilfe kommt von oben - und zwar punktgenau. Noch im Anflug an den „Ertrinkenden” lässt Michael Goldberg ein 20 Meter langes Seil mit einer Schlinge ins Wasser gleiten, dann dirigiert er den Piloten mit kurzen Kommandos so weit, dass der Helikopter in etwa zwölf Metern Höhe über dem Opfer in der Luft steht - und der Rettungsassistent ihm die Schlinge so weit zubewegen kann, dass das Opfer nur noch zugreifen muss oder sich die Schlinge um den Oberkörper legt. Doch anders als bei James Bond oder bei Rettungen mit einer Seilwinde im Gebirge wird es jetzt nicht durch die Luft zum Hubschrauber hochgehievt, sondern durchs Wasser gezogen - bis zum Ufer.
„Ich habe dieses System erst sehr skeptisch gesehen”, gibt Lutz Loddenkemper zu, Lehrtaucher der Berufsfeuerwehr Dortmund. „Aber für denjenigen, der gerettet werden soll, hat es Vorteile.” Unterkühlten Menschen im Wasser drohe auf diese Art und Weise nämlich nicht mehr der so genannte „Bergungstod”, an dem beispielsweise 1994 ein Großteil der Schiffbrüchigen gestorben seien, die das „Estonia”-Unglück ursprünglich noch überlebt hatten. Und noch etwas ist aus Sicht des ADAC besser als an früheren Konzepten: Der Hubschrauber muss nicht mehr direkt an die Wasseroberfläche, sondern arbeitet in einer Höhe von etwa zwölf Metern. Das erhöht nicht nur erheblich die Sicherheit, sondern reduziert gleichzeitig den Winddruck durch den Rotorabwind.
„Der Nachteil von Seilwinden ist zudem, dass sie tierisch schwer sind und zu Lasten der Nutzlast in unseren Hubschraubern gehen”, sagt Dr. Peter Meinz, Sprecher des ADAC Westfalen. Das neue System jedoch kann mühelos in jedem Helikopter mittransportiert werden und ist in zwei Minuten einsatzbereit. Und auch, wenn es an einem Badesee getestet wird, sieht der ADAC die Einsatzmöglichkeiten viel weitergehender: „Unser Schwerpunkt wird sicherlich nicht die Überwachung von Badestränden sein. Wenn es im Sommer einen Notfall auf dem Möhnesee gibt, ist das örtliche DLRG-Team vermutlich schneller”, so Meintz. „Aber was ist an anderen Orten oder zu den Zeiten, wenn keine DLRG-Kräfte da sind oder weiter draußen ein Segler kentert? Dann sind wir in der Lage, minutenschnell vor Ort zu sein und auch bei starker Strömung zu helfen.”
Michael Goldberg jedenfalls ist für solche Ernstfälle nun gewappnet. „Im ersten Moment hatte ich ja noch ein etwas mulmiges Gefühl”, gibt er zu, als er den Hubschrauber wieder verlässt, „aber das war schnell vorbei. Dann war es einfach nur gut.”
Auch Übungsleiter Ralf Schmidt zeigt sich zum Abschluss zufrieden: „Man sah von Mal zu Mal: Die Bewegungen werden fließender, die Abstimmung innerhalb der Besatzung besser. Genau das wollten wir bei diesem Training erreichen.”

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