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Selbsthilfegruppe

1000 Tabletten und ein neues Leben

05.11.2008 | 16:20 Uhr

Schwerte. Das Leben ist schön. Das Leben ist lebenswert. Zwei Sätze, schnell dahergesagt. Horst Spann wären sie bis vor einem halben Jahr nicht über die Lippen gekommen. Der 52-Jährige wollte sich umbringen und ist dem Tod nur knapp entronnen. Heute sieht er die Welt mit anderen Augen.

Gundi Seifert und Horst Spann gründen eine Selbsthilfegruppe gegen Suizid (Foto: Iris-Medien, Klaus Pollkläsener)

Von seinem Sinneswandel möchte er anderen Menschen erzählen, ihnen Mut machen und seine neu gewonnene Lebensfreude mit ihnen teilen. Um Horst Spann zu verstehen, muss man in seine Vergangenheit eintauchen. Das Drehbuch des Lebens hielt für den Finanzkaufmann viele dunkle Seiten bereit, mit denen er nie gerechnet hatte und auf denen das Wort Glück kaum zu finden war.

Im Oktober vergangenen Jahres hatte Spann einen solchen Tiefpunkt erreicht, dass er mit seiner Frau den Entschluss zum gemeinsamen Suizid fasste. Zu Heiligabend wollte das Paar aus dem Leben scheiden. Die Beziehung der beiden war stets Störfeuern ausgesetzt. Das hinterließ Narben auf der Seele und am Körper. Trauriger Höhepunkt war vor vielen Jahren der Anschlag eines Nebenbuhlers. Spann überlebte durch viel Glück die Schussverletzung am Rücken, doch die Beziehung zwischen ihm und seiner Ehefrau Marita litt.

Akribische Todesplanung

Schließlich besorgte sich das Ehepaar Tabletten – 1000 Stück ließ es sich durch vier Ärzte verschreiben, deponierte Schmerz- und Beruhigungsmittel in der Wohnung. Akribisch planten die Eheleute ihren Tod. Das, was sich dann am frühen Morgen des Heiligen Abend abspielte, weiß der Schwerter kaum noch. Er erinnert sich schemenhaft, dass er irgendwann aufwachte und vergeblich versuchte, per Telefon den Rettungsarzt zu rufen. Den hatte indes die Tochter seiner Frau aus erster Ehe alarmiert, nachdem sie am Mamas Abschiedsbrief im Postkasten fand.

Keine Chance - und trotzdem überlebt

Für die Mutter kam allerdings jede Hilfe zu spät. Sie war schon über eine Stunde tot, als die Sanitäter eintrafen. 90 dramatische Minuten lang kämpften die Ärzte im Schwerter Marienkrankenhaus um das Leben von Horst Spann. „Mir hat man später gesagt, dass ich eigentlich überhaupt keine Chance hatte”, blickt er zurück.

Schuldgefühle

Worte eines Mannes, der von sich sagt, dem Tod ins Auge gesehen zu haben, und den von Stund an das Gewissen plagte. Er fühlte sich schuldig am Tod seiner Frau. „Ich war es doch, der alles vorbereitet hatte”. An seiner Pein konnten auch Reha-Maßnahme und psychologische Beratung nichts ändern. Er wollte nach wie vor seinem Leben ein Ende setzen, einem Leben, das für ihn aus Einsamkeit, Depressionen und Ängsten bestand. Doch dann kam der 3. August 2008.

An diesem Tag erhielt Spann eine SMS. Eine Antwort auf seine Kontaktanzeige: „Er, Witwer 52 J, 1,78 groß, 76 Kilo, sucht liebevolle Sie”. Nach wenigen Tagen war nicht nur ein Treffen mit der Gundi Seifert, Autorin der Kurznachricht, vereinbart, beide spürten sofort ihre Seelenverwandtschaft.

Auch Gundi hatte nach dem Tod ihres Mannes überlegt, ob sie diesem nicht direkt folgen sollten. Bei ihr blieben die Gedanken indes nur Gedanken. „Zum Glück, zu unserem Glück”, sagt Horst Spann. Mit Gundi hat sein Leben nicht nur eine Wende bekommen, es beginnt gleichsam neu. Inzwischen wohnen sie zusammen. Und da Horst Spann weiß, wie „dreckig es einem gehen kann”, will er eine Selbsthilfegruppe gründen, die allen offen steht, die nicht mehr ein noch aus wissen.

Kontakt per E-Mail: whisper53@web.de.

Theo Körner

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Kommentare
05.11.2008
12:05
1000 Tabletten und ein neues Leben
von stachelkind | #7

Jemand, der sich bewusst und sachlich geplat das Leben nehmen wollte, muss schon wirklich üble Schmerzen gefühlt haben.
Ich freu mich für ihn, daß es ihm nun besser geht.
Klar wird das Leben nicht plötzlich einfach.
Aber wenn durch diese Selbsthilfegruppe irgendwann noch anderen geholfen wird, wär das eine gute Entwicklung.

05.11.2008
11:33
1000 Tabletten und ein neues Leben
von Bibelleser | #6

Wer den Suizid als einen Befreiungsschlag ansieht, vergisst, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Diese Vorstellung basiert nur darauf, dass man es sich ständig einredet und das moderne Europa glaubt es gerne. Wer anderer Überzeugung ist, darf auch ein anderes Ziel haben, das nicht an die (un)angenehmen Verhältnisse dieses Lebens gebunden ist. So würde er auch nicht so tief in eine Krise stürzen, wenn sich dieses Leben auch mal von der weniger schönen Seite zeigt, hat er doch noch ein anderes Ziel, das nicht gefährdet ist.

05.11.2008
10:18
1000 Tabletten und ein neues Leben
von Rheinaufwärtsschwimmer | #5

Wie viele Glücklichmacher-Tabletten werden pro Tag denn noch eingenommen?

Ansonsten erinnert mich diese Schmalzstory eher daran, dass es langsam weihnachtet und wir uns alle irgendwie nach Glück sehnen.
Diese Sehnsucht soll mit obigen Bericht erfüllt werden. Ändert aber nichts daran, dass gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit die Suizidgefahr am größten ist.

05.11.2008
10:11
1000 Tabletten und ein neues Leben
von bukowski | #4

Puh, da tropft der Schmalz aus dem Artikel, igitt. Es sei ihm sein Glück gegönnt, darum gehts nicht, aber diese Liebesromanze zum Sinn eines Lebens zu erhöhen ist verdammt einfach gestrickt. Kein Wunder, dass die WAZ nicht mehr fluppt, wenn neuerdings Rosamunde Pilcher den Ton angibt

05.11.2008
10:01
1000 Tabletten und ein neues Leben
von peben | #3

Das kann ich gut nachvollziehen. Auch ich stand einmal durch meine Sucht am Abgrund und es war nur eine Frage der Zeit, wann ich das Zeitliche segnete. Durch eine Therapie erkannte ich wieder einen Sinn im Leben. Mir wurde jedoch klar, dass ich erst einmal bei mir selbst gründlich aufräumen musste bevor ich hoffen konnte, dass ich auch die schönen und Angenehmen Dinge des Lebens erfahren durfte. Das alles ist jetzt 16 Jahre her und ich führe seitdem ein glückliches und zufriedenes Leben. Jedem Verzweifelten steht dieser Weg offen, man muss ihn nur gehen. Die Selbsthilfegruppe ist eine hervorragende Idee, denn sie ist der Schlüssel zu einer dauerhaften Einsicht. Nur Mut und alles Gute.

05.11.2008
09:34
1000 Tabletten und ein neues Leben
von ZiemlichNachdenklicher | #2

Hmh, da macht sich das aber einer fürchterlich einfach. Neue Beziehung, und die beiderseitigen Probleme lösen sich in Rauch auf? Ich glaube, da ist schlicht der Teufel gegen Beelzebub ausgetauscht worden. Wenn das so einfach wäre, dann bräuchte ja kein Mensch heutzutage mehr Therapien. Ich glaub, da verwischt man einiges, wenn man eine Partnerschaft als Krücke (miß-)braucht, um im Leben zurechtzukommen. Was ist, wenn es dann auch nicht klappt?

05.11.2008
09:03
1000 Tabletten und ein neues Leben
von fahne | #1

Und Plötzlich ist dass Leben schön? Mag sein aber denoch bleiben die Probleme. Eine neue Liebe bereitet natürlich eine Phase des Glücks, aber was ist ,wenn dieses Glück sich doch nicht als stabil erweisst? Wenn dunkle Tage kommen?
So einfach ist dass Leben nicht! ich möchte Ihnen den Rat geben weiterhin eine Therapie zu machen und dabei Ihr neues Glück zu geniessen.

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