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Euro-Krise

Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?

02.08.2012 | 18:19 Uhr
EZB-Chef Mario Draghi erwägt, neue Staatsanleihen zu kaufen. Das könnte zu einer Geldentwertung führen.Foto: dapd

Berlin.   Wenn die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder kauft, steigt das Inflationsrisiko. Deshalb fürchtet Angela Merkel diese Maßnahme. Geldentwertung schmälert die Kaufkraft, bietet aber auch Spielraum für höhere Löhne und die Entschuldung innerhalb der EU.

Die Europäische Zentralbank bereitet eine koordinierte Aktion vor, um Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder zu erwerben und deren Schuldzinsen zu drücken. Letztlich geht es darum, Spanien und Italien vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

Warum sind Anleihekäufe problematisch?

Erstens: Kritiker wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann befürchten, dass als unerwünschter Nebeneffekt die Inflation steigen könnte. Denn mit ihren Anleihekäufen setzt die EZB Hunderte Milliarden Euro zusätzlichen Geldes in die Welt. Steigt die Geldmenge beispielsweise im Verhältnis zur Menge der produzierten Waren zu sehr an, können die Preise stärker anziehen und der Außenwert des Euro sinken.

Kommentar
Politik ist gefragt
Politik ist gefragt

Sollen die Investoren an den Finanzmärkten doch enttäuscht sein! Die Bürger können jedenfalls aufatmen. Schließlich hat die Europäische Zentralbank (EZB) deutlich gemacht, wer die Euro-Krise vorrangig lösen muss: die Politiker.

Die EZB hat bereits einiges getan, um den Politikern aller Euro-Staaten Zeit im Kampf gegen die Schulden- und Vertrauenskrise zu verschaffen. Die Währungshüter pumpten die riesige Summe von einer Billion Euro in den Wirtschaftskreislauf. Genützt hat all dies bisher herzlich wenig. Die Krise grassiert weiter. Nun taumelt auch Spanien. Und viele Politiker – in Südeuropa und Deutschland – haben immer noch nicht begriffen, dass sie endlich etwas tun und Reformen starten müssen.

Ein gutes Signal hat die EZB an die Politiker gesendet: Wenn die Regierungen die Ursachen der Schuldenkrise endlich entschieden anpacken, steuert die oberste Euro-Hüterin ihren Teil dazu bei, um die gemeinsame Währung zu retten.

Zweitens führen die Kritiker ins Feld, dass die europäischen Verträge der EZB verbieten, Regierungen zu finanzieren. Im Vertrag über die Arbeitsweise der EU heißt es in Artikel 123, „der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln durch die EZB“ sei untersagt. Nun will die Zentralbank die Staatsanleihen jedoch nicht direkt bei den verschuldeten Regierungen kaufen, sondern bei Banken und Händlern. Damit nutzt EZB-Präsident Mario Draghi eine Möglichkeit, die nicht explizit ausgeschlossen ist.

Heizt die EZB die Inflation an?

Die EZB will die Inflation möglichst niedrig halten. Zwei Prozent sollen nicht überschritten werden. Die tatsächliche durchschnittliche Preissteigerung im Euro-Raum liegt mit 2,6 Prozent etwas darüber. Muss man mit mehr rechnen? Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes, meint „vorläufig nein“. Die Erfahrungen der Hyperinflation der 1920-er Jahre ließen sich nicht auf heute übertragen, so Straubhaar.

Seine Argumente: Gegenwärtig deute nichts darauf hin, dass die Geldmenge in Europa gefährlich steige. Ende 2011 habe sie gegenüber dem Vorjahr bei plus 2,6 Prozent gelegen – trotz des Kaufs von Staatsanleihen durch die EZB. Sollte sich das ändern, kann die Zentralbank den Geschäftsbanken beispielsweise weniger Kredite zur Verfügung stellen und damit die Menge der umlaufenden Liquidität verringern. Das hat bisher geklappt.

Zusätzlich, so Straubhaar, nehme die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes gegenwärtig ab. Bürger und Unternehmen würden zur Sicherheit mehr Mittel in Reserve halten. Auch das wirkt inflationshemmend.

Video
Athen, 02.08.12: Die Parteien der griechischen Regierungskoalition haben sich auf ein Sparprogramm mit einem Volumen von 11,5 Milliarden Euro verständigt. Das bestätigte Finanzminister Stournaras nach dem Abschluss der Verhandlungen am Mittwoch.

  Und langfristig? Die Anleihekäufe der EZB müssten die Ausnahme bleiben, meint Straubhaar. Sonst nehme die Inflationserwartung von Bürgern, Firmen und Investoren zu, wodurch ebenfalls die Gefahr der Preisspirale wachse.

Welche negativen Wirkungen hat Inflation?

Bei einem mittleren Arbeitnehmereinkommen von 40 000 Euro jährlich bedeuten zwei Prozent Inflation einen Kaufkraftverlust von 800 Euro im Jahr – falls der Verdienst nicht zulegt. Anders gesagt: Wegen der Preissteigerung braucht man für den Kauf ähnlicher Waren wie im Jahr zuvor nun 800 Euro mehr. Die Inflation knabbert auch an Lebensversicherungen, Sparguthaben, Aktien- und Wertpapierrenditen. Und nicht zuletzt an den Altersrenten. Wer mit einer monatlichen Rentenzahlung von 1000 Euro rechnet, muss einkalkulieren, dass die spätere Kaufkraft vielleicht nur zwei Drittel des Nominalbetrages ausmacht.

Gibt es auch Vorteile?

Video
Frankfurt am Main, 05.07.12: Der Kampf gegen die Schuldenkrise zwingt die Europäische Zentralbank zu einer historischen Zinssenkung. Der EZB-Rat kappte am Donnerstag den Leitzins für die Währungsunion erstmals in seiner Geschichte auf 0,75 Prozent.

Im Zusammenhang mit Preissteigerungen können die Löhne und Gehälter wachsen. Gegenwärtig verbuchen viele Beschäftigte in Deutschland Lohnsteigerungen, die über der Inflationsrate liegen – sie haben real mehr Geld auf dem Konto. US-Ökonom Paul Krugman betont außerdem, dass eine großzügige Geldpolitik Ländern wie Spanien helfe. Sie würden dadurch dem Teufelskreis aus Sparen und zunehmender Arbeitslosigkeit entkommen. Die Nachfrage steige, die Wirtschaft habe eine Chance, sich zu erholen. Zusätzlich bedeutet Inflation auch, dass der Wert alter Schulden abnimmt. Die Regierungen Deutschlands, Spaniens oder Italiens drücken damit regelmäßig die Last ihrer früher aufgenommenen Kredite.

Stellt die EZB den Südstaaten nicht eine Lizenz zur Verschuldung aus?

Die Anleihekäufe und Hilfskredite an die bedrohten Euro-Mitglieder bilden nur die eine Seite der Medaille. Andererseits setzen die Regierungen den Fiskalpakt in Kraft, der ihre Neuverschuldung eng begrenzt. Man kann davon ausgehen, dass die Euro-Staaten ihre Staatsfinanzen auf diese Art allmählich stabilisieren.

Gibt es eine Alternative zu den Anleihekäufen?

Video
München, 30.07.12: Mit scharfen Angriffen auf Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker reagierte die CSU am Montag auf dessen Äußerungen vom Wochenende. Juncker hatte Forderungen nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone als "Geschwätz" abgetan.

Die EZB handelt, weil die bisherigen Maßnahmen der europäischen Regierungen nicht ausreichen. Unter anderem die Bundesregierung lehnt die Ausgabe gemeinsamer europäischer Staatsanleihen ab, die die hohen Zinsen der Südländern drücken könnten – entgegen der Empfehlung des Rates der Wirtschaftsweisen. Der Sachverständigenrat schlägt vor, dass die Euro-Staaten ihre über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung hinausgehenden Schulden in einen Fonds einbringen, diese gemeinsam refinanzieren und tilgen. Die Bundesregierung und die deutschen Steuerzahler würden für einen weiteren Teil der spanischen und italienischen Schulden geradestehen.

Hannes Koch



Kommentare
07.09.2012
09:30
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von seew1 | #7

wir erleben Rechtssbrüche ohne Ende in einem Wirtschatskrieg, den wir uns so nicht vorstellen konnten. Ich stimme selten mit einem CSU-Politiker überein, aber Gauweiler hat Recht. Wenn die jetzige Regierung zuläßt, daß Draghi im Interesse seines ehemaligen Arbeitgebers unbegrenzt Euros druckt, bleibt nur die Abwahl!

03.08.2012
12:44
Typisch deutsche Angst
von leserschwert | #6

Total albern, diese deutsche Angst vor leichter Inflation. Lasst Euch nix einreden: Die Inflation schadet nur denjenigen, die ihr Geld säckeweise in bar auf der Bank horten, am besten noch in der Schweiz. Dem Normalbürger schadet sie nicht; dafür könnte der Staat seine Schulden leichter abbauen. Man müsste nur halt staatlicherseits dafür sorgen, dass nicht nur Lebensmittel und Energie teurer werden, sondern in gleichem Maße auch Arbeitsstunden, Mindestlöhne und Hartz-IV-Sätze.

1 Antwort
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von gambler1 | #6-1

Zitat: "" dass nicht nur Lebensmittel und Energie teurer werden, sondern in gleichem Maße auch Arbeitsstunden, Mindestlöhne und Hartz-IV-Sätze.""

Na klar!
Arbeitsstunden gehen auf 50 Std/Woche (ohne Lohnausgleich)
Mindestlohn wird 8,30 € /Std
Hartz-IV-Satz wird dem Mindestlohn angepasst


Ironie aus

03.08.2012
12:08
Das Ausfallrisiko ist das Entscheidende, nicht die Inflation
von Alex9 | #5

Wenn die EZB auf welchem Wege auch immer Geld in den Markt pumpt um die Zahlungsfähigkeit in Südeuropa aufrechtzuerhalten landet das als unbesicherte Forderung bei der Bundesbank und den Notenbanken der Niederlande, Luxemburgs und Finnlands im Target2-Saldo. Von den bisher verteilten 1,2 Billionen sind es immerhin 1,1, weil kaum eine Bank oder Anleger so agiert, als ob der Euro überlebte. Da mache ich mir doch zuerst mal Gedanken über das Ausfallrisiko, bevor ich über Inflation nachdenke.

03.08.2012
10:14
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von Oppa.Werner | #4

Und was mache ich jetzt mit meinen 300.000 Euro bei Cortal Consors?

Da gehen mir täglich 100 Euro verloren durch diese Verbrecher!

2 Antworten
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von ggggg | #4-1

Schaffen Sie es in die Schweiz – selbstverständlich schwarz. Meine Segen hätten Sie jedenfalls. Schließlich brauchen wir nach dem Zusammensturz noch Leute die wenigstens etwas echtes Kapital haben. Zum Ende des zweiten Weltkriegs hin haben viele tüchtige und weitsichtige Unternehmer Material, Maschinen und Rohstoffe illegal beiseite geschafft und damit dem requirierungswütigen Staat entzogen. Das hat uns nach dem Krieg ganz enorm geholfen. Das bestehende System wird Ihre hart erarbeiteten Ersparnisse über kurz oder lang vernichten.

Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von Oppa.Werner | #4-2

300 kE per Auto über die Grenze? Das kann doch nicht gutgehen ...

03.08.2012
09:16
Gut dass die umlagefinazierte Rente noch nicht abgeschafft wurde.
von meigustu | #3

Bei rein kapitalfinanzierten Renten wäre das ein Desaster für viele alte Menschen.

1 Antwort
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von Pit01 | #3-1

Ich fürchte auch.

03.08.2012
07:47
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von donfernando | #2

Wenn man sich ein bisschen umhört zeigt sich, dass der deutsche Steuerzahler keine Lust mehr zum Geradestehen hat. Er will sich lieber ein bisschen winden, so wie die anderen Steuerzahler in Europa.
Man kann das verstehen, denn wer fällt schon gerne dauernd aus der Rolle, gerade wenn es ums Zusammenwachsen geht?

03.08.2012
07:42
Rettet uns die Inflation aus der Euro-Krise - oder wird alles schlimmer?
von Funakoshi | #1

"Ende 2011 habe sie gegenüber dem Vorjahr bei plus 2,6 Prozent gelegen" Das ist doch auch wieder nur gestunken und gelogen. Jedes Lieschen Müller weiß mittlerweile durch die "Patte", wieviel Preisteigerung tatsächlich schon für gerade die essenziellen Dinge des Lebens benötigt werden!!! Ansonsten werden die Geldvermögen schön langsam vernichtet, damit es nicht ganz so auffällig wie früher ist. Der eine oder andere kennt sicherlich auch die Sache, wie man einen Frosch kochen kann? Ganz langsam die Temperatur steigern, damit er es nicht bemerkt. Außerdem braucht man sich ja nur einmal die Zuwächse seit 2008 beim Krisenmetall Gold ansehen. Dann weiß man, wo der Hammer hängt!!! Nur weiter so. Die Weltwirtschaftskrise steht bereits vor der Tür und im Kondratieff-Winter wirds verdammt kalt!!!

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