Heimzöglinge der 50er und 60er Jahre haben ihr Schweigen gebrochen - Jetzt fordern sie eine Entschädigung : Die weggesperrten Kinder der Nachkriegszeit
Dortmund. Kein Wort, kein Gruß, höchstens ein kurzer, scheuer Blick. Wenn sich die Schwestern Regina und Elke 1960 auf dem Flur des Vincenz-Erziehungsheims in Dortmund begegneten, mussten sie schweigen. Das Schweigen hielt noch Jahrzehnte lang an.
Regina Eppert war damals 18, Elke Meister, ihre Schwester, 16 Jahre alt. Beide waren nach Meinung der Jugendbehörden von Verwahrlosung bedroht. 47 Jahre später stehen sie vor dem Vincenzheim in der Dortmunder Nordstadt und erinnern sich an die schrecklichsten Wochen, Monate, Jahre ihres Lebens: „Verwahrlost sind wir erst hier drin”, sagt Regina Eppert.
Die 64-jährige Frau aus Warendorf ist heute zweite Vorsitzende des „Vereins ehemaliger Heimkinder”. 40 Jahre lang hat sie kein Wort über ihre Zeit im Heim gesprochen. Nicht einmal mit ihrer Schwester, die das gleiche Schicksal erlitten hat. Nicht über die harte Arbeit an der Heißmangel, die nur mit einem Taschengeld bezahlt wurde und schweigend zu verrichten war. Nicht darüber, dass ihr Lachen und Weinen verboten war. Nicht über Demütigungen, die ihr Nonnen zugefügt haben. Nicht über das Eingesperrtsein. Nicht, dass sie als junge Mutter ihr Kind nur sonntags sehen durfte.
Jetzt spricht Regina Eppert. Und sie spricht für Tausende. Mehr als eine halbe Million junge Menschen wurden in den 50er und 60er Jahren in eines von rund 3000 Erziehungsheimen in Deutschland eingewiesen. Sie sollten durch Zucht und Ordnung „gebessert” werden. Aber sie wurden geknechtet und ausgebeutet.
Regina Eppert war ein Flüchtlingskind. Sie wuchs ohne Vater auf, lebte Ende der 50er Jahre mit Mutter und Schwester in einem Auffanglager in Altena. Sie wurde früh schwanger. Ihr erstes Kind starb, mit 18 war sie wieder schwanger. Obwohl sie den Vater ihrer Kinder heiratete, war das alles zu viel für Nachkriegsdeutschland. Regina Eppert wurde als Schwererziehbare in dem Backsteinbau zwischen dem Dortmunder Borsigplatz und den Hoesch- werken weggesperrt.
Das Vincenzheim ist heute eine Ausbildungsstätte für Jugendliche, betrieben, wie damals, von der Caritas. 2003 - in einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen - wurden die dunklen Kapitel der Vergangenheit nur ansatzweise ausgeleuchtet. „Die Tür zum Garten bleibt offen”, heißt es über einem Artikel, der Zustände in der geschlossenen Anstalt der 60er Jahre schildert. Regina Eppert hat eine andere Tür vor Augen. Die Tür zur „Klabause”, einer Kammer ohne Fenster, in die man bei Strafaktionen eingesperrt worden sei: „Wir waren ehrlos, würdelos”, sagt sie und ringt um ein Wort, das all ihre Gefühle beschreiben könnte. Ihr fällt „Guantanamo” ein.
Seit 2003 ist das Schweigen gebrochen. Es begann in Irland, wo der Film „Die Magdalenen Schwestern” auf das Schicksal von Kindern in katholischen Heimen aufmerksam machte. In Deutschland griff der Journalist Peter Wensierski das Thema mit seinem Buch „Schläge im Namen des Herrn” auf. Auch deutsche Heimkinder sprachen nun über ihr Trauma. Sie gaben Zeitungs-Interviews, sie tauchten im Fernsehen auf. Sie begannen, sich ihrer eigenen Biografie zu stellen. Elke Meister hatte weder ihrem Mann noch ihren Kindern von der Zeit im Heim erzählt. „Man hatte uns doch eingetrichtert, dass wir aus der Gosse kommen. Das sollte doch keiner wissen.” Aus dem eingeschüchterten Heimkind Elke Meister war eine gehorsame Ehefrau geworden. „Noch mit 40 habe ich meinem Mann jeden Einkaufszettel vorgelegt und abhaken lassen, was ich kaufen darf.”
„Was wir erlebt haben, wirkt ein Leben lang nach”, sagt Regina Eppert. Sie brauchte ein zweites Leben, um alles aufzuarbeiten. Sie will eine Entschädigung. Und eine Entschuldigung. Schon zweimal hat der Petitionsausschuss des Bundestages ehemalige Heimkinder angehört. Die Forderung nach einer Stiftung, die die Opfer von damals für ihre Zwangsarbeit entlohnt, steht im politischen Raum. Außerdem soll Arbeit im Heim auf die Rente angerechnet werden. Eppert ist zuversichtlich, dass sich niemand mehr diesem Thema entziehen kann. Nicht die Kirchen, nicht der Staat. Regina Eppert und ihre Schwester haben auch erste Gespräche mit Nonnen des Vincentinerinnenordens geführt. Elke Meister hat im Altersheim sogar eine ihrer Peinigerinnen von damals besucht, um diese eine Frage zu stellen: „Warum bin ich so behandelt worden?” Ein richtiges Gespräch kam nicht zustande. Aber dieses Gefühl eines hilflosen Kindes war plötzlich wieder da: „Diese Frau hat Macht über mich.”
47 Jahre später blicken die Schwestern wieder auf die Treppe zum Vincenzheim. „Da habe ich meine Freiheit abgegeben”, sagt Regina Eppert. „Da hat alles angefangen.”
Und hörte nie wieder auf.







3 Kommentare
Die Nonnen in den Kinderheimen waren vielfach(nicht alle) eiskalte Monster.
Sie wären die Besten Mitarbeiter in Konzentrationslagern gewesen, denn ihre Erziehungspraxis hat das bewiesen.
Guten Tag,mein Name ist Silvia Hagemeister und komme aus Münster.Auch ich war 1975 im Vincensheim für eineinhalb Jahre.Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens.Wir wurden zwar körperlich nicht mehr misshandelt,dafür fast täglich gedemütigt.An einem Tag hatte ich starke Unterleibsschmerzen,es wurde kein Arzt eingeschaltet noch gab es Schmerztabletten,statt dessen wurde ich von Schwester Alexa mehrmals geschubt,bis ich doch noch zur Arbeit ging,wie gesagt unter schmerzen.Ein andreres Mal wurde ich in einen Raum geführt von Schwester Reinfried ,dort wurde ich mit Worten stundenlang gedemütigt,weil ich meinen Eltern geschrieben habe,das ich es im Heim nicht mehr aushalte.Aber es hat alles nichts genützt,ich musste meine eineinhalbjährige Lehre zuende bringen.Wir wurden oft bestraft wegen nichtigkeiten usw.Ich könnte ein ganzes Buch schreiben über die Schlimme Zeit.Sicher habe ich nicht mehr so gelitten wie meine Vorgängerinnen,trotz allem war es für mich auch ein Trauma.Das was meine Vorgängerinnen hier geschrieben haben,hat mich sehr erschüttert.Da kann ich ja noch froh sein,das ich nicht mehr körperlich misshandelt wurde.Es sind so viele schreckliche Dinge passiert,der Raum würde nicht ausreichen,das hier nieder zuschreiben.Mein Wunsch ist es,das nie wieder Mädchen so schlecht behandelt werden im Vincensheim.Es stimmt,die Nonnen waren eiskalte Monster!!Ich bedanke mich,das ich hier mein Kommentar abgeben durfte.Mit freundlichen Grüssen Silvia Hagemeister
Meine Schwägerin war 1969 im Vincensheim Dortmund, weil sie 18jährig einen Freund hatte,niemals kam sie damit zurecht, wie sie von diesen Monstern in Nonnentracht gedemütigt wurde. Vor 3Jahren haben wir sie gesucht, sie niegendwo zu finden. In einem Hotel im Sauerland fand man eine erhängte Frauenleiche ES WAR MEINE SCHWÄGERIN Ich hoffe, diese Monster werden in ihren Gräbern keine Ruhe finden.