Zuhause in einer fremden Welt
04.11.2009 | 19:26 Uhr 2009-11-04T19:26:00+0100Das Projekt Globus kümmert sich um minderjährige Flüchtlinge in Dortmund. Die Jugendlichen werden betreut, bekommen regelmäßige Mahlzeiten und eine Wohnung. Zeus-Reporter haben Kâmil Kideys interviewt. Er ist Mitarbeiter des Verbundes sozialtherapeutischer Einrichtungen und arbeitet für Globus.
Herr Kideys, Warum flüchten die Minderjährigen?
Entweder sind sie in Lebensgefahr – durch Hungersnot, oder Kriege. Oder sie leben dort unter schlechten Bedingungen.
Wie kommen sie aus ihren Heimatländern hier her?
Das wissen wir nicht, vielleicht mit den Booten, Lkw oder Flugzeugen. Für unsere Arbeit ist es nicht relevant.
Was ist mit ihren Familien passiert?
Oft haben die Jugendlichen keine Eltern mehr. Manchmal schicken ihre Familien sie auch weg.
Warum?
Manchmal kommen die Kinder zwar aus wohlhabenden Familien, werden aber weggeschickt, weil ihre Eltern sie beispielsweise vor Entführungen oder Anschlägen beschützen wollen. Das kommt vor allem in Gebieten vor, wo die Gefahr besteht, dass sie wegen politischer Auseinandersetzungen oder Bürgerkriegen Angehörige verlieren, oder selbst gefährdet sind.
Was für Probleme gibt es für die Jugendlichen in Deutschland?
Viele. Erst müssen sie sich mit dem Ausländerrecht auseinandersetzen – sie bekommen keine richtige Aufenthaltserlaubnis, sondern eine sogenannte Duldung. Sie werden hier also geduldet, bis sich die Lage in dem Land, aus dem sie kommen, verbessert hat. Jeden zweiten Monat müssen sie die Duldung verlängern. Die Duldung heißt aber nicht viel: Man darf nicht zur Schule gehen und man darf nicht arbeiten, weil man ja keine Aufenthaltserlaubnis und demzufolge auch keine Arbeitserlaubnis hat. Es gibt dafür aber Auffangklassen und Sprachkurse, die die Jugendlichen besuchen müssen. Einige waren, bevor sie nach Deutschland kamen, noch nie in der Schule.
Was überrascht die Jugendlichen in Deutschland, und welche Vorstellungen hatten sie?
Manche kommen aus Großstädten, die sind dann nicht sehr überrascht. Aber es gibt auch welche, die das erste Mal im Leben einen Einkaufswagen gesehen haben – die müssen sich erstmal hier einleben. Sie müssen sich mit den kulturellen Unterschieden auseinandersetzen. Es gibt welche, die noch nie bei einem Arzt waren – einer fragte beispielsweise bei einer Blutabnahme: Geben sie mir mein Blut zurück?
Wie und wo leben sie?
Sie wohnen in von uns gemieteten Einzel- oder Zweierwohnungen. Sie werden von uns in allen Lebenslagen betreut. Wir begleiten sie bei Arztbesuchen und Einkäufen, wir sorgen dafür, dass sie was lernen. Aber mit der Zeit werden sie immer selbstständiger.
Was ist wichtig für sie und was würden Sie ihnen gerne geben?
Ich würde ihnen gerne Sicherheit geben, und ich finde es wichtig, dass sie die Sprache lernen. Wir schicken sie sofort, wenn sie bei uns sind, fünf Stunden am Tag in den Sprachkurs. Sie lernen die Sprache in kürzester Zeit. Wir haben mittlerweile viele Jugendliche, bei denen wir es durchgesetzt haben, dass sie zur Schule gehen dürfen, und die es Dank des Sprachkurses auch können. Wenn auch keine Finanzierungsmöglichkeiten da sind, schicken wir sie trotzdem mit Projektgeldern zum Sprachkurs, weil Sprachkenntnisse ihnen Sicherheit geben.
Wünschen Sie ihnen mehr Unterstützung vom Staat?
Auf jeden Fall! Wie gesagt, muss man ihnen Sicherheit geben. Man muss sich das mal vorstellen: ein 15-/16-Jähriger ohne Eltern, der alleine klarkommen muss und das ohne einen vernünftigen Aufenthaltsstatus. Ich denke die Aufenthaltsgenehmigung ist wichtig für sie, sie haben sonst keine Perspektive.
Ellinor Brandi, Deniz Kideys, Lena Rathke, Jasmin Daehmlow, Alessandra Wronberg, Klasse 8b, Phoenix-Gymnasium
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