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Als der Narr verboten war

09.11.2007 | 19:18 Uhr
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Günter Faltin ist das dienst- und lebensälteste Mitglied der Günnigfelder Karnevalsgesellschaft.80-Jähriger erinnert sich an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, das lange Schatten auf ihn warf

1943: Als Günter Faltin mit 17 Lenzen Mitglied bei der Günnigfelder Karnevalsgesellschaft (GüKaGe) wird, sind Lachen und närrischer Frohsinn verboten. Den Nazis ist der satzungsgemäß verbriefte Vereinsgruß "Gut Freundschaft", der ausdrücklich jedermann, also auch den jüdischen Mitbürgern gilt, ein Dorn im Auge. Bei einem Redaktionsbesuch erinnerte sich das dienst- und inzwischen auch lebensälteste aktive Mitglied der GüKaGe an seine Kindheit und Jugend, die von dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte überschattet war.

"Schon als Kind war ich vom Karneval infiziert", erzählt der Mann, der im Dezember sein 81. Lebensjahr vollendet. "Mit meinen Spielkameraden bin ich immer zum Dahrenrechtler Saal an der Kruppstraße gelaufen, wenn dort die fünfte Jahreszeit gefeiert wurde. Da haben wir uns an den Fensterscheiben die Nasen platt gedrückt. Mich hat fasziniert, dass dort trotz der großen wirtschaftlichen Not jede Menge Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschten."

Günter Faltin weiß aus Erzählungen, dass sein Verein trotz des Veranstaltungsverbots während des Krieges im kleinen Kreis in einer verdunkelten Scheune an der Osterfeldstraße Versammlungen abhielt und auch närrisches Brauchtum pflegte. Posten waren im Umfeld aufgestellt, um vor möglichen Denunzianten und den Schergen der Geheimen Staatspolizei zu warnen. Für Faltin besteht kein Zweifel: "Wären meine Vereinskameraden damals entdeckt worden, hätte man sie ins Konzentrationslager gesteckt."

Mit 16 lag Günter Faltin als Flakhelfer in den Günnigfelder Abwehr-Stellungen. "Zuvor musste ich ins Jungvolk und in die Hitlerjugend, obwohl ich das gar nicht wollte", erinnert sich der 80-Jährige. "Wenn ich mal einer Veranstaltung fern blieb, standen die Nazis gleich am anderen Tag bei meinen Eltern auf der Matte und setzten sie massiv unter Druck, auf mich erzieherisch einzuwirken. Das Bedrohungspotenzial der braunen Machthaber bestimmte das gesamte Alltagsleben."

Im Jahr seines Beitritts zur GüKaGe, also mit 17, musste Günter Faltin zur Kriegsmarine nach Wilhelmshaven. Seinen ersten Heimaturlaub bekam er kurz vor Ende der Schreckensherrschaft, im März 1945. Der Grund war tragischer Natur: "Mein Vater war beim letzten Bombenangriff auf Günnigfeld in einem Keller verschüttet worden und dort umgekommen", erzählt Günter Faltin. "Meine Mutter, die im gleichen Gebäude Schutz gesucht hatte, überlebte glücklicherweise das Inferno."

1946 fanden sich die Überlebenden der GüKaGe zusammen, um ihr Vereinsleben fortzusetzen. Der britische Stadtkommandant, Major C. Craddock, erlaubte dem Leid geprüften Narrenvölkchen Sitzungen und auch Umzüge. Günter Faltin: "Damals haben wir jedes Bühnenprogramm mit unseren eigenen, wenn auch bescheidenen Kräften auf die Beine gestellt. Obwohl kaum etwas da war, hatten wir eine wunderbare Zeit, weil wir im ganzen Ruhrgebiet und auch darüber hinaus als Ak-teure gefragt waren. So bin ich damals den Kessler-Zwillingen im Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus begegnet. Da waren die noch Kinder."

Fragt man den langjährigen Zeremonienmeister und Senior der GüKaGe nach seinen schönsten Jahren im Karneval, dann schmunzelt er und sagt: Karneval, mein Freund, ist einfach immer schön. . ."

Von Ferdi Dick

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