Aufsitzen fürs Selbstbewusstsein
18.03.2010 | 17:22 Uhr 2010-03-18T17:22:00+0100
Schwerte. Bento kaut. Und das den ganzen Tag. Der Haflinger ist ein Nimmersatt. Solange er etwas zwischen den Zähnen hat, blendet er seine Umgebung aus. Lärmende Kinder, hektische Bewegungen und erste Striegelversuche kommentiert er mit gelassenem Blick und gleichmäßigen Malmbewegungen.
Bento ist ein Therapiepferd. Immer donnerstags kommen sieben Kinder der Schule an der Ruhr zum Hof Holtschmidt, um auf dem Wallach zu reiten.
Gummistiefel–Parade folgt Pferdeschweif
Eigentlich haben Maxi und Gerion Angst vor großen Tieren. Hunde beobachten sie nur aus der Ferne und auch Pferde waren ihnen anfangs nicht geheuer. Bei Haflinger Bento und Pony Ben hat sich ihre Angst jedoch in Mut verwandelt. Wie selbstverständlich striegeln sie die Ponys, kratzen die Hufe aus, helfen beim Auftrensen. 14 Kinderhände packen fleißig mit an, wenn es darum geht, die Pferde fertig zu machen. Schließlich wissen sie: Je schneller die Pflichtaufgaben erledigt sind, desto schneller sitzen sie auf den Pferderücken. Im Gänsemarsch geht es zur Reithalle.
Lehrer Gregor Schmitz stapft mit Bento am Führstrick voran, Integrationshelferin Jojo zieht Pony Ben hinter sich her. Aufwärmübungen stehen auf dem Plan – für Kind und Pferd. Bento schlurft durch die Halle, die Schüler flitzen um ihn herum. Schnell sind die Köpfe rot und die dicken Winterjacken überflüssig. Streit, wer sich zuerst auf den Pferderücken schwingen darf, gibt es nicht. „Das mussten die Kinder vorher unter sich ausmachen. Das ist ein Teil des Lehransatzes”, erklärt Schmitz, der über die Zusatzausbildung Heilpädagogisches Reiten verfügt. Die Schüler müssen lernen, sich in die Gruppe einzufügen, Geduld zu haben und auch Verantwortung zu übernehmen. Den Schüchternen soll der Umgang mit den großen Pferden Selbstbewusstsein vermitteln, die Draufgänger sollen Zurückhaltung und Respekt lernen.
Pädagogische Ansätze interessieren die Kinder jedoch herzlich wenig. Für sie zählt an diesem Frühlingsmorgen nur eines: Sonnenschein. Ideales Ausreitwetter. Dicht aneinander gepresst sitzen jeweils zwei Kinder auf dem Pferderücken. Das schmatzende Geräusch, wenn die Tiere durch schlammige Pfützen stiefeln und sich ihre Hufe in den feuchten Waldboden graben, lässt die jungen Reiter fast vor Neid erblassen. Sie wollen selbst rennen und nicht getragen werden, wollen in Wasserlöcher springen und im Wald nach Stöcken suchen.
„Ich will aussteigen”, bettelt Tristan. Und auch Daniel stimmt in das Flehen ein. „Wenn die sich ausgetobt haben, wollen sie alle wieder rauf”, lacht Schmitz, während er einen nach dem anderen vom Pferd hebt. Schreiend verschwindet die Meute im Wald, um kurz darauf nass geschwitzt wieder auf den Gehweg zu stolpern. „Heiß wie in der Wüste ist es hier”, klagt Gerion und lässt sich auf Bentos Rücken hieven. „Hier oben kann man gut rumwabbeln”, sagt er atemlos. Nach knapp einer Stunde geht es zurück zum Stall. Für Bento bedeutet das: Zurück zum Futter. Während seine Schritte raumgreifender werden, schlurfen müde Kinderfüße in verschmutzen Gummistiefeln hinter ihm her. „Durst”, jammern die Schüler im Chor. Auch das müssen die Kinder lernen, so Schmitz. Es gilt die Regel: „Erst das Pferd, dann der Reiter.” Nimmersatt hat Bento dagegen nichts einzuwenden. Er kaut schon wieder, als ihm 14 Kinderhände zum Abschied den Staub aus dem Fell klopfen.
Gregor Schmitz sucht noch eine zuverlässige Betreuungskraft für das Heilpädagogische Reiten. Wer pferde- und kindererfahren ist und zudem regelmäßig donnerstags vormittags Zeit hat, kann sich bei der Schule an der Ruhr, 7 00 45, melden.
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