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Suche nach dem wilden China

12.10.2010 | 15:36 Uhr

Shangri-La.Das Paradies ist in eine dicken Wolkensuppe versunken, als ich dort ankomme. Es regnet und ist kalt. Das Paradies heißt Shangri-La und liegt im Südwesten Chinas am Fuße des Himalayas.

1997 haben die örtlichen Behörden beschlossen, dass hier ohne Zweifel der von James Hilton in seinem Roman „Lost Horizon“ beschriebene paradiesische Ort Shangri-La liegen müsse. Das ehemals gottverlassene Örtchen wurde kurzerhand umbenannt, in der Hoffnung, dass von nun an Touristen in Scharen nach Shangri-La strömen. Die Einwohnerzahl der Stadt ist seitdem explodiert, allerorten sind Hotelkomplexe aus dem Boden gestampft worden.

Allerdings sind die Segnungen des modernen Lebens noch nicht komplett in Shangri-La angekommen: Tagsüber kann es vorkommen, dass in der Altstadt der Strom abgestellt wird. Warmes Wasser muss aus einem Brunnen in die Leitungen gepumpt worden. Ohne Strom gibt es überhaupt keine heiße Dusche. Bei 15 Grad ist das nicht besonders angenehm.

Seit einem Monat reise ich durch China. Ich habe mehr als 5000 Kilometer zurück gelegt, bin von der Südküste bis an die Grenze Tibets und schließlich an die Ostküste nach Shanghai gereist. Ich bin nach China gekommen, auf der Suche nach einem Land, das völlig anders ist, als alles, was ich bisher kannte.

Verschont vom
Massentourismus

Trotz nasskalten Wetters und anderer Widrigkeiten: Das unbekannte, wilde China habe ich in Shangri-La am ehesten gefunden. Denn trotz von oben verordneter Marketingstrategie ist die Stadt vom ganz großen Massentourismus bislang verschont geblieben. Die Berge um Shangri-La ragen fast 4000 Meter in die Höhe und sind zumeist von Nomaden bevölkert. Trotz der Höhe ist die Landschaft grün und artenreich und erinnert eher an das Allgäu als an karges Hochgebirge.

Knapp die Hälfte der Einwohner Shangri-Las sind Tibeter. Überall in der Stadt sieht man buddhistische Mönche aus dem nahe gelegenen Kloster ihre täglichen Besorgungen machen und in bunte Trachten gekleidete tibetische Frauen auf Mofas durch die Straßen tuckern. Bei Dolma, einer jungen Tibeterin und ihrer Familie war ich für einen Tag lang zu Gast. Dolma verdient ihr Geld, indem sie Touristen durch die umliegenden Berge führt. Die Haupteinnahmequelle der Familie jedoch ist die Yakzucht. Im Haus der Familie gibt es kein fließend Wasser und eine Toilette, für die die Bezeichnung Plumpsklo übertrieben wäre.

Aber Shangri-La ist eben nur die eine Seite Chinas, die ich während meiner Reise kennengelernt habe. Meine erste Station war die kantonesische Millionenstadt Guangzhou. Egal, wo man hinsieht in Guangzhou: es wird gebaut - Hochhäuser, Wohnungssiedlungen, vierspurige Schnellstraßen.

Schickes Apartment,
Einkaufen bei Ikea

Guangzhou boomt und putzt sich angesichts der im November stattfindenden Asian Games – der asiatischen olympischen Spiele – gerade besonders heraus. In Guangzhou traf ich Eros, einen vielleicht typischen jungen, chinesischen Großstädter. Er lebt in einem schicken Apartment, kauft bei Ikea ein und lebt offen homosexuell.

INFO
Studentin

Ann-Kathrin Nezik ist in Nachrodt geboren und war schon als freie Mitarbeiterin für die Westfälische Rundschau tätig.

Im Jahr 2009 berichtete sie von ihrem Auslandssemester in New York. Ein Jahr lang studierte sie in Manhattan, die Innenstadt von New York.

Zu jeder Zeit sind angeblich 10 Millionen Chinesen auf den Schienen des Landes unterwegs. Wer einmal in einem chinesischen Zug unterwegs war, glaubt das sofort. Besonders aufreibend ist das Zugfahren im Großraumwaggon, in dem mitfahren muss, wer so wie ich keine Fahrkarte fürs Schlafabteil ergattern kann – oder wer sich wie die meisten Chinesen schlicht kein besseres Ticket leisten kann. Obwohl mein Waggon schon zu Beginn der Fahrt voll bis auf den letzten Sitzplatz war, stiegen an jeder Haltestelle mehr und mehr Mensch ein. Schließlich waren gut doppelt so viele Passagiere in dem Wagen eingepfercht, wie es Sitzplätze gab. Um zur Toilette zu gelangen, musste ich über sitzende und liegende Menschen, Gepäckstücke und Reissäcke steigen.

Doch auch was die Fortbewegung betrifft, springt China mit Riesenschritten nach vorne. Allein in vier Städten, die ich besucht habe, wird momentan eine U-Bahn komplett neu gebaut – geplante Bauzeit: drei Jahre. Die Metropolen an der Ostküste des Landes sind mit Hochgeschwindigkeitszügen verbunden, die wie Nachbauten des ICE aussehen und von Stadt zu Stadt rasen. Genau wie das Land – auch Reisen ist in China eben nicht entweder oder.

Ann-Kathrin Nezik

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