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Kleines Studio

Abschied heiter und wehmütig

08.04.2012 | 09:00 Uhr
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Abschied heiter und wehmütig
Kleines Studio Neuenrade: Die letzte Vorstellung ist in Vorbereitung. Nach 55 Jahren endet die Ära Kleines Studio.

Neuenrade. Eigentlich ist alles wie immer. Dienstagabend um 19.45 Uhr brennt Licht in der Aula auf der Niederheide. Bernd Rüschenberg geht in Position, macht ruhige, gymnastische Übungen.

Doch nicht der Fitness wegen schwingt der 68-Jährige würdevoll ein stattliches Holzschwert. Rüschenberg ist soeben in die Rolle des Ritter Unkenstein geschlüpft. Der ist in Karl Valentins Einakter, „Auf der Burg, da gibt’s koa Sünd“, die zentrale Figur.

Es wird eine der letzten Hauptrollen sein, die Rüschenberg beim „Kleinen Studio Neuenrade“ übernimmt. Die Laienspielschar probt nach 55 Jahren und 53 abendfüllenden Inszenierungen für den allerletzten Auftritt. Am 22. April hebt sich fürs Traditionsensemble des städtischen Kulturprogramms in Neuenrade um 17 Uhr zum letzten Mal der Vorhang.

„Nach Jahrzehnten muss auch mal Schluss sein“, sagt Günther Hammecke, „besonders, wenn am über 70 ist.“ Hammecke ist noch etwas dienstälter als Kollege Rüschenberg. Er feierte 2008 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum, Rüschenberg 2010. Beide haben das Schauspielern zu einem Familienerlebnis gemacht. Regine Rüschenberg gehört ebenso seit Jahrzehnten zum Ensemble wie Christel Hammecke.

Bei Hans Dickel und seiner Frau Heike ist es nicht anders. Dickel gründete 1957 als engagierter Lehrer die Laienspielgruppe, ist Chef und mit 77 zugleich Senior der Truppe.

„Es erfüllt einen schon mit Wehmut im Herzen“, sind sich die Altgedienten einig und merken, dass sie es sich bislang noch gar nicht gegönnt haben, in Erinnerungen zu schwelgen. „Wir sind ganz auf die Aufführung konzentriert“, so Günter Hammecke.

Was haben sie nicht alles angestellt, um gute Inszenierungen auf die Bühne zu bringen: „Einer hat mal für die Bühnenkulisse sein ganzes Wohnzimmer ausgeräumt“. Einen stattlichen Kostümfundus haben sie zusammengetragen, mit einer echten Richter-Robe, einem Pastoren-Römerkragen und „heute leider nicht mehr passenden“ Schwalbenschwanz-Fräcken. „Alles ohne Motten“, lachen die erfahrenen Laienspieler, „aber es riecht nach Keller.“ Der Fundus lagert in den Burgschul-Katakomben.

Auch bei der letzten Aufführung kommen private Kostümbestände zum Einsatz. Bei Ritter Unkenstein haben die Mitwirkenden ihre mittelalterlichen Kluften aus Beständen der Altstadtgemeinschaft. Nicht nur Bernd Rüschenberg ist dort aktiv auch Walburga Roccotelli-Skora. Die ist auch schon ganz lange beim Studio dabei und oft als Souffleuse im Einsatz.

Die Aufgabe ist fast noch schwieriger als eine Rolle, sind sich die Laienspieler einig: „Oft hakt es bei manchen in der Probe immer wieder an der gleichen Stelle“, berichtet die Altstädterin. „Und dann, im Stück, passiert es ganz bestimmt an einer anderen.“

Überhaupt ist das Text lernen keine einfache Sache, sagt Bernd Rüschenberg, Jeder habe da seine eigene Methode.

„Ich sage nicht, wo ich lerne“, witzelt ein Mitstreiter vieldeutig.

Eindeutig ist für alle, dass jetzt mit dem Kleinen Studio Schluss ist. Mal in kleinerer Besetzung vor kleinerem Kreis etwas Kleineres aufführen, das könne vielleicht sein.

Dann aber nicht als Kleines Studio und auch nur „wenn ich nicht ein Jahr dafür lernen muss“, scherzt Bernd Rüschenberg. „Vielleicht geht ihr ja auch mal mit Oma und Opa auf Tournee“, legt  Christel Hammecke humorvoll nach in Richtung ihres Enkels David Garcia. Der ist der Benjamin in der Truppe, zusammen mit Freundin Sarah Knieper, beide entdeckten das Interesse für die Bühne im schulischen Literaturkurs.

Ob sie auch künftig Theater spielen, ist noch nicht entschieden. Fest steht, dass sie am 22. April beim Kleinen-Studio-Abschluss wie im richtigen Leben auch auf der Bühne ein Paar spielen, genau so wie Bernd und Regine Rüschenberg, Günther und Christel Hammecke, Hans und Heike Dickel.

Dass mit dem Schauspielern bald Schluss sein soll, versucht Walburga Roccotelli-Skora heiter zu nehmen: „Ich überleg’ schon, was ich jetzt dienstags machen soll, um aus dem Haus zu kommen.“

Eine Mitstreiterin fügt hinzu: „Wir wissen gar nicht, was dann im Fernsehen kommt?“ Und dann wird’s doch noch ernst: „Wenn die Aufführung vorbei ist, wird bestimmt die eine oder andere Träne fließen.“

Uwe Tonscheidt

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