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Von "Angst vor Mathe" keine Spur

10.04.2009 | 21:00 Uhr
Von "Angst vor Mathe" keine Spur

Junge Leute bereiten sich bei der Volkshochschule auf die Klasse-10-Prüfung vor.

„Gezinkte” Würfel: Leonard sucht sich den mit den drei Einsen und drei Fünfen aus, Andrea den mit vier Vieren und zwei Nullen. Wer von beiden wirft in elf Durchgängen die meisten Augen? Na klar, Leonard.

Das lässt sich auswürfeln. Und ausrechnen. Karin Schmidt nimmt Wahrscheinlichkeitsrechnung durch. Allerdings: In diesem Klassenraum der Realschule am Kreuzberg sitzt keine Schulklasse, sondern ein Volkshochschulkurs. Der heißt „Keine Angst vor Mathe”. Acht junge Damen und Herren aus den Jahrgängen 9 und 10 verschiedener Schulen des Siegerlandes, darunter allerdings niemand von einer Hauptschule, sind zu dem fünften von zehn Abenden gekommen, der sie auf die zentrale Mathe-Prüfung am Ende der Klasse 10 vorbereitet. Am 19. Mai schlägt die Stunde der Wahrheit.

66,6 Prozent beträgt die Chance, dass er gewinnt. Leonard, Gesamtschüler aus Neunkirchen mit einer Mathe-2, fällt das „Gesetz der großen Zahl” ein: Je öfter man würfelt, desto weniger überrascht, insgesamt gesehen jedenfalls, der Zufall mit Abweichungen von der Wahrscheinlichkeit. Die Runde gerät in eine angeregte Diskussion. Es geht ums Lottospiel. Und um gute Partien. Beim Heiraten. „Ich mag Mathe”, stellt Andrea klar, die die 10 der Netphener Realschule besucht. „Halt zur Wiederholung” sei er hier, sagt Maik, der die Realschule in Wilnsdorf besucht, „,meine Eltern haben den Kurs entdeckt.” ´

Die Lerngruppe an der „Jungen VHS” ist fern von Prüfungspanik. Das freut Karin Schmidt, die gerade von Bankkauffrau auf Lehrerin umsattelt und mit der Einführung der zentralen Prüfung in NRW vor drei Jahren auch dieses Kursangebot „erfunden” hat: „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir Prüfungen zu absolvieren haben.” Der in der 10 folgt das Abi oder ein Einstellungstest. Folgende Generationen wachsen mit „Vera” heran, den „Lernstandserhebungen” in der dritten und achten Klasse. Und, schon im Kindergarten, dem Sprachtest „Delfin”. Die angehende Lehrerin ist vorsichtig mit dem Urteil darüber, was sie von solchen Normierungen im Schulleben hält. „Auf jeden Fall”, sagt sie dann, „machen die Prüfungen Schulleistungen transparenter und die Zeugnisse aussagekräftiger.”

Und die jungen Leute bekommen den Kick an den zehn Abenden, doch noch einmal Ordnung in das im Laufe der Jahre Gelernte zu bringen. Nachhilfe, betont VHS-Chef Winfried Hofmann, ist das nicht. Eher eine Gelegenheit, die Weiterbildungseinrichtung fürs ganze Leben schon einmal bekannt zu machen. Wobei die Attraktivität von Schulgebäuden als Unterrichtsort bei den jungen Erwachsenen-Jahrgängen nicht so groß ist wie bei den älteren. Und Mathe, jenseits dieser Prüfungsvorbereitung, schon gar nicht. „Die haben wahrscheinlich alle die Nase voll”, vermutet Hofmann.

Noch nicht. Marius, der Allenbacher, der die neunte Klasse an der Realschule in Erndtebrück besucht und in der Bahn viel Zeit zum Lernen hat, sucht sich den Würfel mit zwei Sechsen und vier Zweien aus. Maik übernimmt den von Leonard. Während die beiden würfeln, rechnet Hanna, Schülerin des Gymnasiums Stift Keppel, an der Tafel vor, was tatsächlich passiert. „Mathe ist nicht so mein Fach”, hat sie eben noch gesagt.

Karin Schmidt hält den Zeitpunkt für die Karteikarten für gekommen, auf denen sich die Neun nun die beiden „Pfadregeln” der Wahrscheinlichkeitsrechnung notieren. „Glücksspiel ist berechenbar”, merkt Frau Schmidt an. Da sage einer noch, man lerne nur für die Schule. Und der 19. Mai? Auch der Prüfungstag geht vorbei, beruhigt Karin Schmidt für den Fall, dass sich das Lampenfieber doch noch einstellt: „Viele sagen hinterher: Es war leichter, als wir gedacht haben.”

173 Kurse hat die Kreisvolkshochschule seit 2003 unter dem Titel „Junge VHS” angeboten - vom Englischkurs für Kinder im Grundschulalter bis zum Nähkurs für 12- bis 15-jährige Mädchen, von Yoga für Jugendliche bis zur Tastaturschulung am PC, vom Selbstsicherheitstraining bis zum Französisch-Konversationskurs. Der Trend der Nachfrage, so VHS-Leiter Winfried Hofmann, geht deutlich zum Fachbereich Fremdsprachen und zur Weiterentwicklung von Schulkenntnissen.

Die unter Zehnjährigen stellen ein Prozent, die Elf- bis 20-Jährigen vier Prozent der VHS-Hörerschaft, die 21- bis 30-Jährigen dann schon zehn Prozent. Mit 23 Prozent am stärksten vertreten ist in den VHS-Kursen die Altersgruppe der 41- bis 50-Jährigen. 17 Hörerinnen und Hörer waren 2008 älter als 90 Jahre.

Winfried Hofmann weiß, dass die „Junge VHS” aus einem nachvollziehbaren Grund nur eine begrenzte Reichweite haben kann: „Jugendliche, die aus der Schule kommen, wollen nicht sofort wieder in die Schule gehen.”

Steffen Schwab

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