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Prosatexte über abgestürzte Helden

20.10.2009 | 17:55 Uhr

Bislang ist Crauss dem an neuerer Literatur interessierten Publikum hier und anderswo durch Lyrik und Performance bekannt geworden. Jetzt erscheint im österreichischen Verlag Ritter ein Prosaband.

Die Titelgeschichte „Motorradheld abgestürzt” hat der Sammlung den Namen gegeben: „Motorradheld”.

Crauss. Foto: Crauss.

Das Attribut „abgestürzt” deutet die Intention des 38-jährigen Autors an. Abgestürzte Helden aus der Kinderzeit, Pop-Helden, Ikonen einer vergangenen Epoche, bestimmen den Stil und die Atmosphäre dieser Texte, in denen es um das Abschiednehmen von der Jugendzeit geht oder um die Schwierigkeiten, ein Erwachsener zu werden - ein starkes Thema.

Tasche mit Vergangenheit

Da kommt mehrmals eine „Umhängetasche” vor. Darin schleppt der junge Mensch alles Mögliche mit sich herum, was in der hinter ihm liegenden Epoche Bedeutung hatte und für den Eintritt in die neue Welt nur hinderlich sein könnte. Aber sich davon zu trennen ist so schwer.

Da zitiert Crauss mehrfach Dilthey, einen bedeutenden Geisteswissenschaftler des 19. Jahrhunderts, mit fundamentalen Aussagen zum Verhältnis der Generationen; doch nie kann man sich darauf verlassen, dass dieser wirklich gesagt hat, was jener ihm in den Mund legt. Crauss liebt es, vor den Augen seiner Leserschaft zu jonglieren, und verlässt sich darauf, dass diese klug genug ist, aufzufangen, was dem Autor dabei entglitten ist.

Überhaupt liebt er Montagen, auch im Fortgang seiner Erzählungen und Essays. Immer wieder konfrontiert er die Leser mit scheinbar unmotivierten Brüchen und Sprüngen.

Texte wie Zufallsprotokolle

Seine Texte lesen sich wie Zufallsprotokolle von einem, der aus dem Fenster auf einen Platz schaut, wo viele Menschen herumstehen, gehen, einzeln oder in Gruppen; und der Beobachter hat aufgeschrieben, was ihm hier oder dort interessant erschien - ohne zu fragen, ob es da Zusammenhänge gibt. Und plötzlich entdeckt der Leser Zusammenhänge, ohne dass der Autor sie ihm zeigen musste.

Man merkt: Crauss schreibt nicht in kausalen Zusammenhängen. Was sich ereignet, ereignet sich „aus diesem oder einem anderen Grunde” (so sagt er selbst). Was als Gedanke erscheint, ist hier festzumachen oder dort oder erscheint einfach nur so. Hat der Autor das immer im Griff?

Er selbst sagt: „Wenn mir etwas entgleitet, breche ich ab. Ich mute meinen Lesern zu, die Linie selbst fortzusetzen.” So zum Beispiel: „… mit vierzig, so schwörst du, willst du immer noch wachsen. allmählich wirds zeit; der druck der nacht steigert sich ins tropische ein winkel plüsch berlin wien nineteen seventeen fourteen ten - und Moby lügt!" Aber irgendwann wird der verlorene Faden wieder aufgenommen, vielleicht mit neuer Bedeutung im neuen Zusammenhang - fast wie im wirklichen Leben.

Crauss liest aus „Motorradheld” Freitag, 6. November, 22 Uhr in der Stadtbibliothek im Krönchen-Center und am Donnerstag, 26. November, 19.30 Uhr in der Bibliothek Neunkirchen

Knut Lohmann

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