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Grat zwischen Gut und Böse

09.02.2011 | 16:57 Uhr
Grat zwischen Gut und Böse

Siegen.Ein Bertolt Brecht- Stück in Siegen zur Aufführung gebracht, das war schon lange mal wieder fällig.

Die freie Theatergruppe „Drama statt Siegen“, die seit 16 Jahren Theater mit viel Niveau und Spielwitz macht, hat sich unter der Regie von Lars Dettmer das epische Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“ vorgenommenen, das am Dienstagabend in der Kleinen Bühne im Lyz Premiere hatte.

Straffe Regie und
tolles Ensemble

Trotz der langen Spieldauer gab es weder auf der Bühne noch im Publikum Anzeichen von Ermüdungserscheinungen. Die straffe Regieführung und eine vorzügliche Ensembleleistung ließen den ewigen Kreislauf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auf drastisch-unterhaltsame Art und Weise deutlich werden.

Der „Gute Mensch von Sezuan“ spielt in China, auch wenn Brecht bekanntlich keineswegs um eine exakte Schilderung von Land und Leuten bemüht war, sondern eher darum, dem von ihm dargestellten Sezuan Züge maximaler Allgemeingültigkeit zu verleihen. Und daran hält sich auch das Siegener Ensemble. Nur die Götter (Stephan Schür, Alexander Schintz, Levke Carstens), die die chinesische Provinz Sezuan besuchen, um in einer von Egoismus geprägten Gesellschaft gute Menschen zu finden, wirken durch ihre grelle Schminke fernöstlich entrückt.

Ansonsten ist alles einzig und allein der ungeschminkten Darstellung untergeordnet, wie der Mensch den Menschen ausbeutet. Selbst die ahnungslose Shen Te, eindringlich gespielt von Steffi Klein, die von den Göttern mit etwas Startkapital ausgestattet wird, weil sie hoffen, in ihr wenigstens einen guten Menschen zu finden.

Fragen nach der Gesellschaft

Doch Shen wird im Balanceakt zwischen selbstloser Wohltätigkeit und Geschäftstüchtigkeit aufgerieben. Um dem Anspruch der Götter gerecht zu werden, gut zu sein, ohne unterzugehen, wendet sie einen Trick an. Sie schlüpft in die Rolle ihres imaginären Vetters Shui Ta, den Christina Scholz mit einer gelungenen Mischung aus Gefühl und Härte spielt, der ihre Existenz retten soll. Am Ende wird deutlich, das Shen Te den Anspruch der Götter nicht erfüllen kann. „gut zu sein und doch zu leben“.

Hat das Gute im Menschen noch Platz in einer Gesellschaft, deren Fundament auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist? Welche Möglichkeiten hat der Mensch, nicht selbst unterzugehen, ohne anderen zu schaden? Können die Guten lange gut bleiben? Die Akteure von „Drama statt Siegen“ können darauf auch keine Antwort geben. Doch die Art, wie sie das zeitlose Stück von Brecht auf die Bühne bringen, ist – neben aller Religions- und Kapitalismus-Kritik – bestes Theater: spannend und unterhaltsam.

Helmut Blecher

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