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Dokumentation: „Jüdische Bürger im Netpherland”

Erst drangsaliert und dann ermordet

23.07.2009 | 22:00 Uhr
Erst drangsaliert und dann ermordet

Netphen. Am 27. Juli 1942 mussten auch Gustav und Clara Faber mit ihrer gerade 15-jährigen Tochter Anita Ruth Netphen verlassen. Die Fahrt, die am Siegener Bahnhof begann, endete zunächst in Theresienstadt. Am 29. Januar 1943 wurde die kleine Familie in Auschwitz ermordet.

Netphen. Am 27. Juli 1942 mussten auch Gustav und Clara Faber mit ihrer gerade 15-jährigen Tochter Anita Ruth Netphen verlassen. Die Fahrt, die am Siegener Bahnhof begann, endete zunächst in Theresienstadt. Am 29. Januar 1943 wurde die kleine Familie in Auschwitz ermordet. Am Jahrestag dieser Deportation wird der Historiker Peter Vitt in Netphen seine Dokumentation „Jüdische Bürger im Netpherland” vorstellen, die vom Heimatverein Netpherland herausgegeben wird.

Vitt, der zu den Mitbegründern des Netpherländer Heimatvereins gehört und inzwischen in Drolshagen lebt, knüpft an das Gedenken an die Familie Faber an, das die Stadt 2003 mit der Enthüllung einer Gedenkplatte auf dem Petersplatz sichtbar machte. „Meine Idee war es, den namenlosen Juden eine Geschichte zu geben.” Den Fabers, aber auch den Lennhoffs und den Honys, ihren gemeinsamen Vorfahren. Den Hirschs, den Krauls und den Rosensteins.

Dokumente aus den Archiven in Netphen, Plettenberg und Siegen, die Studien von Walter Thiemann und Klaus Dietermann hat Vitt gelesen. Zeitzeugen hat er zugehört - vor allem Eleonore Schmallenbach, Anita Fabers Freundin und Niedernetpher Klassenkameradin, als sie noch „Schöfersch Lori” gerufen wurde. Und dann war da das Fotoalbum der Familie Faber, das Raimund Wagener, der frühere Ortsvorsteher, dem Heimatverein übergeben hat. Vergeblich hatten Wageners Eltern Anita Fabers Cousin Heinz Lennhoff angeboten, ihn zu verstecken. „Ich gehe meinen Weg”, soll der 21-Jährige gesagt haben, der am 27. Februar 1943 seine Fahrt nach Auschwitz antreten musste.

Fleischeinkauf

bei Dunkelheit

„Er wusste, was los war”, glaubt Peter Vitt, dessen Blick an dem Porträtfoto des jungen, ernst blickenden Mannes hängenbleibt: „Das ergreift mich immer wieder.” Medizin hätte er studieren können, wenn er das Gymnasium in Plettenberg weiter hätte besuchen dürfen. Bei Fabers, den Verwandten in Netphen, die die eigene Metzgerei auch längst hatten schließen müssen, fand die Familie Zuflucht. Heinz arbeitete als Schweißer bei den Eisen- und Blechwarenwerken in Dreis-Tiefenbach. Am 27. April 1942 versuchte er, in den Zug in Siegen einzusteigen, dessen Passaggiere in Zamosc ermordet werden sollten. Seine Freundin Inge Frank aus Weidenau, mit der er sich am Abend zuvor verlobt hatte, musste ohne ihn abfahren.

Wissen, was los war: „Meine Oma hat früher bei den Fabers eingekauft”, berichtet der 1949 geborene Peter Vitt aus Erzählungen: „Jedes Mal war für die Kinder ein Stück Wurst dabei.” Einige Netphener ließen sich nicht beirren. Als die Nazis den Einkauf bei der jüdischen Metzgerei verboten, wurden Zettel mit den Bestellungen im Dunkeln abgegeben - und selbst dann fehlte das Stück Fleischwurst nicht, wenn die Waren am Abend später abgeholt wurden. Ein Wagnis: Das Parteihaus mit dem SA-Quartier, zu dem die Nazis das von Carl Weyland eigentlich für ein Krankenhaus gestiftete Haus am Petersplatz umfunktioniert hatten, lag fast in Sichtweite des Geschäfts an der Lahnstraße 4. Andererseits: Als die jüdischen Bürger jeglichen Schutz verloren, kannte die Gier auf Häuser und Grundstücke keine Grenzen. „Da gab es eine ganze Reihe raffgieriger Leute in Netphen.”

Orte: Das Haus Otterbach an der heutigen Kronprinzenstraße war das erste Haus der Familie Hony in Netphen. Nebenan, in der heutigen Bäckerei, wohnten später Max und Margot Hirsch, die 1935 in die Niederlande emigrierten. Als Clara Hony, Enkelin des aus Bad Laasphe stammenden Meier Hony, 1923 Gustav Faber heiratete, den Metzger und Viehhändler aus Ochtendung, kaufte das Paar das „Kapitänshaus” an der Lahnstraße 4. In Obernetphen, nahe dem katholischen Pfarrheim und gegenüber dem Netpher Hof, wohnte Claras Onkel Simon. Und fast gegenüber Alfred Kraul, der mit seiner jüdischen Ehefrau Natalie 1936 in deren Kölner Heimat zurückkehrte, von wo ihnen die Emigration gelang.

„Jägerhof” ist

heute Gemeindehaus

Der „Jägerhof”, ihr Hotel an der Lahnstraße, ist heute evangelisches Gemeindehaus. Von der Verfolgung betroffen war auch Ludwig Rosenstein, der mit Ehefrau Elisabeth und vier Kindern in Werthenbach lebte. Die Familie war katholisch, doch als getaufter Jude wurde Rosenstein gemeinsam mit seinem ältesten Sohn Rolf ins KZ Theresienstadt verschleppt. Nach ihrer Freilassung blieben sie unbehelligt, 1949 emigrierte die Familie zu Verwandten in die USA.

Ein Jahr lang hat Peter Vitt an dem „Heftchen”, wie er sein Werk selbst bescheiden nennt, gearbeitet. In seinem neuen Lebensabschnitt nach dem aktiven Berufsleben hat den Diplom-Kaufmann die Historie gepackt - die Promotion über die Industrialisierung im Amt Netphen ist in Arbeit. Sein Ziel, den Juden in Netphen Namen und Geschichte zu geben, hat er erreicht. Fast: Nur über die zwei jüdischen Bürger, die bis 1925 in Brauersdorf lebten, hat er nichts erfahren können.

Peter Vitt stellt seine Dokumentation am Montag, 27. Juli, 18 Uhr im Heimatmuseum Netphen vor.

Steffen Schwab



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