Das aktuelle Wetter Moers 13°C
Personalie

Kaffee, Kippe, Klappe

29.06.2012 | 18:27 Uhr
Kaffee, Kippe, Klappe
Fritz Burger geht gern in die Röhre, und lässt sich dort schon mal von Tochter Fania bedienen. Foto: Markus Weißenfels

Moers.   Am Freitag dreht Fritz Burger an der Europaschule Gymnasium Rheinkamp die letzte Szene. Und die Moerser Schulszene ist um einen echten Typen ärmer.

Natürlich eigenwillig. „Nee, komm, treffen wir uns doch lieber in der Röhre.“ Kult-Kneipe statt Direktorenbüro. Passt. Fritz Burger ist ein Unikum. Einer, den die einen respektieren, die Kollegen und Eltern, die anderen, die Schüler nämlich, schlicht mögen. Und eben auch einer, der bei einigen Schul-Offiziellen in Düsseldorf oder bei der Stadt so beliebt ist wie Fußpilz. Weil er sich sich nicht an das Bürokratie-Monster Bildungssystem anpasst, im Wald der Regelungen und Vorschriften die Axt auspackt, wenn es seinen Schülern hilft. Am Freitag geht der 62-Jährige in die passive Altersteilzeit.

Sein Steckenpferd nimmt Burger mit: die Bürokratie. Und er kann so herrliche Geschichten darüber erzählen. Oder besser: dagegen. Das ist wohl so, wenn man lange Zeit selbst Teil der Regulierungsmaschine im Bildungswesen war. Nach jeweils zehn Jahren an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule und dem Gymnasium Filder Benden landete der Moerser als wissenschaftlicher Referent erst beim Schulministerium, dann im Landtag. Reden schrieb er, unter anderem für Peer Steinbrück. „Aber das bitte nicht schreiben“, sagt er, und wir halten uns nicht dran. Burger spricht viel und gern, aber ungern über sich selbst. Am liebsten über den Amtsschimmel, gegen den er eine innige Abneigung entwickelt hat über die Jahre. Ein Buch will er schreiben, ab Freitag ist ja Zeit dazu.

Schuldirektor Fritz Burger in der Gaststätte (Kneipe) Röhre in Moers. Foto: Markus Weißenfels

Darin stehen dann sicher so kuriose Geschichten wie diese: „Früher hab’ ich erkrankte Kollegen zu Hause besucht, Schokolade oder ein Buch vorbeigebracht. Jetzt müsste ich darüber ein Protokoll anfertigen, das wir dann beide unterschreiben, also lass ich’s. Wir werden hier zielsicher entmenschlicht!“ Oder diese: „Wenn die Klassenpflegschaft dem scheidenden Lehrer als Dank eine Flasche Wein schenken will, darf der das erst nach der Zeugnisausgabe annehmen. Und das auch nur dann, wenn es für ihn denkbar ist, dass eine Ablehnung – Achtung Wortlaut – die Gefühle des Zuwenders verletzten würde“, grinst Burger. „Ach so, die Flasche muss zum ortsüblichen Preis sein.“ 80 Prozent der Erlasse schmeiße er in den Papierkorb. „Das ist erstens nicht zu vermitteln und zweitens in ein paar Wochen auch schon wieder überholt.“

Dass das Bildungssystem an Erbsenzählerei krankt, hat laut Burger zwei Gründe. Selbstbeschäftigung eines Wasserkopfs und folgende These: „Das Recht des Individuums zählt zunehmend mehr als das der Gesellschaft. Das kommt aus Amerika“, erklärt der Pädagoge und meint damit die Klagewut Einzelner nach dem Motto: Auf der Verpackung stand nicht drauf, dass man die Reißnägel nicht herunterschlucken soll. „Also verschärft man ständig irgendwelche Regeln, um Präzedenzfälle sofort wieder einzufangen.“

Fritz Burger sagt solche kniffeligen Dinge ohne Rücksicht auf sich selbst. Nicht jetzt, kurz vor der Pensionierung, sondern schon immer. Einer, der den mächtigen Moerser Schuldezernenten Hans-Gerd Rötters dazu bringt, sich beim Bildungsministerium über den ungehorsamen Schulleiter zu beklagen, macht sich nicht nur Freunde. Burger weiß das und es ist ihm schnuppe, solange es seinen Schülern hilft. Über seinen Spezi sagt Burger heute: „Wenigstens ist er kompetent.“

Bei der Europaschule ist der Mann jetzt seit acht Jahren Direktor. Und Architekt eines neuen Kollegiums, 50 Lehrerinnen und Lehrerinnen hat er sich seither ausgesucht. Das faire Miteinander, sagt er, sei ihm wichtig. Dazu gehört, dass der Zigaretten-Freund nie seine Schüler in die Pfanne haute, wenn er etwas in der Raucherecke aufgeschnappt hatte. Sein Selbstbild: „Ich glaube, die Schüler vertrauen mir.“ Er findet, es sei gelungen, die Schule menschlicher zu machen. „Das ist doch das wichtigste. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann müssten alle Lehrer bei ihrer Verbeamtung schwören, dass sie fair mit den Schülern umgehen.“

Burger also geht und behauptet: „Ich kann saugut loslassen.“ Ob’s stimmt, weiß er allein.

Michael Passon



Kommentare
29.06.2012
23:53
Kaffee, Kippe, Klappe
von BananenrepublikBRD | #2

Menschlichkeit wird leider immer seltener in unserer Gesellschaft. Solche Originale sterben langsam aus. Schön zu wissen, dass das in dieser schnellen Welt noch fähige Menschen gibt, die sich dem täglichen Irrsinn widersetzen. Ich wünsche Herrn Burger ebenfalls einen verdienten Ruhestand und alles Gute. Wenn ich Sie mal in der Röhre sehe, werde ich Ihnen mal eine ordentliche Zigarette ausgeben. Diese Camel schmecken doch gar nicht... ;-)

29.06.2012
23:14
Kaffee, Kippe, Klappe
von DerBeutemuelheimer | #1

Ich kann mich noch sehr gut an Herrn Burger als Deutschlehrer errinnern. Ich wünsche Ihm, in seiner nun reichlich vorhandenen Freizeit, viel Spass.

Aus dem Ressort
Wenn schon, dann richtig
Klartext
Es sind große Herausforderungen, vor denen die Stadt Kamp-Lintfort steht. Das Tempo, in dem sie sich von einer größtenteils durch den Bergbau geprägten Stadt in einen Hochschulstandort verwandelt, ist atemberaubend. Im Rathaus wartet man nicht wie anderenorts auf Investoren, sondern krempelt die...
Auch Neukirchen-Vluyner Landwirt fürchtet um die Ernte
Landwirtschaft
Von einem Drama sprechen die Landwirte, was die Kartoffelernte angeht. Die Preise sind im Keller. Die Produktionskosten sind ungewöhnlich hoch und nun kommt auch der Dauerregen dazu, weshalb man mit den Maschinen nichts aufs Feld kann. Mancherorts drohen die Knollen in der Erde zu „ersaufen“.
Giftige Hinterlassenschaft
Umwelt
Vor dem Wahlkampf waren die Altlasten der Kokerei ein Thema. Und jetzt?
Zunker-Gebäude weichen Eigenheimen
Stadtentwicklung
An der Kaiserstraße in Vinn leistet der Abrissbagger ganze Arbeit. Auf demGrundstück entstehen sieben Doppelhäuser und ein Einfamilienhaus. Fortschritt sieht Projektentwicklerin Brigitte van der Jagt auch auf ihrer zweiten Baustelle in Moers: der Grafen-Galerie.
Abriss des Terheydenhauses in der Moerser City steht nicht mehr zur Debatte
Stadtentwicklung
Die Überlegungen, das Terheydenhaus am Kastell abzureißen, sind vom Tisch. Dies ist die Konsequenz aus einem Brief des NRW-Bauministeriums. Die Behörde hatte ihre Zuschüsse für den Umbau des Weißen Hauses und des Schlossplatzes in Frage gestellt, wenn das Terheydenhaus abgerissen werden sollte.
Fotos und Videos