Wo Jugendliche Tacheles reden können
20.11.2009 | 18:02 Uhr 2009-11-20T18:02:00+0100Kamen. „Darf ich um Ruhe bitten? Wir haben Besuch”, werden die Achtklässler der Gesamtschule vom Lehrer ermahnt, während sie die Besucher, die ihnen als „Streetworker” vorgestellt werden, skeptisch mustern.
„Streetworker sind doch eigentlich nur auf der Straße unterwegs”, lautet deshalb auch gleich die erste kritische Frage an Inga Sengwitz und Christoph Brandhorst. „Nein, das sind nur die Streetworker im Fernsehen”, erklärt die 23-Jährige lächelnd und beschreibt den interessierten Schülern, dass sie mit ihrem Kollegen nicht nur „auf der Straße” nach dem Rechten schaut, sondern auch in den Freizeitzentren arbeitet, an Schulen Sprechstunden anbietet und Events wie das „Dance Votum” organisiert. Doch die Party für Minderjährige sorgt gleich für genervtes Stöhnen unter den Schülern. „Da gehen doch nur kleine Kinder hin”, so die einhellige Meinung der Achtklässler. Aber die beiden Streetworker freuen sich auch über offene Kritik: „Nur so können wir Angebote jugendgerecht gestalten.” Wer Streit mit Freunden, Probleme mit einem Lehrer oder Zoff in der Familie hat, ist bei den beiden Studenten an der richtigen Adresse. Inga Sengwitz und Christoph Brandhorst bieten Jugendlichen eine Anlaufstelle, wenn Eltern und Lehrer nicht der richtige Ansprechpartner sind. Sie stehen Jugendlichen in Konfliktsituationen zur Seite, bieten Sprechstunden für alles, was Teenager so bewegt, oder hören auch einfach mal nur zu. „Wir reden mit euch und versuchen zu helfen, aber wir sind nicht die Polizei”, erklärt Inga Sengwitz und verweist auf ihre Schweigepflicht. Das fördert das Vertrauen der Jugendlichen und ist unerlässlich für die Arbeit der beiden Streetworker. Inga Sengwitz versichert den Achtklässlern: „Was ihr uns erzählt, wird nicht verpetzt.”
Nach der Vorstellungsrunde in den 8er Klassen legen Inga Sengwitz und Christoph Brandhorst eine kurze Kaffeepause ein. „Muss auch mal sein.” Trotz der stressigen Phasen macht ihnen die Arbeit mit den Jugendlichen Spaß. Angefangen haben die beiden Studenten mit einem Praktikum im Jugendfreizeitzentrum. Darauf folgte der Job beim Förderverein Jugendhilfe. Was die beiden Streetworker an der Arbeit „auf der Straße” reizt? „Dass man helfen und etwas bewegen kann”, steht für Christoph Brandhorst fest. Nach dem Studium wollen beide auch beruflich in die soziale Arbeit einsteigen. Bis dahin kümmern sie sich weiter um die Sorgen, Probleme, aber auch den Spaß der Jugendlichen. Dazu gehören auch die Streifzüge entlang bekannter Teenager-Treffpunkte und über Stadtfeste. An diesem Nachmittag sind die beiden auf der Pflaumenkirmes in Methler unterwegs und treffen gleich auf bekannte Gesichter „Das ist in erster Linie Kontaktpflege, kein Kontrollgang”, erklärt Inga Sengwitz. Als nächstes schlendern die Streetworker am „Auto-Scooter” vorbei. „Hier treffen sich die meisten Jugendlichen, da kann es auch schon mal Stress geben”, sagt Christoph Brandhorst. Heute ist aber alles ruhig. Die Streetworker kommen gut an in der Jugendszene. Nach dem Kirmesbesuch geht es für Inga Sengwitz und Christoph Brandhorst noch ins JFZ an der Lüner Höhe, bevor ein langer Tag zu Ende geht. Feierabend haben die beiden aber nie. Denn auch nach getaner Arbeit stehen die beiden per Handy für die Sorgen der Jugendlichen zur Verfügung, versichert Inga Sengwitz: „Wenn jemand Probleme hat, haben wir immer ein offenes Ohr.”
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