Arbeit der Betriebsräte ist keine Seuche
20.01.2010 | 18:06 Uhr 2010-01-20T18:06:00+0100Deutschland hat ein neues Unwort. In Zeiten, in denen Gewerkschaften und Betriebsräte täglich gegen Dumpinglöhne, Ausbeutung und Insolvenzen ankämpfen, setzte sich „betriebsratsverseucht” gegen 982 weitere Vorschläge durch.
„Ich musste mich zwar auch erst schlau machen, woher der Begriff kommt, aber ich finde die Wahl dennoch gut. Sie macht deutlich, welche Einstellung Arbeitgeber auch im 21. Jahrhundert noch gegenüber ihren Mitarbeitern und deren Interessensvertretungen haben. Auch bei uns im Laden mag es einige Herrschaften geben, die sich mit dem Begriff anfreunden könnten”, ist sich Gerold Vogel, Betriebsratsvorsitzender von Hoesch-Federn in Hohenlimburg, sicher. Dabei hätten die Betriebsräte keine andere Aufgabe, als die gesetzlich verbrieften Rechte der Arbeitnehmer durchzusetzen. „Wer das, auf welchem Wege auch immer, verhindern will, der muss sich doch fragen lassen, wohin das unsere Gesellschaft führt.”
Vogel weiß aus eigener Erfahrung, dass Betriebsräte für den Erhalt von Arbeitsplätzen immer wieder Kompromisse eingehen müssen. „Bei uns als Automobilzulieferer sieht es zurzeit sehr traurig aus. Ich habe für kommende Woche Oberbürgermeister Dehm und die SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft zu Gesprächen ins Werk eingeladen.”
Für überzogen hält Hagens IG-Metall-Bevollmächtigter Hubert Rosenthal die Wahl des Unwortes: „Die Leute, die solch ein Wort in den Mund nehmen, die wissen doch gar nicht, was Betriebsräte heute in den Unternehmen leisten müssen. Die Aufgaben sind vielfältiger geworden und es fahren mit Betriebsrat und Geschäftsführung auch nicht mehr Züge aufeinander zu, wie das vielleicht früher einmal war.” Ausreißer gebe es immer wieder, im Bezirk überwiege aber die vertrauensvolle Zusammenarbeit. „Ein gutes Beispiel ist Theis. Dort arbeiten die Betriebsräte mit daran, dass es mit dem Unternehmen weiter geht.”
Für Claus Rudel, Betriebsratsvorsitzender der Sewag-Netze mit 400 Mitarbeitern, regt das neue Unwort zum Nachdenken über einen wichtigen Teil unserer Demokratie an. „Mich erinnert das an die Deutsche Bank und das Wort Peanuts. Ich wünsche mir jetzt eine ähnlich große Empörung über Menschen, die die Rechte von Arbeitnehmern mit Füßen treten.” Dabei, so Rudel, müsse man aber auch sehen, dass die meisten Arbeitgeber mittlerweile erkannt hätten, dass eine gute Zusammenarbeit mit den Betriebsräten zum Nutzen des Unternehmens ist. „Wir sind es doch letztendlich, die Umstrukturierungen, Versetzungen oder im schlimmsten Fall Entlassungen mittragen und gegenüber den Mitarbeitern dann auch vertreten müssen.”
Dass die Betriebsräte heute in vielfältiger Weise für das Wohl eines Unternehmens eintreten, das sieht auch Tanja Grahl vom Betriebsrat C.D. Wälzholz. „Wenn man dann mit so einem Wort dermaßen abgewertet wird, dann ist das schon eine große Unverschämtheit.”
Die Jury, so die Erläuterung nach der Wahl, sieht in dem Unwort „einen sprachlichen Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen“. In der ARD-Sendung „Monitor“ hatte der Mitarbeiter einer Baumarktkette geschildert, dass Abteilungsleiter Mitarbeiter als „betriebsratsverseucht“ bezeichnen, die von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln wollen.
0mitdiskutieren