Vom Schornstein an die Kaffeetafel
12.03.2010 | 18:52 Uhr 2010-03-12T18:52:00+0100
Wenn man Jeanine Klassen so ansieht, vermutet man eher nicht, dass sie keine Probleme mit Schmutz und schwindelerregenden Höhen hat. Die junge Gevelsbergerin ist jedoch angehende Schornsteinfegergesellin – und hat ihren Traumberuf gefunden.
„Mein Stiefvater ist Schornsteinfeger und hat mich früher oft mitgenommen”, erzählt die 21-Jährige. Dabei habe ihr das Besteigen teilweise sehr steiler Dächer nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil: Da, wo andere Menschen Leuten wie Jeanine Klassen gerne den Vortritt lassen, beginnt ihre Arbeit erst so richtig.
„Manche Dächer sind nicht ungefährlich”, hat sie in ihren bisherigen zweieinhalb Ausbildungsjahren schon festgestellt. Im Sommer stehen die Abschlussprüfungen an, danach soll es zur Meisterschule nach Dülmen gehen. Auf die Idee, Schornsteinfegerin zu werden, kam Klassen während eines Nebenjobs an einer Tankstelle. „Ein Schornsteinfeger kam in den Laden und ermutigte mich, den Eignungstest zu machen.” Und den bestand sie mit Bravour.
Die häufigste Frage, die sich die Gevelsbergerin im Beruf stellen lässt, ist mit Abstand die nach dem Grund ihrer Tätigkeit. „Bei vielen Leuten herrscht noch immer das klassische Bild vom rußbefleckten, schwarzen Mann vor”, schmunzelt die Auszubildende, „ich werde dann immer gefragt, wie ich denn dazu käme und wieso ich nicht in einem warmen, sauberen Büro arbeiten würde.”
»Die erste Meisterin in der Region gab es schon 1972.«
Doch die Dächer ihres Bezirks Hagen-Haspe würde sie gegen kein Büro der Welt eintauschen wollen. „Außerdem ist das gar nicht so untypisch. Die erste Meisterin in der Region gab es schon 1972.”
Unter Anleitung ihres Chefs, dem Bezirksschornsteinfegermeister Torsten Wahl aus Ennepetal, lernt Jeanine Klassen den richtigen Umgang mit dem „Kugelschlagapparat”. Das ist der Name der Kette, an der die mit Gummi ummantelte Metallkugel hängt, die zur Beschwerung dient. „An dieser Kette ist die Sterneinlage befestigt”, erklärt Jeanine Klassen ihr Arbeitswerkzeug.
Die Sterneinlage ist die Rundbürste, mit der ein Schornsteinfeger den Schlot reinigt. Dabei, so Jeanine Klassen, müsse man unterscheiden, welche Sterneinlage man für welchen Schornstein benutze. „Bei Steinabzügen muss die Bürste aus Edelmetall sein.” Das diene der Schonung des Abzugs. Bei Gasabzügen seien die Borsten aus Perlon.
Die letzten Monate waren für Jeanine Klassen und ihre Kollegen besonders hart. Auf den Dächern weht immer ein ordentlicher Wind. Klassens Tipp: „Warmarbeiten, direkt richtig loslegen. Dann friert man nicht.” Eine Gefahrenzulage oder eine Wetterpauschale erhält die sympathische Blondine nicht. Sofern es geht, muss sie auch bei Schnee oder Regen auf's Dach.
Die nötige Motivation dafür zieht sie aus dem für sie schönsten Aspekt ihrer Tätigkeit: „Der Kontakt mit Menschen ist das Besondere. Viele freuen sich, wenn wir zu ihnen kommen. Manchmal gibt es dann auch Kaffee und Kuchen.” Auch seien sich noch viele Leute sicher, dass Schornsteinfeger Glück brächten.
So wird Jeanine Klassen auch häufig gefragt, ob man ihr über die Schulter spucken oder an einem ihrer Knöpfe drehen dürfe. „Und wenn die Leute ganz lieb sind, bekommen sie auch mal ein Küsschen von mir.” Auch das gehört neben dem Schornsteinfegen und der Wärme- und Energieberatung zu den Pflichten eines jeden Schornsteinfegers – und erst recht einer jeden Schornsteinfegerin.
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