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Ein Abend zum Mitmachen und Innehalten

24.01.2010 | 20:03 Uhr
Ein Abend zum Mitmachen und Innehalten

Gevelsberg. „Wer andere zum Lachen bringen kann, muss ernst genommen werden; das wissen alle Machthaber”, sagte Werner Finck, deutscher Kabarettist vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ernst genommen wurden die kleinen und großen Machtinhaber der NS-Zeit in Deutschland, aber gerade deshalb ließ es sich auch vortrefflich über sie lachen – nur sollte das im Stillen geschehen, sonst drohte Haft und Lager. „SOS- Schweigen oder Sitzen” war so ein stiller Witz in den 30er Jahren in Deutschland. „Führer befiehl, wir tragen die Folgen” ein anderer. „Diese Witze zeigen aber auch, die Ausrede, das hat niemand gewusst, kann nicht stimmen”, resümierte Jürgen Taake gleich zu Beginn des satirischen Programms im „filmriss”.

Der kabarettistische Abend im Rahmen der „Woche für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt” mit Thomas Scherffig, Jürgen Taake und Norbert Neukamp am Klavier „…und dann will es keiner gewesen sein! – Humor, Lieder und Satire in der NS-Zeit” bot einen kleinen, aber feinen Querschnitt durch die Kultur derer, die nicht mehr als Kulturschaffende, politische Opposition oder gar als Staatsbürger anerkannt waren. Zum zweiten Mal zeigte das Trio das satirische Programm. Lieder des Widerstands, des Durchhaltens, der Sehnsucht und der Ironie waren die Waffen derjenigen, die eben diese nicht vor der Diktatur strecken wollten. Und die Diktatur fürchte die Kraft der Witze und der Ironie, die die ernst Herren eben nicht ernst nahm und auch über Goebbels anatomische Fussfehlstellung witzelte: „Lügen haben kurze Beine.” „Die Moorsoldaten”, entstanden im KZ Börgermoor, ist so ein Lied des subtilen Widerstands, das es bis heute im Liederbuch so mancher linken Gruppierung gibt. „Bella ciao”, das Lied der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg ebenso. Thomas Scherffig verstand es als Sänger den Trotz des Partisanen ebenso darzustellen, wie die vertonte sehnsuchtsvolle Hoffnung auf ein Heimkommen der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber, die letztendlich im KZ Auschwitz umgebracht wurde. Norbert Neukamp begleitete am Klavier, Jürgen Taake lieferte historische Informationen über Werk und Leben der Künstler. Das Trio verband die eigene Darstellung mit Einspielungen alter Tondokumente unter anderem von Claire Waldoff.

Finck, Tucholsky, Kästner, Bruno Balz, Michael Jary und viele mehr versuchten auch gegen die Widerstände der Kulturbestimmenden die eigene, kritische Kunst, sei es Literatur, Musik oder Kabarett zu zeigen. Unvergesslich deshalb auch der legendäre Satz Werner Fincks zu einigen Gestapo-Leuten in seinem Publikum, die fleißig Notizen machten: „Soll ich langsamer sprechen? Kommen sie mit oder muss ich mitkommen?”.

Finck muss letztendlich, wie auch der homosexuelle Komponist Bruno Balz, mitkommen. Beide verbüßten Haftstrafen. Finck wegen seiner progressiven Programme, Balz wegen seiner Homosexualität. Bruno Balz war der kreativste Komponist seiner Zeit. Über 1000 Kompositionen schuf er, darunter „Kann den Liebe Sünde sein” und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern” – Lieder, die auch das Publikum im „filmriss” begeistert mitsang.

Es war ein Abend zum Mitmachen, aber auch zum Innehalten über bis heute unvorstellbare Grausamkeiten, deren Dominanz auch im Alltag nur mühsam mit Witzen übertüncht werden konnte. Trotz allem, Lachen war und ist erlaubt – auch, wenn es manches Mal im Halse stecken bleibt. So sahen es auch die rund 50 Gäste des kabarettistischen Abends, die klatschen, mitsangen und lachten über Witze, die mehr als 60 Jahre alt sind.

Die Aktionswoche für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt wird heute um 18 Uhr im Ratssaal offiziell eröffnet. Als Referent gibt Ralf-Erik Posselt von der Gewaltakademie Villigst eine Einführung.

Ina Blumenthal

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