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Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß

21.05.2012 | 12:00 Uhr
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
Foto: Remo Bodo Tietz

Essen.   Überall in der Stadt laufen die Vorbereitungen auf die Fußball-Europameisterschaft und ihre mediale Begleitung. „Public Viewing“ aber ist nicht nur beliebt, sondern auch teuer. Deshalb bleibt mancherorts die Leinwand weiß.

Philip Lahm ein Ladenhüter? Ja, es ist die bittere Wahrheit, die Javier Villalba erzählt. Die Fans lesen lieber die Namen Marco Reus oder Mario Götze auf ihrem nigelnagelneuen Trikot, sagt der Leiter der „Fan & more“-Filiale am Kornmarkt stolz: „Schweinsteiger ist mein Lieblingsspieler.“ Eigentor oder nicht: Über Vorlieben im Fußball lässt sich streiten. Noch läuft sich die Fan-Gemeinde warm, bis zum Anpfiff, auch den gegenseitigen: Am 9. Juni startet die deutsche Elf in die Europameisterschaft mit dem Match gegen Portugal um 20.45 Uhr. Bereits begonnen hat der Vorverkauf fürs Rudelgucken der drei deutschen Vorrundenspiele in der 11-Freunde-EM-Arena in der Grugahalle . Unübersehbar laufen in der Stadt die Vorbereitungen: Merchandising-Artikel füllen seit Ende vergangenen Jahres die Regale der Kaufhäuser und auch Gastronomen überlegen, wie sie sich ein Stückchen vom lukrativen EM-Geschäft sichern können.

NRZ-Fan-Aktion zur Fußball-EM
„Da machen Sie sich ja kein Bild von“ – aber wir!

Sie sind gewappnet fürs Rudelgucken? Neues Trikot gekauft? Hüte in Landesfarben? Dazu Schminke, dass es bis zum Finale reicht? Schwarzes T-Shirt, knallrote Hose, goldene Turnschuhe – und über allem die Sorge, dass es keinen schert? Doch, uns! Sorgen Sie sich um Ihr Outfit in der zur EM-Arena umgebauten Grugahalle, wir kümmern uns darum, dass Ihre Fanausstattung der Nachwelt erhalten bleibt. Die NRZ wird bei den Spielen der Jogi-Truppe in der EM-Arena mit von der Partie sein: In einer Foto-Fan-Ecke lichten wir Sie mit Ihren Fan-Freunden kostenfrei ab und sorgen dafür, dass die Bilder später digital zur Verfügung stehen. Fürs Album und Sätze wie: Guck mal, das bin ich 2012, als wir Europamei...

„Die Trikots der Jungstars Götze und Reus laufen einfach sehr gut“, erzählt Javier Villalba. Alle anderen potenziellen Kader-Mitglieder muss man für die Beflockung bei ihm vorbestellen – und im Voraus bezahlen. Nur bei beiden BVB-Profis eben nicht. Und da wäre noch die Qual der Farbwahl: Nehme ich als Fan das klassische Weiße (Heim) oder das neue Grüne (Auswärts) mit dem Retrocharme der EM 1972? „Letzteres ist Kult“, sagt Thomas Schulte von „Karstadt sports“. Der Verkauf habe schon gut angezogen. Etwas verhaltener reagiert Ralf-Peter Irrenberg von der „Galeria Kaufhof“: „Jetzt kommt erst noch das Pokalfinale und das Champions League-Finale. Dann geht’s los.“

Mit der „wohl größten Leinwand in Deutschland“ wirbt Thomas Siepmann fürs Rudelgucken in der Grugahalle. Der Platzhirsch bietet eine Leinwand die „über 100 Quadratmeter groß ist“. Für Sicht-eingeschränkte Plätze gibt’s dieses Mal noch zwei an der Seite. Das Konzept setzt auf den Mix aus Bierzelt-Garnitur und Wohnzimmer im Stile des gemütlichen Gelsenkirchener Barocks. Wie schon beim EM-Finale 2008 werden auch die Ränge genutzt. Ab 17 Uhr will man die Türen öffnen, zum Aufwärmen können sich Besucher das andere Gruppenspiel anschauen oder Talkrunden lauschen. Zugesagt haben schon Schalke-Profi Christoph Metzelder und Kultkicker Hans Sarpei. Für rund 6300 Zuschauer ist laut TAS Platz. Ein Tagesticket kostet fünf Euro an der Abendkasse, der Tisch für eine Gruppe 199 Euro pro Spiel, inklusive zweier Fünf-Liter-Fässchen. Details: www.em-arena-essen.de.

Scheitern die deutschen Kicker, dürfte das Märchen zu Ende sein: „Das ist unsere unternehmerische Entscheidung. Dann ist die Stimmung runter und keiner will mehr Fußball gucken“, meint Siepmann. Bis zum Finale plant er dennoch – muss er.

EM-Partys auch finanzielles Großereignis

Während für das Rudelgucken in der größten Essener Veranstaltungshalle ordentlich Geld in die Hand genommen wird, pro Quadratmeter Leinwand muss TAS 65 Euro an die UEFA überweisen (siehe Kasten), müssen andere Essener Einrichtungen auf große Veranstaltungen verzichten. „Bei der Weltmeisterschaft 2010 sind wir fast vom Hocker gefallen, als wir die Preise gesehen haben“, erinnert man sich in der Borbecker Dampfbierbrauerei. Für dieses Jahr habe man deshalb kein Fußballfest für die 12.000 Quadratmeter große Lokalität geplant.

Rudelgucken
Je größer, desto teurer

Das „Rudelgucken“ ist mittlerweile ein großes Geschäft für die Organisatoren geworden. Der europäische Fußballverband UEFA hat das erkannt und kassiert ab: Wird Eintritt genommen, werden Getränke und Speisen verkauft oder verfolgen mehr als 150 Leute die Spiele, muss gezahlt werden: Von mindestens 35 Euro pro Leinwand-Quadratmeter für eine Leinwanddiagonale bis 15 Metern, bis zu 65 Euro bei Übertragungen auf mehr als 50 Quadratmeter Bildfläche. Nur wer im kleinen Rahmen und ohne kommerziellen Zwecke plant, kommt kostenfrei davon.

Auch die polnische Gemeinde St. Clemens Maria Hofbauer in Altendorf verzichtet trotz Gastgeberschaft des Heimatlands auf große Aktionen. Die Spiele des polnischen Teams werden ebenfalls in der Grugahalle übertragen – und sollen etwa die 17.759 in Essen lebenden Polen sowie Landsleute aus dem Revier anlocken. „Eine eigene Veranstaltung lohnt nicht“, verlässt man sich an der Hirtsieferstraße 13 auf die Anziehungskraft des Großevents.

Anders sieht man das in der St. Mariä Heimsuchung-Gemeinde in Überruhr. Zum zweiten Mal wird dort das Gemeindezentrum zur Fanmeile. Da nur etwa 150 Personen Platz finden, muss das Event zwar nicht bei der UEFA angemeldet werden, für das zehnköpfige Organisationsteam der örtlichen Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) bleibt dennoch genug Arbeit, um die kostenfreie Aktion im Hinseler Feld 66 vorzubereiten. Der Nachbarstadtteil ist da Warnung genug: In Burgaltendorf findet zur EM 2012 erstmals seit acht Jahren kein „Rudelgucken“ mehr statt. „Es haben sich einfach nicht mehr genügend Organisatoren gefunden“, erklärt die dortige KJG. Was die Überruhrer wiederum freut: „Durch den Wegfall dort wird es bei uns sicherlich noch voller als bei ersten Mal zur WM 2010,“, blickt Mit-Organisator Alexander Mindermann vorraus.

Desinteressierte können sich im Übrigen auf die Essen Marketing GmbH verlassen. Die wird im Sommer zahlreiche Veranstaltungen fernab des runden Leders aufzählen, sagt Sprecherin Ina Will. Doch ganz entziehen kann man sich dem Ball auch nicht: Im Internet werden Fußballfeste unter der Rubrik EM aufgelistet: www.event.essen.de .

Von Clemens Boisseree und Tim Walther


Kommentare
23.05.2012
15:48
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von 1980yann | #5

@3
Der Begriff PUBLIC VIEWING ist nicht falsch - er existiert in der englischen Sprache!
Er bedeutet sogar fast dasselbe: viele Menschen versammeln, um gemeinsam etwas zu betrachten. Sie müssen nur die Großbildleinwand durch einen aufgebahrten Toten ersetzen!
Statt des enganliegenden viel zu kleinen Rucksacks, wie er Anfang des Jahrtausends gerne unter der Bezeichnung BODY BAG verkauft wurde, ist dann aber korrekterweise auch ein Leichensack das passendere Mitbringsel.

Ich hab persönlich nichts gegen Anglizismen - aber sie sind da hochgradig peinlich, wo sie nur noch Fragmente der englischen Sprache wild zusammenwürfeln und ohne Sinn und Verstand nur noch auf den Effekt setzen!

22.05.2012
11:03
Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von Traumprinz | #4

Ist dieser Bericht nicht ein bisschen Einseitig geschrieben in Richtung Grossveranstaltungen
Ich vermisse hier aber auch Ihre Berichterstattung über die Kleine Kneipe um die Ecke , die nur noch Überleben kann wenn wenn ein Flat an der Wand hängt und durch den Bezahlsender SKY in Gang gesetzt wird.
Durch eine Starke Preiserhöhung vor einigen Monaten von Seitens SKY werden dort wohl einige Bildschirme und Leinwände weiß bleiben.
weil eine Preiserhöhung von bis zu 300 % pro Monat nicht mehr auf die Getränkepreise umgelegt werden können
Herr Clemens Boisseree und Tim Walther , schreiben Sie doch auch mal darüber , aus der Sicht eines Kneipenwirtes der sein Glas Bier für 1 €
Verkaufen muss , und ohne SKY schon lange das Licht ausgemacht hätte

1 Antwort
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von lattenjupp | #4-1

http://www.derwesten.de/staedte/essen/gastwirte-hilflos-gegen-das-sky-fussball-monopol-id5080983.html

21.05.2012
15:41
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von Ruhrfreibeuter | #3

Wieso wird immer wieder dieser falsche Begriff des "public viewing" genutzt?
Kann die DerWesten-Redaktion kein deutsch mehr schreiben?
"Rudelgucken" ist ein allgemein verständlicher und weit verbreiteter Begriff, der auch im Duden nachzuschlagen ist. Das Wichtigste ist jedoch, dass der Begriff des Rudelguckens inhaltlich korrekt ist und nicht wie der englische Begriff eine Aufbahrung eines Adeligen meint.
Ich hoffe, auch die Redaktion lernt nie aus.

21.05.2012
14:38
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von Stefan.Kober | #2

#1: Das ist natürlich richtig. Wir haben den Fehler inzwischen korrigiert.
Grüße,
Stefan Kober
Redaktion DerWesten

21.05.2012
13:54
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von Ueberruhri | #1

Also Fußballfans haben diesen Artikel wohl nicht verfasst. Diesen wäre nämlich aufgefallen, dass 1972 überhaupt keine WM war. ;-)

1 Antwort
Public Viewing - Bei der Fußball-EM 2012 bleibt manche Leinwand in Essen weiß
von klawiecz | #1-1

Da steht ja auch EM 1972 und nicht WM. Lesen müsste man können

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