Das aktuelle Wetter Essen 11°C
Architektur

In Kettwig weicht Industriearchitektur modernem Wohnen und Arbeiten

03.08.2012 | 14:00 Uhr
Blick auf das teilweise geräumte Gelände der Scheidt’schen Hallen. Heinz Schnetger zeigt auf das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Kammgarnspinnerei. Dort soll das gleichnamige Kreativquartier seinen Anfang nehmen.Foto: Jan Dinter/WAZ Fotopool

Essen.  Das Gelände der ehemaligen Kammgarnspinnerei ist fast geräumt. Nun kann die Vorbereitung für den Wohnungsbau und das neue Kreativquartier starten. Ab dem nächsten Jahr zieht neues Leben auf dem Areal der ehemaligen Scheidt’schen Hallen ein.

Häuserhoch türmen sich die Schuttberge an der Ringstraße in Kettwig. Dort, wo vor wenigen Wochen noch die Hallen der ehemaligen Kammgarnspinnerei standen, wuseln die Bagger und haben die alten Mauern der Scheidt’schen Fabrik in Schutt und Asche gelegt. Alte Industriearchitektur weicht modernem Wohnen und Arbeiten – und das in direkter Nähe zur Ruhr.

Baugebiete dieser Größe, so nah am Wasser, davon wird es im Essener Süden in naher Zukunft nicht mehr viele geben. Dazu kommt: Eine hohe Nachfrage nach gutem Wohnraum in bester Lage trifft dort momentan noch auf zu wenig Angebot. Das soll sich ändern.

Rund 160 Wohneinheiten auf einer Fläche von rund dreieinhalb Fußballfeldern wird das Wuppertaler Unternehmen Kondor Wessels am Kettwiger Ruhrufer errichten. Geplante Investitionssumme: 50 Millionen Euro. In wenigen Tagen kann die Erschließung beginnen, dann sind auch die letzten Reste der ehemaligen Fabrik, die bis vor wenigen Monaten ein Möbelhändler nutzte, dem Erdboden gleich gemacht.

Erste Häuser 2014 bezugsfertig

Im ersten Bauabschnitt sind 83 Eigentumswohnungen und 48 Mietwohnungen geplant. Bis die ersten Umzugswagen vorfahren werden, dürfte das Jahr 2014 angebrochen sein, schätzt Dirk Seidel, Prokurist bei Kondor Wessels.

Der Investor hat seinem Projekt den klangvollen Namen „Seepromenade“ gegeben. Die bei Essenern beliebte Spaziermeile wird künftig von einer Reihe exklusiver Stadtvillen gesäumt – alles Eigentumswohnungen mit gehobener Ausstattung und einer Größe zwischen 80 und 220 Quadratmeter.

Zwischen 2600 und 3500 Euro pro Quadratmeter müssen Käufer dafür hinlegen, für die Penthousewohnungen deutlich mehr. Es sind für Essen durchaus überdurchschnittliche Preise, für diese Lage jedoch nicht ungewöhnlich teuer.

Und Betongold ist dieser Tage gefragt. Glaubt man der Aussage von Seidel, dann ist das Interesse potenzieller Käufer schon „extrem hoch“. Seit das Bauschild an der Baustelle stehe, häuften sich die Anfragen bei der Sparkasse Essen, die schon bald mit dem Vertrieb startet und auch Geldgeber für das Projekt ist.

Arbeitsort für Kreative

Am nördlichen Rand der Schuttwüste trotzt das ehemalige Verwaltungsgebäude der Scheidt’schen Fabrik dem Abriss. Die alte Direction, sie bleibt erhalten und wird künftig weiter ein Ort der Arbeit sein – wenn auch nicht mehr der industriellen. In direkter Nachbarschaft zum Wohnpark entsteht das Kreativquartier Scheidt’sche Hallen. Hier soll künftig die Kreative Klasse der Stadt einziehen.

Ein neuer Arbeitsort nicht nur für Künstler, wie der Name vielleicht suggeriert, sondern für kreative Dienstleister, sagt Heinz Schnetger. Er ist Geschäftsführer der Grundstücksgesellschaft Kettwig GmbH, die die Gewerbefläche entwickelt und hinter der als Gesellschafter und mithin als Investoren die Familie Scheidt steht.

Arbeiten im beschaulichen Kettwig, direkt an der Ruhr - Schnetger setzt bewusst auf ein Kontrastprogramm zum eher trubeligen Rüttenscheid, wo man die Kreative Klasse der Stadt eher vermuten würde.

1000 Quadratmeter Bürofläche will die Grundstücksgesellschaft zunächst erschließen, nach Bedarf sollen es mehr werden: viele kleine Büros, flexibel planbar. Auf 10.000 Quadratmeter kann das Quartier so wachsen - sowohl in historischen Gemäuern als auch neuen Gebäuden, die geplant sind . Die ersten Mieter sollen Mitte nächsten Jahres einziehen. Auch die heute angesiedelten Künstler mit ihren Ateliers sollen weiter ihren Platz finden.

Für die Entwicklung des Quartiers wollen die Investoren insgesamt 16 Millionen Euro in die Hand nehmen. Mit fünf Jahren Bauzeit rechnet Schnetger.

Lange Diskussionen in Kettwig

Aus seiner Sicht sind die Scheidt’schen Hallen ein weiteres Beispiel dafür, wie sich der Strukturwandel in der Region vollzieht. Die Kettwiger indes stehen dem Millionen-Projekt gespalten gegenüber. Einerseits verschwindet ein bislang eher unattraktives Stück ihres Stadtteils. Fehlende Parkplätze, Angst vor mehr Verkehr und die Frage, was aus der beliebten Seepromenade wird, bestimmten lange Zeit die Diskussion. Schnetger ist jedoch überzeugt: „Kettwig erhält mit beiden Vorhaben eine Wasserfront, die in Essen nicht wiederholbar ist. Der Wohnstandort Kettwig wird an Qualität gewinnen“.

Schließlich kündigt sich in unmittelbarer Nähe bereits der nächste größere Wohnungsbau an. Das holländische Unternehmen Ten Brinke hat das Gelände der Weichenbau-Firma Markmann & Moll gekauft und will dort in ähnlich großem Stil Häuser errichten. Kettwig kommt.

Essens Schrott-Immobilien

Janet Lindgens



Kommentare
Aus dem Ressort
Essener hat schon 289 Mal sein Blut beim DRK gespendet
Blutspende
Wolf Tiemeier aus Essen-Holsterhausen hat seit seinem 18. Lebensjahr 289 Mal Blut und Blutbestandteile beim DRK gespendet. Damit ist er in der Stadt Rekordhalter. Die Spenden gehören für den 56-Jährigen mittlerweile zum Alltag. „Sie sollten für jeden selbstverständlich sein“, sagt er.
„Kolonnen halbverhungerter Menschen“ zogen durch Essen
KZ-Außenlager
Eine Gedenkstätte und eine Gedenktafel erinnern an die zwei Essener Außenlager des KZ Buchenwald, die vor 70 Jahren errichtet wurden und heute fast vergessen sind. Für eine Ausstellung im Haus der Essener Geschichte zum Thema Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeiter hat die Stadt aber kein Geld.
Acht Verletzte nach schweren Verkehrsunfällen in Essen
Unfall
Zwei schwere Verkehrsunfälle haben am Samstag in Essen die Rettungskräfte auf den Plan gerufen: An der Kreuzung Haedenkampstraße kollidierten gleich mehrere Fahrzeuge, sechs Personen wurden in Krankenhäuser gebracht. Auf der Gelsenkirchener Straße kam es zur Kollision mit einer Straßenbahn.
Essener Weihnachtsmarkt - Ärger über aggressive Bettler
Weihnachtsmarkt
Weihnachtsmarktbesucher und Standbetreiber ärgern sich über Obdachlose, Trinker und aggressives Betteln in der Essener City. Die Stadt reagiert mit Platzverweisen. Es gibt aber auch Verständnis für Menschen, die in Not geraten sind. Ein Händler beklagt die „Teilnahmslosigkeit“ von Passanten.
Fußball-Stars im Revier haben ihren Friseur in Altenessen
Friseur
Der Altenessener Mustafa Mostafa spielt als Torwart in der B-Kreisliga Fußball, ist aber Profi, wenn es um Haare von Schalkern und RWE-Kickern geht. Nicht nur Julian Draxler oder Sead Kolasinac kommen gerne und regelmäßig in das Haarstudio Sara am Palmbuschweg.
Umfrage
Die Bezirksregierung hat einen Baustopp für Teile Rüttenscheids, Bredeney und Stadtwald erlassen, weil die Entwässerung dieser Gebiete laut Behörde unzureichend ist. Wie beurteilen Sie die Situation?

Die Bezirksregierung hat einen Baustopp für Teile Rüttenscheids, Bredeney und Stadtwald erlassen, weil die Entwässerung dieser Gebiete laut Behörde unzureichend ist. Wie beurteilen Sie die Situation?

 
Fotos und Videos